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  • Handball-EM in Ungarn

Die Angst vor der Masse

Ungarn macht zur Handball-EM die Hallen voll. Die Gäste mögen das nicht, und zum Auftakt hält das Heimteam dem Druck nicht stand

  • Von Michael Wilkening, Bratislava
  • Lesedauer: 4 Min.
Zum EM-Auftakt war die Halle in Budapest voll. An fehlender Unterstützung lag es nicht, dass Ungarn verlor.
Zum EM-Auftakt war die Halle in Budapest voll. An fehlender Unterstützung lag es nicht, dass Ungarn verlor.

Vielleicht waren einfach zu viele Menschen an einem Ort versammelt. Diesen Gedanken musste man haben, wenn man hörte, was Marton Szekely sagte. »Die Erwartungen waren riesig, der Druck war zu groß«, erklärte der Torhüter der ungarischen Handball-Nationalmannschaft am Donnerstagabend. Er stand vor einer Sponsorenwand in der riesigen Arena in Budapest und sollte Argumente für etwas liefern, was bis kurz zuvor außerhalb der Vorstellungskraft aller Beobachter gelegen hatte. Ungarn und die Slowakei richten gemeinsam die Handball-Europameisterschaft aus und die Ungarn verbinden mit dem Heimvorteil die Aussicht, eine Medaille zu gewinnen. Die Euphoriewelle, die durchs Land schwappen sollte, ist allerdings erst einmal von einem Felsen ausgebremst worden, der eigentlich der kleinste hätte sein sollen. Ungarn verlor sein erstes Vorrundenmatch gegen die Niederlande überraschend mit 28:31.

»Wir haben einen großen Druck gespürt, wir waren nicht frei in unserem Spiel«, sagte Torwart Szekely, während sich die Zuschauerränge so langsam leerten. Mehr als 20 000 Menschen waren beim EM-Auftakt dabei gewesen, die europaweit größte Handball-Halle hatte vor und während des Spiels Bilder geliefert, die es seit knapp zwei Jahren nicht mehr gegeben hatte. Die Arena war komplett gefüllt mit Fans, die eine Stimmung entfachten, wie sie vor der Corona-Pandemie typisch für Spiele der Gastgeberländer bei großen Turnieren war. Oft hilft eine solche Unterstützung, damit die Heimmannschaft über sich hinauswächst, manchmal lähmen die Erwartungen aber auch das eigene Team. Den Ungarn widerfuhr gegen die Niederländer letzteres.

Bei der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Sommer hatte die ungarische Regierung unter dem Rechtspopulisten Viktor Orbán schon einmal unter Beweis gestellt, dass sie im Umgang mit dem Coronavirus andere Maßstäbe ansetzt als die meisten anderen Staaten in Europa. Während der europaweit ausgetragenen Partien waren nur in Budapest alle Plätze gefüllt, an allen anderen Standorten hatte es Zuschauerbeschränkungen gegeben, um die Ausbreitung des Erregers einzudämmen. Die Bilder aus Ungarn hatten vor ein paar Monaten für Verwunderung gesorgt und tun das auch jetzt wieder.

An den drei ungarischen Spielorten der Handball-EM dürfen die Arenen zu 100 Prozent ausgelastet werden, während beim Co-Gastgeber Slowakei nur 25 Prozent der Plätze verkauft werden dürfen. Es gilt eine 3G-Regelung, das Tragen einer FFP2-Maske ist verpflichtend und diese Vorgabe wurde bei der Partie der Ungarn gegen die Niederlande immerhin überwiegend eingehalten.

Bei den deutschen Handballern wird mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand davon gesprochen, dass es ein Standortvorteil sein könnte, dass sie in der Vor- und möglicherweise auch in der Hauptrunde in Bratislava antreten, wo für ihr Empfinden die Hygienemaßnahmen zum Schutz vor Infektionen besser umgesetzt werden. Der Eindruck, dass der Umgang mit den Gefahren der Pandemie in Ungarn weniger streng ist als in der Slowakei, hat sich bei den Deutschen verfestigt. »Ich habe hier noch niemanden ohne Maske gesehen«, berichtete Julius Kühn aus Bratislava.

Der Rückraumspieler hat aber die Berichte aus Ungarn vernommen, in denen sich einige in Ungarn angesiedelte EM-Teams darüber beschweren, dass die Hygienerichtlinien in den dortigen Hotels nicht eingehalten würden. »Wir waren verblüfft, um nicht zu sagen schockiert über die Bedingungen, unter denen der Wettbewerb stattfindet«, hatte etwa der französische Topstar Nikola Karabatić nach der Ankunft am Spielort der Franzosen in Szeged gesagt. »Wir haben uns an strenge Protokolle gehalten, um uns nicht mit dem Virus anzustecken. Und dann kommen wir hier im Hotel unter Gästen an, die keine Masken tragen.« Bislang gibt es im Team des Olympiasiegers wie auch bei den Deutschen noch keine positiven Fälle, aber Karabatić und seine Kollegen sorgen sich darum, dass die hohen sportlichen Ambitionen des Mitfavoriten durch Infektionen ausgebremst werden.

Der europäische Handballverband (EHF) hat angekündigt, dass er nachschärfen wolle, um die Sicherheit der Spieler zu gewährleisten. Auf die Bildung einer »Blase« wie bei den vorherigen Turnieren verzichteten die Ausrichter bei dieser Europameisterschaft. Jetzt wären sie auch nicht mehr in der Lage, noch eine einzurichten. Die EM-Organisatoren, besonders die in Ungarn, sind ein Risiko eingegangen, und in den kommenden beiden Wochen wird sich zeigen, ob das beherrschbar ist.

Mit diesen Überlegungen beschäftigen sich die ungarischen Handballer gerade nicht – es gibt aus ihrer Sicht wichtigere Dinge. Am Sonntag gegen Portugal und am Dienstag gegen Island muss die Mannschaft des Co-Gastgebers gewinnen, um die Hauptrunde doch noch zu erreichen und im Turnier zu verbleiben. Nach dem fünften Platz bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr wäre ein schnelles Ausscheiden beim Heimevent ein sportliches Desaster. In beiden Partien werden erneut 20 000 Menschen in der riesigen Arena in Budapest die Tribünen bevölkern. Es gibt aus Sicht der Veranstalter jedenfalls keinen Grund, die Kapazitäten zu verringern – nicht wegen des damit steigenden Drucks auf die Heimmannschaft und auch nicht wegen der Pandemie.

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