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Patagoniens Arche der Natur

Reißende Flüsse und hängende Gletscher, Urwälder und Vulkane prägen den Süden Chiles. Vor drei Jahren stellte das Land eine Fläche von der Größe der Schweiz unter Schutz - zu entdecken bei einer Fahrt über die «Route der Parks»

  • Von Oliver Gerhard
  • Lesedauer: 7 Min.

Elf Tage Regen ohne Pause - das war das Maximum«, sagt Sole Sánchez. »Manchmal fällt hier an einem Morgen mehr Niederschlag als in Santiago de Chile im ganzen Jahr. Du fragst dich: Warum so viel Wasser? Wohin geht dieses ganze Wasser?« Wenn die Lodge-Managerin Sánchez über den Regenwald spricht, fangen ihre Augen unter der schwarzen Baskenmütze an zu leuchten und beinahe jeder Satz wird zur Liebeserklärung.

Gebannt hängen die Gäste des rustikalen Cafés im Nationalpark Pumalín Douglas Tompkins an den Lippen der Frau, die seit sechs Jahren in dieser Wildnis wohnt - auch im regenreichen Winter. »Das Leben ist dann hart - aber es wird nie langweilig. Ich entdecke jedes Mal neue Wasserfälle, neue Pflanzen, neue Pilze.« Naturschätze, die erst seit wenigen Jahren in dem 4000 Quadratkilometer großen Park unter Schutz stehen.

Die Infrastruktur ist noch einfach, die Natur noch wild, die Besucherzahl noch niedrig, sodass man beim Wandern selten einem Menschen begegnet: Wasser sprudelt durch hängende Gärten, in der Ferne tost ein Bergfluss. Die Moosteppiche, die wie eine zweite Haut um die Baumstämme der Urwaldriesen liegen, fühlen sich an wie ein nasser Teppich. Dicke Baumwurzeln liegen wie die Netze urzeitlicher Spinnen über dem Boden.

Dass man diese Landschaft heute so ursprünglich genießen kann, ist nicht selbstverständlich: Die Pioniere sahen in den Bäumen, die Patagonien bedeckten, vor allem Hindernisse - und Rohstoffe. Sie brannten die Wälder nieder und machten das Land urbar. Sie verdrängten und töteten die Ureinwohner, die hier im Einklang mit der Natur lebten. Holz nutzten sie als Baumaterial für ihre Häuser - und sogar als Währung.

Erst spät hielten die Ideale von Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Süden Chiles Einzug. Vor drei Jahren entstand die »Route der Parks«, eine 2800 Kilometer lange Panoramastraße, die Puerto Montt mit Kap Hoorn verbindet - anfangs noch über Asphaltstraßen, später über raue Pisten, unterbrochen durch Abschnitte mit der Fähre. 17 Nationalparks reihen sich entlang der Route aneinander, fünf davon wurden neu gegründet.

Die Idee zu diesem gigantischen Naturschutzprojekt hatten Douglas und Kris Tompkins, einst Chefs der Firmen North Face, Esprit und Patagonia. Nach ihrem Rückzug aus dem Geschäftsleben kauften sie Land in Patagonien, um es in Reservate zu verwandeln und die einheimische Tierwelt zu bewahren. 2018 vermachten sie alles Chile - die größte Schenkung, die je ein Staat in Südamerika von Privatleuten erhielt.

Bedingung war, dass die Regierung ebenfalls großzügig Land einbrachte. Und so entstanden 4,5 Millionen Hektar neue Schutzgebiete - die gesamte Schweiz fände darin Platz. Vor zwei Jahren übernahm Chile die neuen Nationalparks, manche davon so unberührt, dass es nicht einmal Zufahrtswege gibt. Sie umschließen die letzten intakten Urwälder, einsame Inseln, Teile des Nördlichen Eisfeldes - und Vulkane wie den Chaitén im Park von Pumalín.

»Wir dachten alle, er sei erloschen«, sagt Aaron Ovando. »Doch dann bebte die Erde und Asche fiel vom Himmel.« Am 2. Mai 2008 brach der Vulkan aus, nachdem er 9000 Jahre lang geschlafen hatte. Die Asche brachte den Schnee zum Schmelzen, der Río Blanco trat über die Ufer und wälzte sich als Schlammlawine durch die Stadt Chaitén.

Nebel über dem Krater

»Und nun müssen wir mit diesem Caballero leben«, sagt der 37-Jährige und deutet zu dem wolkenverhangenen Gipfel. Der Ranger führt zum Krater, immer dichter wird der Nebel, weiße Baumstämme liegen in Reih und Glied, gefällt vom Feuersturm. Zungen aus Basalt und Obsidian lecken an den Hängen. Man könnte sich in einen Schwarz-Weiß-Film versetzt fühlen, würde nicht hin und wieder eine orangefarbene Riesenhummel vorbeifliegen.

Dann steht man am Kraterrand, die Ohren fühlen sich an wie mit Watte verstopft inmitten der sprichwörtlichen Totenstille. Ein kühler Wind weht Nebel aus dem Schlund, ein Anblick, als würde immer noch Asche aufsteigen. Doch dann lässt ein Chucao, ein einheimischer Sperlingsvogel, sein schrilles Zwitschern erklingen - und bricht den Bann. Zeit für den Abstieg!

