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Wuhan verdrängt den Lockdown

In der Stadt, in der die Corona-Pandemie begann, deutet heute wenig auf den Ausbruch hin

  • Von Fabian Kretschmer, Wuhan
  • Lesedauer: 5 Min.
Bahnhof in Wuhan: Vor dem chinesischen Neujahrsfest verlassen dieser Tage viele die Stadt, um mit ihren Familien zu feiern.
Bahnhof in Wuhan: Vor dem chinesischen Neujahrsfest verlassen dieser Tage viele die Stadt, um mit ihren Familien zu feiern.

Wer von Dandan wissen möchte, wie sich ihre Heimat in den letzten Jahren gewandelt hat, der vernimmt zunächst ein lautes Seufzen. Viel gäbe es da zu erzählen, sagt die alleinerziehende Mutter aus Wuhan. »Das Schlimmste ist jedoch, dass wir über das meiste zunehmend stumm bleiben müssen – sogar zu Hause in der Familie«, sagt Dandan. Denn ihre Tochter, die mittlerweile in die Grundschule geht, könne sich versehentlich vor den Lehrern verplappern. So tief greift die Selbstzensur mittlerweile für die Chinesin aus Wuhan.

An diesem feuchtkühlen Januarnachmittag sitzt die 38-Jährige, eingehüllt in dicker Mütze und schwarzer Daunenjacke, in einer Starbucks-Filiale, die Fensterfront gibt den Blick frei auf ein Einkaufszentrum im »europäischen« Stil: In einer gotischen Kathedrale wird gerade ein »Huawei«-Flagship-Store aufgebaut, hinter venezianischen Häuserfassaden befinden sich Hotpot-Restaurants und Kleidergeschäfte. Wenig erinnert in der zentralchinesischen Provinzhauptstadt noch daran, dass hier am Sonntag vor genau zwei Jahren der weltweit erste Corona-Lockdown verhängt wurde: 76 Tage lang durften mehr als sechs Millionen Menschen in Wuhan ihre Häuser nicht verlassen.

Für jeden Einzelnen ist die Zeit von damals mehr als eine bloße Statistik oder historische Fußnote. Dandan weiß von einer verzweifelten Freundin zu berichten, die in jenen Tagen für ihr Neugeborenes kein Milchpulver mehr auftreiben konnte. Andere haben Familienangehörige verloren. »Die Medien können darüber nicht berichten, auch ich werde immer öfters wie ein Spinner angeschaut, wenn ich über die Erinnerungen spreche«, meint die Chinesin. Sie selbst jedoch führe einen Kampf gegen das Vergessen.

Dieses ist in Wuhan tatsächlich beachtlich: In der Fernsehwerbung, auf öffentlichen Plakaten und in Museumsausstellungen haben die Autoritäten den Kampf gegen das Virus längst als bloße Heldengeschichte abgehakt. Doch für Außenstehende noch bemerkenswerter ist, dass die Amnesie keineswegs nur von der staatlichen Zensur verordnet, sondern von den Menschen durchaus willkommen geheißen wird. Wieso sich mit der schmerzlichen Vergangenheit beschäftigen, wenn der Blick nach vorn eine bessere Zukunft verheißt?

Es gibt wenige Länder, die sich in den vergangenen zwei Jahren so fundamental verändert haben wie China. Kaum ein Staat hat das Virus derart erfolgreich bekämpft wie die Volksrepublik, doch auch kaum eine Gesellschaft hat im Zuge der »Null-Covid«-Strategie ihren Blick so radikal nach innen gekehrt. Um die Veränderungen greifbar zu machen, sollte man einmal zurückkehren in jene Stadt, in der im Januar 2020 alles seinen Lauf nahm.

Wanke steht im Aufnahmestudio des »Vox Livehouse«, dem angesagtesten Rockclub von Wuhan. Zwischen schallgedämpften Wänden und losem Kabelsalat auf dem Boden spielt der Student mit der Wuschelfrisur gemeinsam mit seiner Band »Early Feeling« den ersten Song ein: Wanke steuert die melancholische Gitarrenmelodien bei.

