Deutschland lernt aus Hanau

Serpil Unvar hat ihren Sohn Ferhat bei dem rassistischen Anschlag vor zwei Jahren verloren. Sie kämpft dafür, dass so etwas nicht wieder passiert

  • Von Interview: Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 7 Min.
Ein Gemälde unter der Frankfurter Friedensbrücke zeigt die Porträts von neun Opfer des rassistischen Terroranschlags in Hanau. Ferhat Unvar ist der vierte von links.
Ein Gemälde unter der Frankfurter Friedensbrücke zeigt die Porträts von neun Opfer des rassistischen Terroranschlags in Hanau. Ferhat Unvar ist der vierte von links.

Am heutigen Samstag jährt sich der rassistische Terroranschlag von Hanau zum zweiten Mal. Wie geht es Ihnen heute?
Ich bin traurig und emotional. Am 19. Februar wurde mein Kind Ferhat getötet. Ich finde keine Worte, die beschreiben, wie ich mich wirklich fühle.

Die Tat ist auch ein Resultat davon, dass rechtes Gedankengut in Deutschland verharmlost wird. Der Täter wuchs in einem national-konservativen Umfeld auf, er bestellte Nazi-Bücher, übte sich im Schießen, stellte rassistische Inhalte auf seine Website. Kurz nach dem Terroranschlag wurde die Covid-19-Pandemie zum beherrschenden Thema. Und im Umfeld der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen haben sich rechte und rassistische Ideologien weiter verbreitet ...
Ja, genau, die sind noch lauter geworden!

Hat Deutschland versagt, die Lehren aus Hanau zu ziehen?
Deutschland lernt aus Hanau. Wir haben hier einiges geschafft, trotz Pandemie und allem anderen. Wir kämpfen wirklich jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde. Und deswegen ist das Gedenken an den Terroranschlag immer noch aktuell. Wir erlauben nicht, dass unsere Kinder vergessen werden!

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich keine Sorgen um Ferhat gemacht haben, solange er in Hanau-Kesselstadt unterwegs war, seinem Zuhause.
Überhaupt nicht! Ferhat war nicht in einer anderen Stadt, er hat keine gefährlichen Sachen gemacht. Er war immer hier in Kesselstadt unterwegs, entweder im Jugendzentrum oder in der Arena-Bar. Warum sollte ich mir Sorgen machen?

Später wurden genau die Arena-Bar und der Kiosk daneben zum Tatort. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Ihrem Wohnort geändert? Machen Sie sich Sorgen um Ihre Kinder?
Natürlich! Der Täter war mein Nachbar. Dass er Ferhat und die anderen Jugendlichen aus rassistischen Motiven getötet hat, bedeutet für mich, dass wir unseren eigenen Nachbarn nicht vertrauen können. Diese Unsicherheit betrifft nicht nur uns Angehörige, sondern alle Migranten in diesem Land. So ein Attentat kann jederzeit passieren – auch zu Hause.

Also fühlen Sie sich nicht mehr sicher in Hanau?
Nein, überhaupt nicht. Aber trotzdem bleibe ich hier. Ferhat ist in Kesselstadt geboren und in Kesselstadt gestorben. Deshalb lebe ich weiter in Hanau. Um mich selbst habe ich keine Angst. Ich will sowieso nicht mehr leben, verstehen Sie? Aber ich mache mir Sorgen um meine Kinder und andere Migranten. So etwas soll nie wieder passieren. Deswegen will ich den Namen meines Sohnes für immer lebendig halten.

Haben Sie deshalb die Bildungsinitiative gegründet?
Ja. Ferhat ist nicht nur wegen Rassismus getötet worden. Er hat in seinem ganzen Leben mit Rassismus und Diskriminierung zu tun gehabt. Er hat so schlimme Sachen erlebt und ich selber auch. Das muss man alles erzählen. Denn so etwas erleben ganz viele Menschen in diesem Land. Und es kostet einfach zu viel Kraft. Ich habe immer schon Rassismus und Diskriminierung erlebt, auch in der Türkei. Und deswegen habe ich das als normal empfunden. Aber es ist nicht normal.

Hat sich das für Sie durch den Anschlag verändert?
Ja. Wir haben doch nichts gemacht. Wir haben in Deutschland gearbeitet, wir sind in die Schule gegangen. Und trotzdem haben sie uns getötet. Ich lebe hier. Deutschland gehört zu mir, zu meinen Kindern und meinen Enkelkinder. Das steht auch im Gesetz. Aber in den Köpfen vieler Menschen ist das nicht angekommen. Rassismus gibt es überall, bei der Wohnungssuche, am Arbeitsplatz in der Schule. Wir haben nicht die gleichen Chancen.

Vor dem Anschlag haben Sie für eine kurdische Zeitung gearbeitet. Jetzt nicht mehr. Ist die Aufklärung der Tat Ihre neue Arbeit?
Der 19. Februar 2020 war mein letzter Arbeitstag. Jetzt ist es meine neue Arbeit, für Aufklärung und Konsequenzen zu kämpfen und für die Zukunft von Jugendlichen wie Ferhat. Ich kann nie wieder etwas anderes machen. Wissen Sie, ich habe seit zwei Jahren nichts mehr zu Hause gekocht. Ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht mehr normal leben.

