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Lichtblick am grünen Horizont

In Mexiko könnte Cannabis schon bald legalisiert werden. Ein Protestcamp in der Hauptstadt wirbt seit zwei Jahren dafür

  • Von Moritz Osswald, Mexiko-Stadt
  • Lesedauer: 6 Min.

Irgendwas riecht hier verdächtig. Würzig-süßlich, pflanzlich, illegal. Der Geruch passt nicht ganz zum Flair der Straße: Die Prachtstraße Paseo de la Reforma in Mexiko-Stadt beherbergt Luxushotels und Banken. Wichtige Menschen in teuren Anzügen hasten hier mit einer für hiesige Verhältnisse seltsam anmutenden Hektik durch den Betondschungel. Doch auf Höhe der Metrobus-Station stoppt das Gewusel kurz. Klischee-Kiffer und Anzugträger, Rentnerinnen und Arbeiter lehnen sich im kleinen Park Louis Pasteur zurück und inhalieren gemeinsam. Für ein paar Minuten oder Stunden lösen sich alle sozialen Unterschiede auf. Die Polizei steht gelangweilt mit zwei Einsatzwagen am Straßenrand und guckt den grinsenden Gesichtern zu.

Ist Gras in Mexiko also schon legal? Auch Orlando Daniels muss grinsen. Nein, sonst gäbe es das Protestcamp wohl nicht, meint der 36-Jährige. Mitten in dem kleinen Park, abgegrenzt durch rotes Gitter, ist ein Zentrum des Protests entstanden. Es ist einer der wichtigsten Orte des mexikanischen Cannabis-Aktivismus: das Plantón 420. Orlando Daniels hat erst mit 31 Jahren angefangen, sich für die Pflanze Hanf zu interessieren - ein Parkinson-Fall eines Verwandten brachte ihn dazu. In den letzten fünf Jahren widmete er einen Teil seines Lebens der Normalisierung und Legalisierung des Konsums. Mittlerweile ist das Plantón 420 zu einer Institution geworden, Daniels will es als »Kulturzentrum« sehen.

Unweit der Küche stößt Edgar zum Gespräch dazu. Er schlängelt sich langsam aus seinem Zelt, das Gesicht offenbar noch in der Tiefschlafphase. Zum Klarkommen zündet er sich seine Haschpfeife an und teilt solidarisch. Sieben Menschen wohnen dauerhaft im Camp - Edgar ist einer von ihnen. Mehr als 400 Pflanzen wachsen auf dem Platz. Sie seien symbolisch als Protest gepflanzt worden, sagen die Aktivist*innen. Dabei verfolgt Mexiko dieselbe repressive Drogenpolitik wie der Großteil aller Staaten weltweit. Die illegale, aber geduldete Cannabis-Mahnwache befindet sich mit Absicht auf der berühmten Avenida Reforma: Sie grenzt nämlich direkt an das Gebäude des Senats der Republik. Zwar am Seiten- und nicht am Haupteingang, aber dennoch. So können immer wieder Senator*innen mit dem Protest konfrontiert werden.

Insektenhotel, Hühnerstall, eine Meditationsecke, Gemeinschaftsküche: Das Camp ist eine gelebte Hippie-Utopie. Es gibt einen Frauenkreis, einen Schachklub, Kurse für einen Cannabis-Eigenanbau. Wer sich in der Materie weiterbilden will, besucht die »Cannabis-Schule« und macht dort sein Diplom. Dauer? Eine Woche. Ricardo, ein Absolvent, löst seinen Kumpel Edgar mit der Pfeife ab - Arbeitsteilung. Er erklärt: »Man lernt dort Zubereitungsmethoden, Rechtliches, Erste-Hilfe-Maßnahmen.« Auch korrektes Bongrauchen stehe auf dem Programm, ergänzt Ricardo.

Eine der Hauptforderungen der Aktivist*innen ist die Cannabis-Freigabe ohne feste Bedarfsgrenze - Konsument*innen könnten demnach 10, 100 oder 1000 Gramm mit sich führen. Ein bisschen viel verlangt, könnte man meinen. Warum nicht mit 20, 30 Gramm zufriedengeben? Hinter der Forderung steckt allerdings nicht das angestrebte Gras-Delirium, sondern ein handfestes gesellschaftliches Problem: »Beträgt die erlaubte Grenze etwa 30 Gramm, dann ›sät‹ dir die Polizei eben ein paar Gramm mehr - und du bist am Arsch«, erklärt Daniels. Die massive Korruption von Polizei und Behörden mache eine festgelegte Grenze zum Luftschloss. 28 Gramm sind momentan im Falle einer Legalisierung festgesetzt.

