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Zeichen für die Zukunft

Ein Sieg zum Abschluss der EM sowie ein junges und mutiges Team lassen Deutschlands Handballer hoffen

  • Von Michael Wilkening, Bratislava
  • Lesedauer: 4 Min.

Viktor Kireev war das sichtbare Beispiel für die Auswirkungen von zwei Wochen Europameisterschaft. Der Torhüter der russischen Handballer verletzte sich im letzten Spiel in der zweiten Halbzeit am Knie, humpelte über das Feld und musste später auf dem Weg in die Kabine gestützt werden. Solch ein Turnier ist zum Ende hin für viele Spieler eine körperliche Qual, die Belastungen sind hoch. Die bittere, weil knappe 29:30-Niederlage der Russen gegen die deutsche Mannschaft machte die Schmerzen auch nicht gerade erträglicher.

Nach allem, was man weiß, haben die deutschen Nationalspieler ohne weitere schwerwiegende Blessuren am Mittwochmorgen den Flieger in Richtung Frankfurt am Main bestiegen. Die Akteure, die das Turnier in Bratislava ohne Corona-Infektion überstanden haben und mit dem Erfolg über Russland einen erfreulichen Abschluss erlebten, waren erschöpft und glücklich. Glücklich darüber, das laut Bundestrainer Alfred Gislason »eigenartigste Turnier von allen« hinter sich gebracht zu haben. In der offiziellen Abrechnung landen die Deutschen auf dem siebten oder achten Rang, das hing noch von den Spielen am Mittwochabend (n.Red.) in der anderen Hauptrundengruppe ab.

Das klingt angesichts der Tatsache passabel, dass der Deutsche Handballbund (DHB) vor einem halben Jahr einen Neuaufbau ausgerufen hatte und während der Tage in Bratislava von einem schweren Corona-Ausbruch ausgebremst wurde. Schöngeredet wurde das Abschneiden dennoch nicht - ein gutes Zeichen. »Wir werden weitere Schritte gehen müssen. Ungeachtet der Umstände: Auf Platz sieben oder acht wollen wir nicht bleiben, wir wollen nach oben«, sagte Axel Kromer, der Sportvorstand des DHB. Gleichzeitig verband er die Forderung mit einem Lob für die Vorstellung in den finalen 60 Minuten: »Wir haben eine absolute Kraft- und Energieleistung zum Sieg nutzen können. Darauf können wir noch mal stolz sein.«

Die verrückten Tage in der Slowakei konnten den ursprünglichen Zweck nicht erfüllen. Das neuformierte Team sollte sich einspielen, zueinanderfinden, sich auf und neben dem Feld aneinander gewöhnen. Von den 17 Akteuren, die am 12. Januar nach Bratislava geflogen waren, saßen am Mittwoch nur noch drei im Flieger. Der Rest wurde wegen einer Corona-Infektion schon vorher per Krankentransport heimgebracht. Zwischendurch herrschte ein rechtes Durcheinander, von Tag zu Tag wurden neue Coronafälle vermeldet und weitere Spieler aus Deutschland nachgeholt. Dennoch brachte das Turnier zentrale Erkenntnisse.

»In dieser Mannschaft sind Leute mit wenig Erfahrung, aber sie haben Mut. Das ist eine schöne Aussicht«, sagte Johannes Bitter. Der 39-jährige Torhüter musste den Rücktritt vom Rücktritt erklären, weil vier andere Keeper ausgefallen waren. Plötzlich stand er mit Kollegen auf dem Feld, die er zuvor nur aus Duellen in der Bundesliga kannte. Julian Köster war ihm selbst dort noch nicht über den Weg gelaufen. Der 21-Jährige spielt in der zweiten Liga beim VfL Gummersbach und ist die Entdeckung im deutschen Team. Mit Köster lebt die Hoffnung, dass in Deutschland eine neue Riege von Rückraumspielern heranwächst. Der 22-jährige Leipziger Luca Witzke und der ein Jahr ältere Sebastian Heymann aus Göppingen zählen ebenso dazu, wurden in der Slowakei aber durch den Covid-19-Erreger ausgebremst. Wetzlars 23-jähriger Keeper Till Klimpke sowie die Außenspieler Lukas Mertens (25) aus Magdeburg und der Lemgoer Lukas Zerbe (26) versprechen auch viel für die Zukunft.

Als unumstrittener Leitwolf hat sich Johannes Golla herauskristallisiert. Der Kreisläufer aus Flensburg wurde vor ein paar Monaten zum Kapitän des Teams ernannt und füllte diese Rolle nahezu perfekt aus. Der 24-Jährige zeigte Weltklasseleistungen, war ein Vorbild an Einsatz und etablierte sich ohne große Worte, sondern durch sein Auftreten als Führungsspieler der neuen deutschen Mannschaft. Bundestrainer Alfred Gislason schwärmt von seinem Kapitän. »Er hat seine Rolle überragend ausgefüllt, das kann man nicht viel besser machen«, sagte der Isländer und bemühte einen schmeichelnden Vergleich: »Er erinnert mich sehr an Markus Ahlm in Kiel. Ich habe ihn immer eine Art Diesel genannt: Wenn er läuft, dann hört er nicht auf. Golli hat eine unglaubliche Leistung gebracht im gesamten Turnier.« Ahlm war der herausragende Kreisläufer, als Gislason mit dem THW Kiel alle Titel abräumte.

Der Gedanke an Titel treibt Golla an. Er blickte zwei Jahre voraus. 2024 findet die nächste Europameisterschaft in Deutschland statt. »Das ist ein Ziel, für das jeder brennt. Wir werden alles daransetzen, spätestens dort bestmöglich vorbereitet zu sein«, erklärte Golla. Der Flensburger ist überzeugt, dass die verrückten Umstände in Bratislava helfen können, bei der Heim-EM voll wettbewerbsfähig zu sein. Es ist zu hoffen, dass die Pandemie bis dahin überstanden ist.

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