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Historiker verteidigt seinen guten Ruf

Streit um die Benennung einer Straße in Oranienburg nach Gisela Gneist weitet sich aus

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Historiker Günter Morsch hat auch als Ruheständler noch immer einiges zu tun. Von 1993 bis 2018 leitete er die Gedenkstätte Sachsenhausen. Jetzt kümmert er sich als Projektleiter um eine Wanderausstellung zum Verlorenen Zug - einem Transport jüdischer Häftlinge aus dem KZ Bergen-Belsen, der im April 1945 nach einer Irrfahrt auf freier Strecke im brandenburgischen Tröbitz hielt. Dort wurden die Insassen schließlich von den sowjetischen Truppen befreit. Dieses Jahr soll die Ausstellung fertig werden und ab 9. November in der alten Brikettfabrik Louise bei Tröbitz gezeigt werden, danach an den Stationen, die der Verlorene Zug einst auf seiner Irrfahrt machte.

Zwischendurch musste Morsch einen Brief an Oranienburgs Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) schreiben. Er konnte nicht mehr schweigen zu dem umstrittenen Beschluss des Stadtparlaments, eine Straße im neuen Wohngebiet Aderluch nach Gisela Gneist zu benennen. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, deren Direktor Morsch bis 2018 gewesen ist, hatte vergeblich angeregt, den acht neuen Straßen die Namen von KZ-Häftlingen zu geben. Schließlich befand sich dort einst ein KZ-Außenkommando. Doch die Gisela-Gneist-Straße sorgt noch einmal ganz besonders für Verbitterung - auch international.

Denn wie das Münchner Institut für Zeitgeschichte belegte, zeigte Gneist, die von 1946 bis 1950 Häftling im sowjetischen Speziallager war, eine deutliche Nähe zu Neonazis. Sie verehrte außerdem den Arzt Hans Heinze, der wie sie selbst nach dem Zweiten Weltkrieg im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen interniert war und dort kranke Mithäftlinge pflegte. Allerdings war Heinze in der Nazizeit maßgeblich an der Euthanasie beteiligt, der Ermordung als lebensunwert angesehener Patienten. Das Problem, so eines Mannes ehrend zu gedenken, wollte Gneist nicht sehen, als sie von 1995 bis zu ihrem Tod 2007 an der Spitze der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 stand.

Die Historikerin Annette Leo und die Stasi-Landesbeauftragte Maria Nooke versuchten kurz vor Weihnachten, Gneist gegen die berechtigten Vorwürfe zu verteidigen. Dabei nannte Nooke ein dazu erstelltes Gutachten »einseitig« und Leo bedauerte, auf die polarisierenden Äußerungen von Gisela Gneist habe Morsch scharf geantwortet, anstatt einmal auf sie zuzugehen.

Damit nicht genug, verfasste auch noch der ehemalige Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski (CDU) am 2. Dezember einen Brief an Oranienburgs Bürgermeister Laesicke, in dem er diesen und die Stadtverordneten bittet, den »Beschluss zur Benennung einer Straße nach Gisela Gneist nicht zu widerrufen«. Dombrowski saß in der DDR nach einer gescheiterten Republikflucht im Gefängnis. Heute ist er Vorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. In dieser Eigenschaft schrieb er dem Bürgermeister und formulierte: »Herr Professor Morsch musste sich während seiner aktiven Zeit als Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen auch im Kulturausschuss des Landtags Brandenburg kritischen Fragen stellen, weil er die Opfer des sowjetischen Speziallagers von 1945 bis 1950 nicht ausreichend in Gedenken und Aufarbeitung mit einbezogen hatte.«

Das konnte Günter Morsch nicht auf sich sitzen lassen. Er stellte in einem Brief zwei Tage später klar, dass er die betreffenden Entscheidungen nie allein getroffen habe, sondern immer in Übereinstimmung mit den Gremien der Stiftung. Oft besichtigten Landtagsabgeordnete, darunter auch die Abgeordneten der CDU-Fraktion, Sachsenhausen. »Ganz überwiegend drückten sie dabei ihr Lob und ihre Anerkennung für die Arbeit der Gedenkstätte gerade auch im Hinblick auf den Umgang der Stiftung mit der zweifachen Vergangenheit Sachsenhauses aus«, schildert Morsch.

Die historischen Ereignisse angemessen darzustellen, ist nicht einfach. Erst war Sachsenhausen von 1936 bis 1945 Konzentrationslager, anschließend nutzte der sowjetische Geheimdienst NKWD einen Teil der Baracken als Speziallager, sperrte dort ganz überwiegend Nazis und Kriegsverbrecher wie Hans Heinze ein - aber auch politisch Missliebige, vermeintliche Gegner und Jugendliche, die zumeist wegen Waffenfunden verdächtigt wurden, sie wollten sowjetische Soldaten angreifen oder gehörten angeblichen Werwolf-Organisationen an.