Nach der Tat gab es viele Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung aber auch von Politiker*innen. Wie sieht es zwei Jahre später damit aus?
Von der Bevölkerung haben wir immer noch sehr viel Unterstützung. Aber es muss noch mehr werden! Die einzelnen Angehörigen führen ganz unterschiedliche Kämpfe. Ich kämpfe mit der Bildungsinitiative, jemand anders auf der Straße. Doch es gibt weiterhin Austausch zwischen den Familien der Opfer und Überlebenden. Zum Beispiel arbeiten wir für den Untersuchungsausschuss zusammen. Das ist das Wichtigste: Wir müssen zusammenhalten! Das wünsche ich mir von der Zivilgesellschaft. Die Politik hat Angst vor solchen Sachen.

Sie haben die Bildungsinitiative am Geburtstag Ihres Sohnes, dem 14. November 2020, gegründet. Was haben Sie bis jetzt erreicht?
Wir machen deutschlandweit Workshops und Seminare, da gibt es eine große Nachfrage. Aber auch von der Europäischen Union gibt es Interesse, da bin ich im März zum Internationalen Tag gegen Rassismus eingeladen. Meine Hoffnung ist, dass andere Jugendliche und Mütter Kraft schöpfen, wenn sie uns in den Medien sehen. Wir haben einiges geschafft, aber das ist erst der Anfang. Die Jugendlichen von heute sind die Politiker, Ärzte und Polizisten von morgen. Wir müssen diese Jugendlichen gewinnen. Wir dürfen sie nicht verlieren.

Der Hessische Landtag hat einen »unbürokratischen« Opferfonds angekündigt. Das hat sich jetzt aber alles hingezogen. Haben Sie daraus Geld erhalten?
Die Politiker haben uns in eine Position gebracht, wo wir um unsere finanzielle Unterstützung kämpfen müssen. Das sollte nicht so sein. Keine der Familien kann mehr arbeiten. Ich mache meine Hände nicht auf und bettele um Geld. Die Verantwortlichen müssten sich von sich aus darum kümmern. Es ist eine Schande, dass wir darum kämpfen müssen.

Seit vergangenem Sommer beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss mit der Tatnacht. Er soll 2023 abgeschlossen werden. Sie haben dort auch ausgesagt. Ihr Sohn Ferhat wurde gegen 22 Uhr in einem Kiosk in Hanau-Kesselstadt angeschossen und schleppte sich danach – wie Videokameras zeigen – schwer verletzt hinter eine Theke. Als Todeszeitpunkt ist 3:10 Uhr vermerkt. Eine Frage ist daher auch: Hätte er gerettet werden können?
Das wissen wir nicht genau. Fakt ist, dass erst nach vielen Stunden kontrolliert wurde, ob er noch am Leben ist. Warum wurde das nicht früher gemacht? Jeder hat verdient, dass seine Lebenszeichen überprüft werden. Wissen Sie wie schwer das für mich ist? Ferhat ist hinter die Theke gelaufen und hat noch sein Handy rausgeholt. Wahrscheinlich wollte er jemanden anrufen und versuchen, sich zu retten. Sein Handy liegt immer noch hier bei mir, blutverschmiert. Ich habe es bis heute nicht abgewaschen. Das sind die letzten Fingerabdrücke von meinem Sohn.

Dass der Untersuchungsausschuss überhaupt eingesetzt wurde, ist auch der Beharrlichkeit von Ihnen und anderen Angehörigen zu verdanken.
Ja. Wir haben krass darum gekämpft. Beim NSU hat es fünf Jahre gedauert, bis ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde. Ich hoffe, es kommt am Ende etwas Gutes dabei heraus. Mein Kind kommt ja nicht mehr zurück. Ich kämpfe deshalb auch für die gesamte Gesellschaft. Dafür, dass so etwas nie wieder passiert.

Woher nehmen Sie diese Energie?
Schmerz. Ein ganz großer Schmerz. Ferhat hat so gekämpft in seinem Leben. Und er wurde mir genommen, wegen Rassismus und Diskriminierung. Ich kann das nicht akzeptieren.

In Ihrer Rede vor dem Untersuchungsausschuss haben Sie gesagt, dass Sie keine Hoffnung mehr in die Politik haben ...
Ja, das habe ich auch nicht.

Trotzdem haben Sie am vergangenen Sonntag als von den Grünen delegierte Wahlfrau den Bundespräsidenten gewählt. Warum?
Als ich gefragt wurde, habe ich klar gesagt, dass ich keine Hoffnung habe. Trotzdem ist das ein positives Zeichen für mich. Und ich hoffe, dass es nicht bei Symbolpolitik bleibt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft, von der Politik?
Ich wünsche mir, dass Politiker mit den Betroffenen zusammenarbeiten. Das fehlt. Es gibt Tausende Anti-Diskriminierungsstellen. Aber was machen sie dort? Ich weiß, was Rassismus bedeutet. Rassismus hat unsere Kinder getötet. Politiker sollten die Perspektive von Betroffenen ernst nehmen und mit uns zusammenarbeiten. Das ist mein Ziel.

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