Omikron kommt in China an

Pekings Nachbarstadt Tianjin meldet Fälle

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 5 Min.
Nach dem Nachweis der Omikron-Variante müssen sich alle Einwohner der Stadt Tianjin testen lassen.
Nach dem Nachweis der Omikron-Variante müssen sich alle Einwohner der Stadt Tianjin testen lassen.

Die Hiobsbotschaft kam mit Ansage - und traf die meisten Chinesen dennoch wie ein Schock. Am Samstag wurde ein Paar aus der Küstenstadt Tianjin positiv auf das Virus getestet, am Sonntagmorgen schließlich berichtete das Staatsfernsehen die vorangegangenen Spekulationen: Es handelt sich um die ersten lokalen Omikron-Fälle des Landes - knapp vier Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Peking. Mindestens 20 Infektionen sollen bereits auf den Cluster zurückzuführen sein.

Für China ist dies das denkbar schlimmste Szenario. International führende Virologen hatten bereits vor Tagen davor gewarnt, dass die hochinfektiöse Virusmutation die Karten neu mischen wird. Unlängst bezeichnete auch der deutsche Virologe Christian Drosten China als seine »größte Sorge«. Denn wie Drosten glauben die meisten internationalen Wissenschaftler, dass angesichts der hochinfektiösen Mutation eine Null-Covid-Politik zum Scheitern verurteilt ist. Trotz strikter Quarantäne- und Lockdown-Regimes ließe sich die Verbreitung des Virus nicht mehr aufhalten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die in China zugelassenen Vakzine von Sinopharm und Sinovac nach ersten Daten keinen ausreichenden Schutz gegen Omikron liefern. Und aufgrund der extrem niedrigen Infektionszahlen seit Ausbruch der Pandemie ist auch die »natürliche« Immunität der Bevölkerung im Reich der Mitte weitaus geringer als in anderen Staaten. Nur etwas mehr als 100 000 von 1,4 Milliarden Menschen haben sich mit dem Virus infiziert.

Schon in den letzten Tagen hatte sich angedeutet, dass China mit seiner radikalen, aber bisher erfolgreichen Null-Covid-Strategie an seine Grenzen gelangt. Seit zweieinhalb Wochen ist die nordwestchinesische Metropole Xian vollständig abgeriegelt, die 13 Millionen Einwohner dürfen nur mehr zum verpflichtenden Covid-Test auf die Straße. Dabei waren die Zahlen im internationalen Vergleich zu keinem Zeitpunkt besorgniserregend: Seit Beginn des Ausbruchs in Xian haben die Gesundheitsbehörden weniger als 2000 Infizierte registriert, unter ihnen ist bislang kein einziger an dem Virus verstorben.

Dennoch reagierten die Behörden drastisch. Und die Kollateralschäden der chinesischen Lockdown-Politik haben sich selten so drastisch offenbart. Am Neujahrstag etwa verweigerten die Mitarbeiter des Gaoxin-Spitals im Südwesten der Stadt einer hochschwangeren Frau den Einlass, da ihr negativer Covid-Test um vier Stunden abgelaufen war. Ehe das Resultat des neuen Virustests vorlag, erlitt die Chinesin eine Fehlgeburt.

Weite Teile der Welt schauen mit Verwunderung auf den radikalen Kampf der Volksrepublik, die nach wie vor ganze Städte wegen einer Handvoll Infektionen abriegelt und zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie seine Grenzen weiterhin geschlossen hält. Doch wie eine Bestandsaufnahme vor Ort zeigt, ist Chinas Sonderweg weitaus rationaler und moralisch komplexer, als er in der medialen Berichterstattung oftmals porträtiert wird. Die Politik beruht auf einem Gesellschaftsvertrag, der im konfuzianisch geprägten China grundsätzlich starken Rückhalt in der Bevölkerung genießt: Die rigiden Opfer einer Minderheit sichern das Wohlergehen des Kollektivs.