Auf einer großen Wiese am Rand von Chaitén haben sich indessen Gauchos versammelt. Familien lagern beim Picknick, Kinder toben, es riecht nach Gras und Pferdeäpfeln. Männer mit großen Baskenmützen und Bierdosen palavern. Plötzlich ein Schrei: Hufe donnern und Pfiffe gellen, zwei Reiter jagen nebeneinander her und treiben ihre Tiere mit einem Lederriemen durchs Ziel.

»Ahh, verloren!« stöhnt Benjamin Varga in den lauten Jubel, bevor er doch lachen muss. Der Viehzüchter - Schnauzer, struppige Augenbrauen, Lasso in der Hand - hat heute zwei Pferde am Start. »Wir haben um ein Lamm gewettet«, sagt der 62-Jährige. »Und damit es nicht so alleine ist, habe ich noch fünf Liter Wein draufgelegt.«

Inzwischen stellt der Ansager einen neuen Wettkämpfer vor: »Das nächste Pferd heißt No-me-toques, Fass-mich-nicht-an - na, das kann ja nur weiblich sein«, lästert er und hat die Lacher auf seiner Seite. Doch das Grinsen vergeht den Männern im nächsten Rennen, als Alejandra Gallardo über die Ziellinie jagt - als Siegerin. »Ich bin die einzige Frau in der Region, die an Rennen und Rodeos teilnimmt«, erzählt die 24-Jährige. Sie reitet, seit sie vier ist, später lernte sie das Zähmen von Pferden - und das Bullenreiten.

Eine Supermacht der Natur

Auf der Weiterfahrt nach Süden gleitet ein Nationalpark nach dem anderen vorbei: Corcovado mit dem gleichnamigen Vulkan, Queulat mit seinem legendären »hängenden Gletscher«, oder Cerro Castillo mit einer wilden Berglandschaft. Doch das Herz der Naturschutzprojekte von Douglas und Kris Tompkins schlägt im Patagonia-Nationalpark.

Im Jahr 2004 kaufte das Paar eine heruntergewirtschaftete Estancia (in Deutsch etwa: Bleibe) im Valle Chacabuco, rund 100 Kilometer weiter südlich. Die Böden von 30 000 Schafen abgeweidet, einheimische Tierarten fast ausgerottet. Die beiden planten, die ursprüngliche Flora und Fauna wieder zum Leben zu erwecken. »Es war eine gigantische Herausforderung«, erinnert sich Christian Saucedo, Mann der ersten Stunde im Team. »Für Chile war so ein Engagement völlig neu. Dabei haben wir hier ein enormes Potenzial, wir sind eine Supermacht der Natur. Doch auch der Staat muss das erkennen und darin investieren.«

Der 48-Jährige führt auf eine Pirsch nach dem Huemul, dem Andenhirsch, von dem es weltweit nur noch 1500 Exemplare gibt. Die Gruppe stapft durch blühende Wiesen und Haine mit flechtenbehangenen Südbuchen in der hochalpin wirkenden Bergwelt. »Der Huemul ist unser Flaggschiffprojekt«, sagt Saucedo, der als Wildlife-Chef alle Auswilderungs- und Forschungsprogramme leitet. Hunderte Freiwillige entfernten Viehzäune und setzten einheimische Pflanzen ein. Schließlich kehrte die Tierwelt nach und nach zurück: Guanakos und Pumas, Andenschakale, Vicuñas - und Huemules.

Die Darwin-Nandus erholen sich

Doch wo verstecken sich die Tiere heute? Auf dem Rückweg hält Saucedo plötzlich inne, führt tiefer ins Dickicht. Bei jedem Ästeknacken zucken alle zusammen - bis ein Huemul nur noch fünf Meter entfernt steht. Doch er grast seelenruhig weiter. »Jetzt wisst ihr, warum er fast ausgestorben ist«, lacht der Wildlife-Experte. »Den Teil der Evolution mit dem Fluchttrieb hat er wohl ausgelassen.«

Fast verschwunden waren auch die Darwin-Nandus. Die letzten Exemplare dieser Laufvögel leben im einsamen Niemandsland zwischen Chile und Argentinien. Dort arbeitet Alejandra Saavedra zusammen mit zwei Helfern an der Wiederbelebung der Nandu-Population. »Nur zwei Dutzend Tiere hatten den Farmbetrieb überlebt«, sagt die Tierschützerin.

Das Auswilderungsprogramm begann vor sieben Jahren, als Grenzpolizisten ein verwaistes Küken entdeckten, erzählt Saavedra später am Bullerofen. Inzwischen entlässt sie regelmäßig Jungtiere in die Freiheit - auch während der Pandemie. Eigentlich war die 52-Jährige nur hierhergekommen, um zwei Monate lang mitzuhelfen. Aber dann packte sie die Faszination Patagoniens und sie blieb - genauso wie einst Douglas Tompkins.

Der Initiator der Projekte erlebte die Übergabe der neuen Nationalparks an Chile nicht mehr: Tompkins starb 2015 nach einem Kajakunfall, sein Grab liegt in der Nähe der Lodge. Doch hin und wieder kommen ihn Pumas besuchen. Sie streichen um das Grab und ziehen dann wieder in die Berge. Die Umweltschützer deuten es als Zeichen: Der Geist des Visionärs wacht immer noch über den Parque Patagonia.

Der Darwin-Nandu ist typisch für die patagonische Steppe und spielt eine grundlegende Rolle bei der Aufrechterhaltung eines gesunden Ökosystems, da er als Verbreiter von Pflanzensamen fungiert.

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