Die Stiftung hat, so Morsch, stets darauf geachtet, beim Gedenken die beiden Phasen des Lagers voneinander zu trennen. Es sollte weder die Nazizeit durch den Hinweis auf das Speziallager verharmlost, noch sollte umgekehrt mit Blick auf die schlimmere Nazizeit das danach geschehene Unrecht bagatellisiert werden.

Morsch warb bei allen Seiten um Verständnis für diesen Kurs. Er glaubt, dass die Konzepte und Argumente der Stiftung weitgehend überzeugt haben. Dabei sei es für ehemalige KZ-Häftlinge verständlicherweise nicht leicht gewesen, das zu akzeptieren. Immerhin saß im Speziallager beispielsweise auch ein Kriminalbeamter, der gegen eine kommunistische Widerstandsorganisation im KZ Sachsenhausen ermittelt hatte, nachdem die SS im März 1944 den Häftling Friedrich Büker erwischte, wie er Radio Moskau hörte. Schlussendlich wurden 24 deutsche und drei französische Häftlinge erschossen.

Dass Morsch die KZ-Überlebenden dennoch überzeugen konnte, auch an das Speziallager müsse erinnert werden, bestätigen Dik de Boef und Andreas Meyer, Generalsekretär und Vizepräsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees. Man sehe es daran, so sagen sie, dass Vertreter der Organisationen der KZ-Häftlinge im Dezember 2001 an der Eröffnung des Speziallagermuseums teilnahmen. Meyer und de Boef erinnern daran, dass in der Gedenkstätte überall darauf hingewiesen wird, welche Bedeutung der jeweilige Ort in den zwei Perioden hatte. Das geht so weit, dass an der »Station Z« informiert wird, dass diese vom sowjetischen NKWD nicht benutzt wurde. Nur die Nazis verwendeten die »Station Z« - als Krematorium und Tötungsstation.

Meyer und de Boef werfen der Historikerin Leo und der Stasi-Beauftragten Nooke Ablenkungsmanöver vor, indem die Verantwortung für Gisela Gneists Verfehlungen bei Stiftungsdirektor Morsch gesucht werde. Dem Professor die Schuld zuzuschieben, ihm das Mitgefühl für die Häftlinge des Speziallagers abzusprechen, sei unangebracht. Es grenze an Rufschädigung.

Für Morsch sind Verleumdungen nichts Neues. Der gebürtige Saarländer wurde von Gisela Gneists Arbeitsgemeinschaft als »untralinker Alt-Achtundsechziger« denunziert. Er musste sich gerichtlich gegen Verleumdungen wehren, erhielt Morddrohungen. Mit Gneist war nur schwer auszukommen, mit den zwei Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft vor ihr sei eine sachliche Zusammenarbeit dagegen stets möglich gewesen und das galt auch bei allen inhaltlichen Differenzen für den noch amtierenden Vorsitzenden, versichert Morsch gegenüber »nd«.

Der 69-Jährige bedauert: »Die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Speziallager hat seit 1993 große Fortschritte gemacht, aber ein Teil von Politik und Öffentlichkeit hat diese leider immer noch nicht zur Kenntnis genommen, sondern hält an tradierten Legenden und Mythen aus der Zeit des Kalten Krieges fest.« Immer noch werde - wie schon in den 1950er Jahren - gern behauptet, in Sachsenhausen hätten gar nicht so viele ehemalige NS-Funktionäre gesessen, dafür beispielsweise angeblich ganz überwiegend Sozialdemokraten, die sich gegen die Vereinigung der SPD mit der KPD zur SED gewehrt hätten. Dies diente zuletzt auch als Argument, warum die SPD nicht Bodo Ramelow (Linke) zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen dürfe. Aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen wisse man aber, dass nur relativ wenige Häftlinge im Speziallager Sachsenhausen interniert waren, die vor 1933 oder nach 1945 formell ein SPD-Parteibuch besaßen.

Um die Zusammensetzung der Häftlingsgemeinschaft des Speziallagers Sachsenhausen noch genauer ermitteln zu können, bräuchte es den Zugang zu den Personenakten des sowjetischen Geheimdienstes. Diese lagern im Archiv des russischen Geheimdienstes FSB, erklärt Morsch. In den 1990er Jahren sei Einblick gewährt worden, nun aber seit vielen Jahren nicht mehr. Völlig ahnungslos ist die Wissenschaft deswegen aber nicht. Es gebe relativ zuverlässige Schätzungen aufgrund von großen Stichproben, erläutert Morsch. Alle Forschungen, nicht nur zu Sachsenhausen, sondern auch zu anderen sowjetischen Speziallagern, konnten nachweisen, dass sich die in den Listen des Geheimdienstes genannten einfachen Zahlen und Fakten zumeist belegen lassen. Die Hintergründe der Verhaftungen aber ließen sich ohne die Einsicht in die Personenakten kaum rekonstruieren.

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