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Hartnäckiger Nagelpilz

Die Behandlung dauert einige Monate - oft lassen sich Anti-Pilz-Tabletten nicht vermeiden

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.

Brüchige, gelblich verfärbte Nägel: Eine Zierde ist das nicht. Den meisten Menschen ist es daher unangenehm, wenn ihre Nägel von einem Pilz befallen sind. »Gesunde Nägel sind eine Visitenkarte«, sagt Hans-Jürgen Tietz vom Institut für Pilzkrankheiten in Berlin. »Wenn sie krank sind, wird das gesehen. Das kann zu einem argen Leidensdruck führen, gerade bei Kindern.« In der Tat kommt die Infektion, die vor allem bei älteren Erwachsenen sehr häufig ist, inzwischen immer öfter bei Kindern vor.

Dafür gibt es mehrere Gründe. »Typischerweise stecken sich Kinder in der Familie an. Zum Beispiel gibt der Großvater die Infektion an den Enkel weiter«, berichtet Tietz, der unter anderem Facharzt für Mikrobiologie ist. Die Corona-Pandemie habe indirekt zur Ausbreitung beigetragen: In häuslicher Isolation sei das Risiko einer Ansteckung nämlich noch größer, meint der Mediziner. Hinzu kommt, dass manche Menschen aufgrund ihrer Veranlagung anfälliger sind für Pilzerkrankungen. Das führt dazu, dass es Familien gibt, in denen Fuß- und Nagelpilz besonders häufig vorkommen. Beide Phänomene hängen eng miteinander zusammen: Fast immer geht einem Nagelpilz eine Fußpilzinfektion voraus - nur wird diese manchmal, gerade bei Kindern, nicht bemerkt.

Aber auch die Schuhe spielen eine große Rolle. »Wenn sie wenig atmungsaktiv sind, fangen die Füße schnell an zu schwitzen. Das begünstigt eine Infektion«, erklärt der Experte für Mykologie (Wissenschaft von den Pilzen), Pietro Nenoff aus Leipzig. In feuchte, aufgeweichte Haut können Pilze leichter eindringen. Besonders gefährdet sind Fußballer und andere Sportler, da bei ihnen noch ein weiterer Faktor hinzukommt: »Infolge von Druck und Stößen kommt es am Fuß zu Minimaltraumata. Solche winzigen Verletzungen sind eine ideale Eintrittspforte für Pilzerreger«, sagt Nenoff. Aus mykologischer Sicht sei Fußball daher ein »Hochrisikosport«.

Die meisten Fuß- und Nagelpilz-Infektionen gehen auf die Fadenpilzart Trichophyton rubrum zurück. Der Pilz ist Tietz zufolge inzwischen »weltweit die Nummer eins«, weil seine Sporen extrem hartnäckig sind. »Sie überleben bei minus 20 bis plus 80 Grad«, erklärt der Experte. Hinzu kommt, dass man keine Immunität gegen diesen und andere Pilzerreger aufbaut, sich also immer wieder anstecken kann. Dennoch hat der Dermatologe auch eine gute Nachricht: »Wenn die Diagnose stimmt, lässt sich eine Pilzinfektion immer heilen.«

Doch gerade hier liegt das Problem. »Eine reine Blickdiagnose ist bei Nagelpilz nicht sicher«, betont Tietz. Ist ein Nagel deformiert oder verfärbt, kann das nämlich auch ganz andere Gründe haben. Zum Beispiel kann eine Schuppenflechte oder eine Reaktion auf giftige Nagellacke dahinterstecken. Daher ist es wichtig, bei Nagelproblemen zum Hautarzt zu gehen. Dort sollte eine Probe des kranken Nagels genommen und im Labor untersucht werden. Bestätigt sich der Verdacht, schließt sich eine meist langwierige Behandlung an: Sie dauert bei Erwachsenen meist neun bis zwölf Monate. Dennoch lohnt sich der Aufwand. »Wenn man nichts tut, wird nur alles schlimmer«, sagt Nenoff. »Von alleine verschwindet eine Nagelpilzinfektion so gut wie nie.« Sie ist zwar nicht akut bedrohlich, kann aber psychisch belastend sein und Folgen für die Gesundheit haben.

