Werbung

Namen von KZ-Opfern leuchten am Lagertor

Im Kurzfilm «Ich schreibe deinen Namen» erinnern drei Schülerinnen an drei luxemburgische Sachsenhausen-Häftlinge

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Blick zum Lagertor des KZ Sachsenhausen
Blick zum Lagertor des KZ Sachsenhausen

Canan Selling kommt mit dem Fahrrad zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Greta Jacob nimmt den Bus und Marie Schlüter läuft zu Fuß. «Ich bin heute hier, um zu erinnern», sagt Canan. Das ist auch der Wunsch ihrer beiden Mitschülerinnen der 11. Klasse des Gymnasiums in Panketal. «Ich möchte den Prozess des Gedenkens lebendig erhalten», erklärt Canan. «Wir alle tragen eine Verantwortung, dass nie wieder Menschen für ihre politische Gesinnung oder ihre Religion bestraft werden.»

Canan, Greta und Marie

Zu sehen ist das in einem sieben Minuten langen Film. Das Drehbuch stammt von der Künstlerin Renee van Bavel. Sie hat auch Regie geführt bei diesem Streifen, der in Zusammenarbeit mit der Stiftung brandenburgische Gedenkstätten und dem Landtag entstand. Am Donnerstagmorgen wurde er anlässlich des Holocaust-Gedenktags ins Internet gestellt. Dazu war er gedreht worden. Stiftungsdirektor Axel Drecoll, Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD) und Bundeskulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) wirken mit. Roth dankt auf dem Dach des Bundeskanzleramts Canan, Greta und Marie, dass sie sich auf Spurensuche begeben und neue Wege des Erinnerns erkunden. Denn Begegnung mit Opfern des Faschismus, die Claudia Roth prägten, «die haben junge Leute fast gar nicht mehr», weiß die Politikerin.

«Ich finde es wichtig, einen Ort wie diesen zu haben, um meiner Generation bewusst zu machen, welche Gräueltaten damals geschehen sind», sagt denn auch Greta über die Gedenkstätte Sachsenhausen.« Die Jugend höre im Geschichtsunterricht darüber oder sehe Dokumentationen im Fernsehen. »Aber hier vor Ort nimmt das Grauen Gestalt an.«

Unter den Opfern des Konzentrationslagers finden sich auch Homosexuelle, die verhaftet, gefoltert und ermordet worden sind. Das ist Marie sehr deutlich bewusst. Sie möchte erinnern, so sagt sie, da sie wisse, dass sie ihre Sexualität damals nicht so offen hätte zeigen können, wie sie es heute tue. Jedes Jahr steht in der Gedenkstätte Sachsenhausen eine andere Häftlingsgruppe im Zentrum des Erinnerns. Dieses Jahr sind es die 141 Luxemburger, von denen 33 nicht überlebt haben. So gedenken die drei jungen Frauen je eines Luxemburgers, indem sie in der abendlichen Dunkelheit vor dem historischen Lager-Eingang mit einer Taschenlampe die Vornamen Victor, Jean und Louis in die Luft schreiben. Durch einen technischen Kniff kann der Zuschauer das lesen. »Ich schreibe deinen Namen«, heißt der Kurzfilm nicht von ungefähr.

Victor, Louis und Jean

Victor Reuland war ein Polizist, der sich zwei Mal weigerte, einen Eid auf Hitler zu leisten. Sein Mut und seine Standhaftigkeit beeindruckten Greta. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Reuland in Sachsenhausen erschossen. Er war 28 Jahre alt.

Louis Wehenkel ist mit 31 Jahren im KZ umgekommen. Seine Angehörigen mussten noch eine Gebühr für seine Sterbeurkunde entrichten. »Ich gedenke, indem ich zeige, wer ich bin - und mich nicht verstecke«, betont Marie Schlüter.

An Jean Majerus erinnert Canan. Er überlebte und wurde mit der Widerstandsmedaille ausgezeichnet, hat sich um die Aufarbeitung der Naziverbrechen verdient gemacht. Erst vor einem Jahr, am 21. Januar 2021, ist Jean Majerus verstorben.

Es gehe darum, »die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und an das Leid der Opfer wach und lebendig zu halten«, erläutert Stiftungsdirektor Axel Drecoll. »Deshalb versuchen wir, immer wieder neue Formen des Gedenkens und Erinnerns zu finden, neue Perspektiven zu eröffnen auf das Leid dieser Menschen und auf die Einzelschicksale.« Die nächsten Generationen sollten die Erinnerung an die Naziverbrechen weitertragen. Deshalb sei es der Stiftung »besonders wichtig«, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten. »Wir wollen Räume schaffen, damit sie ihre eigenen Formen der Erinnerung finden und eigene Wege beschreiten können, damit das Gedenken nicht im Rituellen erstarrt.«

Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Truppen das KZ Auschwitz befreit. Daher rührt das Datum des Holocaust-Gedenktags. In Sachsenhausen dauerte das Leiden noch bis zum 22. April. An diesem Tag erreichten sowjetische und polnische Soldaten das Lager.

Den Kurzfilm gibt es hier zu sehen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung