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  • Berlinale und Murat Kurnaz

Die Klugheit der Mütter

Berlinale-Wettbewerb: Andreas Dresen lässt Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush streiten

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Am Morgen des 3. Oktober 2001 steht Rabiye Kurnaz in ihrem Bremer Reihenhaus an der Zimmertür ihres Sohnes: »Murat, wo bist du, es gibt Essen!« Aber der Neunzehnjährige ist fort, heimlich nach Pakistan geflogen, um dort Moscheen zu besuchen. Ein schlechter Zeitpunkt, so kurz nach den Anschlägen vom 11. September. Wollte er sich vielleicht doch den Islamisten in ihrem Krieg gegen die USA anschließen? Fünf Jahre lang wird er fortbleiben, wurde - so heißt es später - gegen ein Kopfgeld von 3000 Dollar von den Pakistanis an die Amerikaner verkauft.

Die westliche Welt ist nach dem 11. September tief erschüttert, man wähnt sich im Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, der offenbar keine Tabus kennt. Ist in einer solchen Bedrohungssituation alles erlaubt? Und was zählen da noch der Einzelne, die Unschuldsvermutung und sein Recht auf ein faires Gerichtsverfahren?

Murat Kurnaz gehörte zu den Häftlingen in Guantanamo, jenem exterritorialen Gefangenenlager der USA auf Kuba, in dem Ausländer - in einem rechtsfreien Raum - verhört wurden. Folter war hier an der Tagesordnung, jedes Mittel recht, um ans Ziel zu kommen. Heute befinden sich noch 39 Gefangene auf Guantanamo, ohne Gerichtsurteil jahrelang eingesperrt - bewacht von 1500 GIs. Jeder dieser Gefangenen kostet die USA jährlich 13 Millionen Dollar. Und das zwanzig Jahre nach den Anschlägen!

Dies ist zweifellos der Stoff für einen Politthriller. Aber Andreas Dresen will sich in »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush« keinesfalls im Netz von Islamisten, Geheimdiensten, Militärs und politischen Interessenlagen verlieren, in dem der Einzelne, unabhängig von seiner Schuld, niemals eine Chance hat. Er wählt einen anderen, sehr direkten Zugang zum Thema - stellt Rabiye Kurnaz, Murats Mutter, in den Mittelpunkt. So begleiten wir hier zwei Stunden lang eine einfache und doch ungewöhnliche Frau auf der Suche nach Wahrheit. Denn um diese geht es in Guantanamo gerade nicht, hier soll Macht demonstriert werden, Verdächtige mit allen Mitteln gebrochen werden.

Es ist gut, dass sich Dresen nicht auf eine heillos komplizierte Politrecherche einlässt, überhaupt die Person von Murat Kurnaz nicht interpretiert. Ein Neunzehnjähriger, der in Bremen aufgewachsen ist, mit türkischem Pass, gerade erst verheiratet. Warum er nach Pakistan reiste, welcher Art sein Glauben an Allah war und was für ein Verhältnis er zur Bundesrepublik hatte, das wird hier nicht ausgeführt. Dresen genügt der Hinweis auf eine - lange geheim gehaltene - Vernehmung von Kurnaz durch BND-Agenten in Guantanamo, die zu dem Schluss gekommen sind, dass von ihm keine islamistische Bedrohung ausgehe. Das war schon 2002, aber Folgen hatte diese Erkenntnis keine: Kurnaz blieb in Guantanamo gefangen, ohne Anklage, ohne Urteil. Für eine rechtsstaatliche Ordnung ein Akt der Willkür, der bedrohlich wirkt.

Rabiye Kurnaz will nicht einfach zuschauen, wie die deutschen Behörden nichts tun und ihr bloß empfehlen zu warten. Sie nimmt sich den Bremer Anwalt Bernhard Docke, einen hanseatisch kühlen intellektuellen Typ, der vom Temperament dieser Frau irritiert bis befremdet scheint - bis sie ihn mit ihrer überbordenden Herzlichkeit schlicht entwaffnet. Damit wird das, was man eigentlich auf der großen weltpolitischen Bühne vermutet, zu einem Kammerspiel zweier gegensätzlicher Charaktere: Meltem Kaptan als Rabiye Kurnaz und Alexander Scheer als Anwalt Bernhard Docke. Alle anderen Figuren (darunter solch filmische Schwergewichte wie Charly Hübner als Staatsanwalt) rücken dahinter in die zweite Reihe.

