100 Tage Ultimatum

Noch vor der Landtagswahl im Mai wollen Beschäftigte der NRW-Unikliniken eine Entlastung

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Gerd Küpper arbeitet als Krankentransporter am Uniklinikum in Essen. Das Klinikum im Ruhrgebiet hat 7950 Mitarbeiter. Küpper kommt viel rum, er fährt Patienten von einer Station zur anderen. Bei einer Pressekonferenz der Gewerkschaft Verdi berichtete er am Donnerstagnachmittag aus seinem Arbeitsalltag. »Der Druck nimmt zu, die Stimmung unter den Kollegen wird immer schlechter«, so sein nüchterner Befund. Das ziehe sich durch alle Bereiche. Reinigungskräfte hätten größere Flächen zu putzen. »Die Servicekräfte müssen zu viele Essen verteilen und zu viele Zimmer vorbereiten. Die Handwerker sind zu wenige, um eine Klinik – eine Kleinstadt – in Schuss zu halten«, so Küpper. Auch die Pflegeteams hätten zu wenig Zeit für die Patienten. Der Krankentransporter fordert: »Wir brauchen überall mehr Personal!« Er forderte die nordrhein-westfälische Landesregierung auf, diesen Appell ernst zu nehmen. »Sonst stellen wir uns mit motivierten Kollegen dagegen.«

Gerd Küpper ist nicht alleine. Am Mittwoch haben sich etwa 700 Mitarbeiter der sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen bei einer Videokonferenz getroffen. Sie fordern einen Tarifvertrag Entlastung. Solche Tarifverträge, die vor allem auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen abzielen, gibt es mittlerweile an zahlreichen Kliniken in Deutschland. In Mainz gab es schon Ende 2019 eine Einigung auf einen Entlastungstarifvertrag, an der Berliner Charité im vergangenen Herbst. Die Auseinandersetzung an der Charité wird von Beschäftigten aus Nordrhein-Westfalen auch immer wieder als Vorbild genannt. Etwa von Lisa Schlagheck. Sie arbeitet als Pflegekraft in der Notaufnahme des Uniklinikums in Münster. Ihr Arbeitsalltag sei voller Belastungen, berichtet Lisa Schlagheck. In der Notaufnahme gebe es zu wenig Personal. Sie und ihre Kollegen würden ständig länger arbeiten und auf Pausen verzichten. Bei den Patienten müsse sie »ständig priorisieren«. Das bedeutet, dass Menschen mit Schmerzen unbehandelt warten müssen, wenn dringendere Fälle reinkommen. »Die Arbeit laugt einen aus«, erklärt Schlagheck. Deswegen unterstützt sie die Forderung nach einem Tarifvertrag Entlastung. Gerade während der zwei Jahre der Corona-Pandemie sei in den Kliniken »Außerordentliches und außerordentlich viel geleistet« worden. Deswegen sei es jetzt Zeit für eine »außerordentliche Kraftanstrengung« der Politik, um die Arbeitsbedingungen an den Unikliniken zu verbessern. Schlagheck gibt sich ebenso kampfbereit wie ihr Kollege aus Essen. Wenn sich bis zum Ablauf des 100-Tage-Ultimatums nichts getan habe, werde man »zusammenstehen« und die Forderungen »durchkämpfen«.

Die Beschäftigten und die Gewerkschaft nennen ihr Ultimatum einen »Notruf«. Im Wesentlichen fordern sie drei Dinge. Erstens soll die Personalbesetzung verbindlich festgeschrieben werden. Zweitens fordern sie einen Belastungsausgleich bei Unterbesetzung. Dieser soll nicht in erster Linie über Geld stattfinden, sondern über Freizeit. Und drittens sollen die Bedingungen für Auszubildende in den Unikliniken verbessert werden. Sie sollen die Möglichkeit haben, vernünftig zu lernen und nicht mit überfordernden Aufgaben belastet zu werden.

Für die Verdi-Gesundheitsexpertin Katharina Wesenick ist klar, dass die miese Situation im Gesundheitswesen »politisch erzeugt« ist. Deswegen werden die Forderungen auch direkt an die Landesregierung aus CDU und FDP gestellt. »Unser Ziel ist es, vor dem Ablauf des Ultimatums ohne Eskalation zu einer Lösung zu kommen, die sowohl Beschäftigten als auch Bürgerinnen und Bürgern ein sicheres Gesundheitssystem ermöglicht«, erklärt Wesenick. Sollten die Regierungspolitiker und Arbeitgeber die Zeit nicht nutzen, werde man mit den »Möglichkeiten einer Gewerkschaft« Druck machen. Das Ultimatum endet am 1. Mai. Am 15. Mai wählt Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag.

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