Der Aktivist betont: »Es geht hier nicht bloß ums Kiffen. Unsere Rechte als Konsumenten werden missachtet.« Seit über zwei Jahren existiert die Mahnwache; lachende Menschen, ausgelassene Stimmung und gelegentlich Musik am Abend täuschen darüber hinweg, dass es hier nicht bloß Luft und Liebe gibt. Campbewohner Edgar erklärt, dass es Schichten für die Nachtwache gibt. Nachtwache? »Ja, denn immer wieder kommt es vor, dass Leute unsere Pflanzen klauen wollen - selbst ohne Blüten. Sie denken, dass man die Blätter rauchen und davon high werden kann.«

Wer durch den kleinen Park vor dem Plantón-Camp schlendert, wird immer wieder von der Seite angezischt. »Pssst, Gras! Weed, Hasch, was willst du Kumpel?«, so die Präsentation der Produktpalette. Dass Dealer seelenruhig vor dem Senat und vor den Augen der Polizei verkaufen, ist nicht im Sinne der Aktivist*innen. Es gebe keinerlei Form von Verkauf innerhalb des Plantóns, versichern die Betreiber*innen - zudem hätten die Dealer Abmachungen mit der Polizei, um geduldet zu werden. In den letzten zwei Jahren kam es immer mal wieder zu Prügeleien zwischen lokalen Dealern, wahrscheinlich wegen der heiß begehrten Verkaufsfläche.

Das fand zwar nie im Plantón statt, die Presse stürzte sich dennoch gierig darauf. Speziell den einflussreichen Ciro Gomez Leyva, dessen Programm zum Medienkonzern Grupo Imagen gehört, kritisiert Aktivist Daniels. Die brachten immer wieder Reportagen, die das Camp mit Gewalt und Anarchie in Verbindung brachten. Schwer zu glauben, wer mit den Leuten innerhalb des roten Zauns redet.

Grasaktivist Orlando Daniels erklärt den Zyklus der Pflanzen. 18 Stunden Licht, sechs Dunkelheit in der Wachstumsphase, zwölf/zwölf während der Blütezeit - eigentlich simpel. Doch die immense Lichtverschmutzung der Megametropole wirft das Konzept komplett über den Haufen. Dennoch wachsen und gedeihen die Pflanzen hier, umsäumt von Straßenlärm, Luftverschmutzung und einem nicht gerade nährstoffreichen Boden. Die Pflanze sei sehr anpassungsfähig, sagt Daniels.

Eine Legalisierung würde Millionen von Nutzer*innen ein stressfreieres Leben ermöglichen. Aber sie ist auch kein Allheilmittel. Manch euphorischer Legalisierungsbefürworter führt gerne das Argument an, dass sie den illegalen Markt austrocknen und somit mächtigen Drogenkartellen das Handwerk legen würde. Das ist jedoch Wunschdenken. Die sogenannten Drogenkartelle in Mexiko würden eine Legalisierung von Cannabis locker verkraften. Verkauf von Edelhölzern, die Übernahme der Avocadoproduktion in vielen Landesteilen, die Bergbauindustrie sowie Menschenhandel, Zwangsprostitution und Erpressung: Die einstigen Drogenkartelle verdienen ihr Geld längst nicht mehr bloß durch den Verkauf von Drogen. Sie haben expandiert und ihre Geschäftsfelder diversifiziert. Das sollte nicht überraschen; schließlich sollte man sie als Unternehmen im kapitalistischen System betrachten. Auch wenn sie in der Schattenwirtschaft agieren.

Ein steter Expansionszwang und die Diversifizierung der Einnahmequellen sind also logische Folgen. So lässt sich der unglaubliche Einfluss jener kriminellen Gruppen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auch besser verstehen. Die mexikanischen Drogenkartelle sind ein Resultat eines besonders krassen Kapitalismus - Gewinnsteigerung um jeden Preis. Völlig egal, wie viele Menschen dafür getötet und gefoltert werden oder irgendwie verschwinden.

Mit der Entkriminalisierung und Legalisierung von Cannabis geht es in Mexiko voran. Auch wenn die Geschwindigkeit zu wünschen übrig lässt. Etwa 70 Prozent der Mexikaner*innen sprechen sich mittlerweile für die Aufhebung des Verbots aus, wie eine Studie des Zentrums für öffentliche Meinung der Universidad del Valle de México Ende vergangenen Jahres aufzeigt. Generell war 2021 ein gutes Jahr für den Cannabis-Aktivismus des nordamerikanischen Staats.

Der SCJN, höchste gerichtliche Instanz und sozusagen das Bundesverfassungsgerichts Mexikos, erklärte das generelle Verbot von Cannabis als verfassungswidrig. Damals bezeichnete der Präsident des Gerichtshofs, Arturo Zaldívar, das gefällte Urteil als »historisches Ereignis für die Freiheitsrechte«. Aber dieses so historische Urteil in politisch Handfestes umzumünzen, das wird nun eine Herausforderung.

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