Für Dresen war dies gewiss eine richtige Entscheidung, denn seine Stärke liegt immer darin, seinen Hauptdarstellern die Bühne zu bereiten, ihre Vielschichtigkeit in allen Facetten aufzublättern. Laila Stieler schrieb das Drehbuch, was immer die beste Voraussetzung für einen gelingenden Dresen-Film ist, denn hier stimmen die Dialoge: Tempo, Timing, jede Nuance. Dresen setzt auf den tragikomischen Furor des Zusammenspiels (eher ein Zusammenprall!) von Alexander Scheer, der in seinem letzten Film ein so überzeugender Gerhard Gundermann war, hier nun ein introvertierter Jurist, mit der maximal extrovertierten Meltem Kaptan als Rabiye Kurnaz.

Wer ist eigentlich Meltem Kaptan? Wer keine Comedy- oder gar Backshows (!) in einschlägigen Sendern verfolgt, kennt sie wohl nicht. Eigentlich war die Einundvierzigjährige längst auf einer anderen Schiene. Nun also ist sie die Hauptdarstellerin in einem Dresen-Film. Man denke an Gabriela Maria Schmeide (in »Die Polizistin«) oder an diese zusammen mit Steffi Kühnert in »Halbe Treppe«, auch an Ursula Werner in »Wolke 9«, um sich die schauspielerische Klasse zu vergegenwärtigen, an der sich Kaptan messen lassen muss.

Man kann Dresen nur zu dieser mutigen Wahl beglückwünschen, denn Meltem Kaptan kann die deutsch-türkische Melange in ihren Alltagsfacetten auch sprachlich so transportieren, dass es bei aller Tragik des Geschehens nie sentimental wird. Dresen im Interview: »Ich habe mich sofort in sie verliebt, in ihre Persönlichkeit, ihre Power, den unorthodoxen Humor.« So wird der »Fall Kurnaz« hier nicht nur gespiegelt in einer Mutter, die nicht aufhört, für ihren Sohn Gerechtigkeit zu fordern, sondern wird mehr und mehr zu einem Porträt dieser Frau, die für eine Generation von Migranten steht, die um eine eigene Identität jenseits der bisherigen Rollenklischees ringt. Kaptan nach der Bedeutung des Feminismus für sie gefragt, kontert dann auch überaus selbstbewusst: »Mein Glaube an Gleichberechtigung geht über Geschlechteridentität hinaus. Aber ich werde wütend, wenn mir etwas verwehrt wird, weil ich eine Frau bin.«

Im Zusammenspiel mit der zu grellen Tönen neigenden Meltem Kaptan, das für den gelernten Volksbühnen-Schauspieler Alexander Scheer eine freudig angenommene Herausforderung gewesen sein dürfte, findet sich Scheer in einer ungewohnten Lage wieder: als jemand, der bremsen, der die komplexe juristische Sachlage den wechselnden Gefühlslagen seiner Partnerin entgegensetzen muss. Das bewahrt den bewusst leichten Ton des Films dann stellenweise vor einem Kippen in bloße Comedy, die hier wahrlich nicht angebracht wäre.

Am Ende ist es dann 2005 ein Regierungswechsel, der Bewegung in den festgefahrenen Fall Kurnaz bringt, der den Anwalt und seine Mandantin bis nach Washington vor den Supreme Court führte (wo aber 2020/21 wegen Corona und Sturm aufs Kapitol keine Dreharbeiten erlaubt waren). Schließlich hat Rabiye Kurnaz aus Bremen den US-Präsidenten George W. Bush wegen unrechtmäßiger Festsetzung ihres Sohnes verklagt. Sie gewinnt, aber ihr Sohn kommt darum noch längst nicht frei.

Erst mit dem Amtsantritt von Angela Merkel kommt Bewegung in die Sache, die von der rot-grünen Regierung offenbar verschleppt und vertuscht wurde. Mit der Rückkehr von Murat Kurnaz nach Deutschland wurde uns allen dann ein Problem zurückgegeben, das man eben nicht im Stile einer Boulevardzeitung lösen kann, die titelte: »Ein Bremer Taliban«. Oder wie es Meltem Kaptan im Gespräch auf den Punkt bringt: »Junge Menschen brauchen das Gefühl, du gehörst zu uns. Es kann nicht sein, dass ein junger Mann, der zwei Kulturen in sich trägt und ohnehin gerade auf der Suche nach seiner Identität ist, gesagt bekommt: In deinem Pass steht ›türkisch‹, du gehörst nicht zu uns.«

Ein kluger Film über die Kraft der Mütter, die ihren Söhnen die wichtigste Bildung geben können: die der Herzen.

»Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush«, Deutschland/Frankreich 2022, Regie: Andreas Dresen, Buch: Laila Stieler. Mit Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, Nazmi Kirik, Abdullah Emre Öztürk. 119 Min. Ab 22.4. im Kino.

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