Nach der Jamsession erzählt er, dass die Band, wie so vieles in Wuhan, das Resultat der Pandemie sei: Statt von Auslandssemestern zu träumen oder bürgerlichen Karrieren hinterherzujagen, hätten die Anfang-Zwanzigjährigen durch das traumatisierende Erlebnis den Mut gefasst, das zu tun, was ihnen wirklich wichtig ist: Musik zu machen.
»Ich habe damals als psychologischer Betreuer bei der Telefonseelsorge gearbeitet, jeden Tag haben Leute in Notfallsituationen angerufen«, erinnert sich Wanke: »Viele von ihnen waren dann am nächsten Tag verschwunden – entweder in Quarantäne-Zentren am anderen Ende der Stadt, oder wer weiß wo…« Für den jungen Chinesen war dies ein Erweckungserlebnis: Den Plan, Journalist zu werden, hing er an den Nagel. Um sich wirklich ausdrücken zu können, wählte er die Musik.

Natürlich lässt sich zwischen solchen Aussagen eine gehörige Portion Gesellschaftskritik herauslesen. Und dennoch hat die Pandemie das Verhältnis der meisten Bürger zu ihrer Regierung gestärkt: Sie sind dankbar dafür, dass sie aufgrund der effizienten Maßnahmen bislang ihren Alltag ohne große Einschränkungen führen können. In den Fernsehbildern der Medien wird täglich aufs Neue betont, dass dies im Westen nicht der Fall ist: gesellschaftliches Chaos in den USA, Rekorde bei den Infektionen in Großbritannien und weitere Hiobsbotschaften bestimmen die Abendnachrichten.

Der epidemiologische Erfolg der Volksrepublik zeugt auch vom stoischen Pragmatismus der Bevölkerung, die zu großen Teilen trotz extrem niedriger Infektionszahlen nach wie vor Masken trägt und auf unnötige Reisen verzichtet. Doch die übertriebene Vorsicht hat auch mit einem sozialen Stigma zu tun: Denn die Angst vor dem Virus hat unlängst geradezu psychotische Züge angenommen. Jede Infektion kann zur Abriegelung ganzer Nachbarschaften führen. In einem solchen Klima möchte niemand dafür verantwortlich sein.

Doch die Corona-Strategie ist auch abseits davon mit nachhaltigen, gesellschaftlichen Folgekosten verbunden, die wohl erst in den kommenden Jahren in vollem Ausmaß offen zutage treten werden. Das gegenseitige Verständnis zwischen dem Reich der Mitte und dem Westen ist im Zuge der radikalen Abschottung des Landes geradezu erodiert: Eine ganze Generation chinesischer Austauschstudenten sucht nun ihre berufliche Zukunft in der Heimat; etliche Forscher, Journalisten und Expats erhalten keine Einreise-Visa mehr, und Kunstausstellungen müssen sich seit zwei Jahren bei ihren internationalen Teilnehmern auf Zoom-Schalten beschränken. Doch auch Xi Jinping, der seit nunmehr einer Dekade das Land führt, hat seit knapp zweieinhalb Jahren weder das Land verlassen noch zu Hause einen ausländischen Staatschef offiziell empfangen.

Doch auch in Wuhan, dort, wo alles begann, ist bei näherer Betrachtung längst nicht alles so normal, wie es den Anschein hat. »Unser Geschäft hat sich bis heute nicht vollständig erholt«, sagt der Kellner einer örtlichen Kneipe, der mit seiner langen Haarmähne und der runden Nickelbrille ein wenig an John Lennon erinnert. Den ersten Sommer nach dem Lockdown seien die Leute in Strömen zum Bier Trinken und Abhängen gekommen, sagt der Chinese während einer kurzen Raucherpause vor der Tür. Dann jedoch sei die Kundschaft wieder ausgeblieben. Wirklich zum Feiern sei gerade nur den wenigsten Menschen in Wuhan zumute.

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