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  • Kinder aus suchtkranken Familien

Stigmatisiert und alleingelassen

Hilfsangeboten für suchtkranke Familien fehlt es an Geld – die Verantwortung wird hin und her geschoben

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Regierungsparteien wollen Kinder suchtkranker Eltern durch Maßnahmen zur Prävention und zur Entstigmatisierung unterstützen.
Die Regierungsparteien wollen Kinder suchtkranker Eltern durch Maßnahmen zur Prävention und zur Entstigmatisierung unterstützen.

»Ich muss aufhören, so viel zu konsumieren! Ich will doch nicht abhängig sein. Ich muss aufhören, so zu sein wie meine Mutter – das heißt abhängig!« In diesem Tagebucheintrag einer Teenagerin wird eines der Kernprobleme von Kindern aus suchtbelasteten Familien geschildert. Denn sie gelten als eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung einer eigenen Suchterkrankung.

Laut Bundesgesundheitsministerium erleben betroffene Kinder nicht nur früher erste Rauscherfahrungen als andere, sondern bei ihnen ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, Alkohol- oder Drogenprobleme zu bekommen. »Ich sehe noch oft die Bilder vor mir. Wie meine Mutter und ich Hand in Hand übern gesamten Hauptbahnhof gerannt sind auf der Suche nach Geld und Drogen«, erinnert sich die Tagebuchschreiberin, die heute Ende 30 ist. »Ich muss endlich aufhören, selbst zu fliehen.«

Die Auswirkungen der elterlichen Sucht begleitet viele Kinder und Jugendliche ihr Leben lang. Denn eine solche Kindheit geht einher mit einer Atmosphäre der Unsicherheit. Der suchtkranke Elternteil verhält sich unberechenbar, emotionale Geborgenheit fehlt. Meist wird weder über die Sucht noch über andere Probleme gesprochen. Häufig kommen Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch hinzu. Nicht immer müssen illegale Drogen der Auslöser sein, auch Alkoholsucht der Eltern hat gravierende Auswirkungen auf die Kinder. Neben dem erhöhten eigenen Suchtrisiko haben sie auch häufiger andere psychische Erkrankungen.

Laut Bundesgesundheitsministerium erkranken sie im Vergleich zu unbelasteten Kindern öfter an Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen. Sowohl im jungen Alter als auch als Erwachsene. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, brauchen betroffene Kinder rechtzeitige Hilfe, etwa Räume, in denen sie sich entfalten können, in denen sie ihre Stärken kennenlernen. Ein großes Problem ist jedoch, dass entsprechende Unterstützungsangebote unterfinanziert sind.

»Ich möchte den Kindern und Jugendlichen eine politische Stimme geben, die in sucht- und auch in psychisch belasteten Familien aufwachsen«, erklärte Bundesfamilienministerin Anne Spiegel am Freitag anlässlich einer Podiumsdiskussion. »Das haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart«, so die Grünen-Politikerin weiter. Und mehr Unterstützung ist dringend notwendig, das wurde in der von der Interessensvertretung für Kinder aus Suchtfamilien (NACOA Deutschland) organisierten Diskussionsrunde deutlich. »Wir erreichen hauptsächlich Familien, die irgendwo auffällig geworden sind«, erklärte etwa die Sozialpädagogin Katharina Balmes vom Hamburger Verein Such(t)- und Wendepunkt. »Das heißt, die sind so semi-freiwillig bei uns. Wir erreichen nicht die, die Hilfe suchen.« Der Verein will sein Angebot erweitern. »Aber es ist nicht so leicht, da eine Finanzierung für zu kriegen«, so Balmes. Ein Problem ist, dass die Zuständigkeit sich zwischen Jugend- und Suchthilfe bewegt, die von verschiedenen Stellen finanziert werden. »Jede Behörde sagt: Ja, das finden wir ganz toll, aber wir sind gar nicht zuständig«, erläutert Balmes die Situation.

Suchterkrankungen gelten häufig immer noch nicht als Erkrankung, sondern als Charakterschwäche, erläuterte Frauke Gebhardt von NACOA Deutschland. Scham spielt eine große Rolle und kann Kinder davon abhalten, Hilfe zu suchen. Der Verein fordert daher auch die Finanzierung einer bundesweiten Onlineplattform als niedrigschwelliges Beratungsangebot. »Entstigmatisierung ist durchaus ein ganz zentraler Punkt im Koalitionsvertrag«, stellte der SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Heidenblut daraufhin fest.

Während der Coronakrise hat sich die Situation in den suchtbelasteten Familien weiter verschärft. »Was wird als Problemlösung genutzt? Alkohol. Und Probleme gab es einfach viele in den letzten zwei Jahren«, so Balmes. Etwa der Verlust von Arbeitsplätzen und der hohe Erwartungsdruck der Schule. Zudem bekamen die Kinder den Konsum der Eltern vermehrt mit, weil sie die ganze Zeit zu Hause waren. Für sie sei es wichtig zu erfahren, dass sie mit den familiären Problemen nicht alleine sind. Doch spendenfinanzierte Wochenendausflüge mit mehreren Kindern sind weggefallen.

Jetzt, wo die Angebote langsam wieder stattfinden, würden oft Kinder fehlen. »Da sieht man schon, dass die Belastung sehr groß ist und die soziale Kompetenz und das Selbstvertrauen in den letzten zwei Jahren gelitten hat«, erläuterte Balmes. Laut Bundesgesundheitsministerium leben circa 2,65 Millionen Minderjährige im Laufe ihres Lebens mit einem Elternteil mit der Diagnose Alkoholmissbrauch oder ­abhängigkeit zusammen. Schätzungen gehen davon aus, dass inklusive illegaler Drogen jedes vierte bis fünfte Kind mit mindestens einem suchtbelasteten Elternteil lebt.

Schon vor der Coronakrise war der Bedarf an Unterstützung höher als das Angebot. Und die Nachfrage wird nun weiter steigen, sind sich die Expertinnen sicher. Daher brauche es ein regelfinanziertes und flächendeckendes Netz, das vor Ort und online oder per Telefon verlässliche Hilfe anbietet, fordert NACOA. Auch, damit die Angebote nicht mehr ganz oder teilweise von Stiftungs- oder Spendengeldern abhängig sind. »Wir sollten darüber nachdenken, endlich Werbung für Suchtmittel wie Alkohol einzuschränken«, warf die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther auf der Podiumsdiskussion ein. Ebenfalls am Freitag hatte sich gegenüber der »Welt« auch der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD) für eine »deutliche Beschränkung« der Alkoholwerbung ausgesprochen.

»Wir wollen in dieser Legislaturperiode da was erreichen«, versprach Dirk Heidenblut. Bisher werde immer wieder der Ball zwischen Bundes- und Landesfinanzierung sowie kommunalen Pflichtaufgaben hin und her geschoben. »Die neue Bundesregierung steht gemeinsam mit Ländern und Kommunen in der Pflicht, die bestehende Versorgungslücke zu schließen«, so das Fazit von NACOA Deutschland.

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