»Zum Beispiel kann es zu Nagelbettentzündungen kommen«, sagt Nenoff. Besonders gefährdet sind Diabetiker. Bei ihnen können sich aus solchen Sekundärinfektionen leicht größere, schlecht heilende Wunden entwickeln. Abgesehen davon kann der Pilz sich auch ausbreiten und etwa Hände und Fingernägel befallen. Es gibt noch einen weiteren Grund, der für eine Behandlung spricht: Wer nichts unternimmt, bleibt für seine Umgebung weiter ansteckend. Gerade in Familien ist es wichtig, dass alle betroffenen Mitglieder therapiert werden - sonst kommt es immer wieder zu Ansteckungen.

In Apotheken gibt es ein größeres Angebot an rezeptfreien Anti-Pilz-Nagellacken und -Tinkturen. Solche Mittel reichen aber nur in leichteren Fällen: nämlich dann, wenn weniger als die Hälfte des Nagels und nicht mehr als drei von zehn Zehen befallen sind. Sonst kommt man nicht darum herum, auch Anti-Pilz-Tabletten zu nehmen. Eine solche systemische Therapie sei bei stärkerem Befall alternativlos, erklärt Tietz. »Wichtig ist aber eine zusätzliche Lokalbehandlung. Man muss den Pilz sozusagen in die Zange nehmen.«

Manche Hautärzte setzen als weiteren Therapiebaustein auf eine Laser-Behandlung des kranken Nagels. Die dadurch erzeugte Hitze soll dem Pilz den Garaus machen. »Zum Teil berichten Ärzte von guten Erfahrungen«, sagt der Leipziger Dermatologe Nenoff. »Aber niemand kann sagen, welches Therapieelement für den Erfolg ausschlaggebend war.« Insgesamt seien die hohen Erwartungen, die vor einigen Jahren in die Lasertherapie gegen Nagelpilz gesetzt worden waren, bislang enttäuscht worden. »Es kommt dadurch höchstens kurzfristig zu einer Besserung«, sagt er.

Anti-Pilz-Medikamente sind vielen Patienten nicht geheuer. Vor allem stehen diese im Ruf, die Leber zu schädigen - eine Gefahr, die laut Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen sehr gering ist. Auch Pietro Nenoff hält die Bedenken für ungerechtfertigt: »Die Medikamente sind sicher.« Am häufigsten wird nach wie vor Terbinafin verschrieben. »Allerdings haben wir inzwischen Resistenzen beobachtet«, sagt er. »Das sind nur einzelne Fälle, aber man sollte wachsam sein.«

Welches Medikament auch immer verschrieben wird: Inzwischen hat sich die Erfahrung durchgesetzt, dass geringe Dosen, die über eine lange Zeit hinweg genommen werden, reichen - auch wenn es dazu keine Studien gibt. So verordnet der Mykologie-Experte Tietz seinen Patienten nur an drei Tagen hintereinander je eine Dosis, danach nur noch eine pro Woche. Das entspreche der Biologie des Pilzes: »Die Sporen keimen im Wochenrhythmus aus.« Die »Low dose«-Therapie muss - in Kombination mit der örtlichen Behandlung - so lange fortgesetzt werden, bis der Nagel gesund nachgewachsen ist.

Für Kinder sind die gängigen Medikamente offiziell nicht zugelassen, da entsprechende Studien fehlen. Dennoch empfiehlt Tietz bei stärkerem Nagelpilz auch für sie zusätzlich Tabletten, allerdings je nach Alter in kleineren Dosen. »Die Mittel sind normalerweise gut verträglich«, versichert er. Wer konsequent am Ball bleibt, hat nach einigen Monaten wieder einen gesunden, rosigen Nagel.

Doch oft kehrt der Pilz schon bald zurück: Nenoff zufolge liegt die Rückfallquote bei 20 bis 25 Prozent. »Zur Vorbeugung empfehle ich, die Nägel ab und zu mit Anti-Pilz-Lack zu behandeln«, sagt der Hautarzt.

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