Bislang ging dieser Deal erstaunlich gut auf: Tatsächlich hat Chinas radikale Strategie etliche Virustote verhindert. Laut offiziellen Zahlen sind bislang weniger als 6000 Menschen an Covid gestorben. Selbst wenn die Dunkelziffer höher liegt, ist sie angesichts einer Gesamtbevölkerung von 1,4 Milliarden noch immer verschwindend gering. Für die absolute Mehrheit der Chinesen spielt das Infektionsrisiko seit über anderthalb Jahren keine Rolle mehr im Alltag, und dank der weitgehenden Normalität in den meisten Landesteilen konnte sich auch die Wirtschaft schneller erholen als in vielen anderen Staaten.

Ein Nutzer auf der Online-Plattform Weibo-Nutzer vergleicht die Situation zwischen Chinas Null-Covid-Politik und den lockeren Maßnahmen in den USA mit dem Dilemma eines selbstfahrenden Autos, dessen Software sich bei einem Unfall entscheiden muss: »Zwischen einem Toten oder hundert Toten sollte immer der niedrigere Verlust gewählt werden.«

Auch ausländische Experten stimmen darin teilweise überein. »Aus epidemiologischer Sicht ist das Vorgehen der Chinesen durchaus beeindruckend und sehr konsistent«, sagt ein ehemaliger hochrangiger Funktionär der WHO, der mittlerweile als westlicher Diplomat in Peking bedienstet ist. Eine Null-Covid-Politik könne nur funktionieren, wenn versucht wird, jede einzelne Ansteckung zu unterbinden. Breitet sich das Virus erst einmal exponentiell aus, dann lasse sich die Lage nicht mehr umkehren.

Dieses Szenario zu verhindern, hat in Xian unlängst mehrere Menschenleben gekostet. Laut Recherchen auf Chinas sozialen Medien sind seit Ende Dezember in Xian mindestens sechs Personen an Herzinfarkten oder anderen Leiden verstorben, da ihre medizinische Versorgung aufgrund der Restriktionen zu spät kam. Auch ein zweieinhalbjähriges Mädchen mit hohem Fieber sei nach einer Notlieferung ins Spital beim Warten auf den negativen Covid-Test verstorben, wie die Mutter auf der Onlineplattform Weibo schreibt.

Trotz des repressiven politischen Klimas und einem omnipräsenten Zensurapparat wird der Frust der Bevölkerung offen geäußert. »Vor was sollen wir Angst haben? Die Lage ist besonders unverständlich, weil die Sterberate des Virus mittlerweile bereits sehr niedrig ist«, schreibt ein Nutzer. Ein anderer entgegnet: »Es ist kein Coronavirus, es ist ein politisches Virus.«

Die Investigativjournalistin Jiang Xue, die aufgrund der steigenden Zensur seit 2014 nur mehr für einen ausgewählten Kreis auf der Online-Plattform Wechat publiziert, veröffentlichte aus ihrer Wahlheimat Xian eine Art Lockdown-Tagebuch, in dem sie mit deutlichen Worten nicht hinterm Berg hielt. »Wir müssen bereit sein, jedes Opfer zu bringen, heißt es«, schreibt die 47-jährige Intellektuelle. »Aber das gemeine Volk sollte sich sehr wohl fragen: Sind wir in dem Ganzen wirklich das ›Wir‹ oder vielmehr das ›Opfer‹?« Es dauerte mehrere Tage, ehe die Zensoren den Beitrag löschten.

Ob die aktuellen Omikron-Infektionen in Tianjin eingedämmt werden können oder tatsächlich einen Wendepunkt im chinesischen Kampf gegen das Virus darstellen, werden die nächsten Wochen zeigen. »Gott sei Dank sind die Fälle rund 30 Kilometer von meinem Zuhause entfernt«, sagt ein Bewohner aus Tianjin: »Aber trotzdem stocke ich besser meine Essensvorräte auf. Der Lockdown selbst ist mittlerweile weitaus furchterregender als das Virus selbst.«

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