Mehr Demokratie wagen

In der institutionellen Langzeitpflege setzen sich nach und nach Formen des Miteinanders durch

  • Von Martin Höfig
  • Lesedauer: 6 Min.
An Pflegeheime angeschlossene Kindergärten wecken die Lebensgeister
An Pflegeheime angeschlossene Kindergärten wecken die Lebensgeister

»Wir wollen radikal denken, ohne Denkverbote«, betont Helmut Kneppe mehr als einmal. Dass es keine leere Koketterie ist, wenn der Vorstandsvorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) sich beim Thema »Demokratisierung des Alterns« entsprechend auslässt, wird in seinen weiteren Ausführungen deutlich. Das KDA forscht seit mittlerweile 60 Jahren unabhängig und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten zum Thema gutes Leben im Alter. »Dadurch sind wir zur politischen Neutralität verpflichtet und das nutzen wir auch aus. Deshalb können uns auch nicht alle leiden«, sagt Kneppe und schmunzelt.

Mit dem Konzept »Demokratisierung des Alterns« setzt das KDA gewissermaßen am äußersten Ende des Lebensprozesses an - bei der so genannten Langzeitpflege. In dieser werden jene Menschen versorgt, deren Mobilität aufgrund des hohen Alters deutlich eingeschränkt ist, die unter Demenz oder anderen schweren Alterskrankheiten leiden. »Doch gerade in diesem Bereich wollen wir mehr Teilhabe und Mitbestimmung ermöglichen, denn diese sind der Kern von Würde - und zwar in jeder Lebensphase«, erläutert Kneppe.

In den vergangenen Jahren sind einige Stellschrauben bewegt worden, um die Heimversorgung alter Menschen zu verbessern. So wurden Verfahren zur Qualitätssicherung entwickelt, zusätzliche Betreuungsleistungen eingeführt, Einzelzimmerquoten erhöht, nicht zuletzt die Einführung eines neuen Personalbemessungssystems angeregt. All dies aber gehört für das KDA und die mit ihm zusammenarbeitenden Altersforscher und -forscherinnen mehr oder weniger zur althergebrachten Ausrichtung der Heimversorgung. »Gerade vor dem Hintergrund des Hineinwachsens der Babyboomer-Generation in die dritte und vierte Altersphase und die dadurch bedingten quantitativen und qualitativen Anforderungen an Pflegewohnsettings bedarf es doch eher einer gänzlichen Neuausrichtung«, schreibt Ursula Kremer-Preiß, Leiterin Fachbereich Wohnen und Quartiersentwicklung im KDA, in ihrer Begleitschrift zum Konzept »Wohnen 6.0«.

Das Konzept beinhaltet Punkte wie Barrierefreiheit während des gesamten Alterns oder die Zeitvorgabe, dass die neuralgischen Orte gerade im Alter - wie Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten oder Dienstleistungen - von allen in 30 Minuten erreichbar sein müssen. Doch vor allem geht es um Teilhabe durch Öffnung, indem beispielsweise bei der Quartierplanung das Pflegeheim schon mitgedacht wird, um dieses als offenen Bestandteil des Viertels gestalten zu können. »Die Grundlagen des gesellschaftlichen Gefüges sind ja heute ganz andere als vor 100 oder auch noch vor 50 Jahren«, so Kneppe. Man müsse sich auch gedanklich endlich mal von Bismarcks Zeiten verabschieden.

Momentan gibt es drei Modellprojekte nach dem »Wohnen 6.0«-Konzept in Deutschland - in den Einrichtungen der Bremer Heimstiftung, in denen der Evangelischen Heimstiftung in Baden-Württemberg und in Bielefeld. »Wir sind ein heimkritischer Träger«, betont der Vorsitzende der Bremer Heimstiftung, André Vater, die alternative Ausrichtung der ihm unterstehenden Häuser. Es gehe ihm eher um Pflegegemeinschaften, die die jahrzehntelange Vereinzelung und das Abschieben von pflegebedürftigen alten Menschen durchbrechen. »In unseren Stadtteilhäusern beginnt das schon damit, dass wir neuen Bewohnern und Bewohnerinnen eine Einzugsbegleitung bieten, die sie von Anfang an mit allen Gegebenheiten unserer offenen Einrichtungen vertraut macht«, beschreibt Vater. Denn oft sei ja gerade der Umzug in ein Pflegeheim für die Betroffenen schon ein Albtraum. In der neuen Umgebung fühlten sich viele hilflos und alleingelassen. Dieser Einzugsdepression müsse man schon mit Teilhabe- und Mitbestimmungsangeboten vorbeugen.

Das Stadtteilhaus St. Remberti in der Bremer Innenstadt ist so ein »Wohnen 6.0«-Projekt. Marktplatz, Theater, die idyllischen Wallanlagen - alles ist vom Stadtteilhaus nur wenige Minuten entfernt. Eingebettet in das historische St. Remberti-Stift und umgeben von grünen Innenhöfen und Gärten, bietet es sowohl ein lebendiges Miteinander in der Nachbarschaft als auch viele Möglichkeiten, sich zurückzuziehen und zu erholen. Die Appartements sind mit den eigenen Möbeln der Bewohner und nach deren Bedürfnissen eingerichtet, die Wege zur Apotheke, zum Arzt oder Bäcker sind kurz. Auch gibt es enge Kontakte zu benachbarten Einrichtungen wie der evangelischen Kirche oder der städtischen Begegnungsstätte. »Und alle unsere 30 Standorte in Bremen haben einen angeschlossenen Kindergarten, manche sogar zwei«, erzählt Vater. Die Lebendigkeit der spielenden Kinder ziehe die Bewohner förmlich nach draußen und gebe ihnen Vitalität. Für die Mitbestimmung und Teilhabe auch von zum Beispiel dementen Bewohnern und Bewohnerinnen sorge zudem die Integration von deren Angehörigen in alle Belange. »Und auch eine Demenz hat ja viele verschiedene Stufen, somit können sich einige der davon Betroffenen auch noch mehr selbst einbringen als andere«, erläutert Vater. Einen Rahmen dafür bietet das sogenannte Bewohnerparlament, das den schon bekannten Heimbeiräten ähnlich ist. Auch hier können Personen von außen, also aus der Nachbarschaft oder dem Stadtteil, Einfluss auf die Gestaltung in den Häusern nehmen.

Das KDA orientiert sich mit seinen Ideen zum demokratischen Altern auch an entsprechenden Modellen im Ausland. Besonders hervorzuheben ist hier das niederländische »Buurtzorg«-Projekt. Buurtzorg bedeutet auf Deutsch Nachbarschaftshilfe und ist ein ambulanter Krankenpflegedienst mit inzwischen 10 000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Im Jahr 2007 hatte der Dienst mit gerade einmal vier Pflegekräften und einer Idee begonnen. Seitdem werden in den Niederlanden Pflegefachkräfte verstärkt für den Einsatz in ihrer Nachbarschaft ausgebildet.

Der niederländische Krankenpflegedienst Buurtzorg beschreibt die Idee so: »Gebt den berufenen Gemeindemitgliedern ihre Berufung zurück und schaut, dass alle Rahmenbedingungen erfüllt sind. Wenn sie nämlich mit ihrer Arbeit glücklich sind, sind es auch die Patienten, deren Familien und Angehörige.« In Erweiterung des Buurtzorg-Modells möchte es auch das KDA nicht den einzelnen Pflegekräften überlassen, Angehörige, Freunde und Nachbarn einzubeziehen. Dazu brauche es stabile Rahmenbedingungen »und vor allem auch Kümmerer«, betont KDA-Vorstand Kneppe. Die Demokratisierung sei ein Auftrag an die Kommunen, an die politischen Entscheidungsträger, die sich der Pflege wieder annehmen müssten. »Das ist eine Haltungs- und Kulturfrage. Die Pflege darf kein Spekulationsobjekt sein, der Staat ist für die Daseinsfürsorge verantwortlich«, appelliert er. Aber beispielsweise auch die Bau- und Wohnungsgenossenschaften seien direkte Ansprechpartner.

Letztlich gehe es um die Frage, ob die Gesellschaft die Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreife oder nicht. Der aktuelle Diskurs zur Pflegereform greift da nach Kneppes Meinung viel zu kurz. »Pflege besteht doch nicht nur aus Finanzierungsfragen«, sagt er lapidar. Nach Meinung des Vorsitzenden der Bremer Heimstiftung, André Vater, geht es allerdings etwa 50 Prozent der Träger in Deutschland allein um Rendite. »Da ist die Politik gefragt, dem Einhalt zu geben«, sagt er. Angesichts der anderen etwa 50 Prozent im Pflegebereich aktiven Träger ist Vater ziemlich optimistisch: »Ich denke, in den nächsten fünf, sechs, sieben Jahren werden sich da die Konzepte von «Wohnen 6.0» immer mehr durchsetzen.«

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