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Kein Frieden im Osten

Wolfgang Benz legt einen neuen Band über deutsche Herrschaft in Europa unterm Hakenkreuz vor

  • Karlen Vesper
  • Lesedauer: 6 Min.

Es ist natürlich völlig absurd, alle Ukrainer Faschisten zu nennen, die Regierung in Kiew als nazistisch zu titulieren, wie dies Russlands Präsident just zur Legitimation des Angriffs auf die Ukraine tat. Was ist nur in diesen Mann im Kreml gefahren? Er müsste es besser wissen, weiß es gewiss auch. Dass der Sohn eines Soldaten im Großen Vaterländischen Krieg und einer Überlebenden der deutsch-faschistischen Blockade von Leningrad solch fahrlässige Vergleiche fabuliert, ist unverständlich. In Kriegsrhetorik scheint alles erlaubt.

Unzweifelhaft sind in der Ukraine rechtsradikale Kräfte sehr umtriebig, schüren seit Jahrzehnten Unfrieden, berufen sich auf unseliges Erbe - und werden dabei durchaus teilweise auch von offizieller Seite hofiert und bestärkt, nicht zuletzt durch eine gewendete Gedenk- und Erinnerungspolitik. Während der sogenannten Euromaidan-Proteste 2013/14 wurden Porträts von Stepan Bandera hochgehalten. Inzwischen gibt es in der Westukraine Hunderte nach dem NS-Kollaborateur benannte Straßen und lebensgroße Statuen. Im Herbst 2014 erhob Oligarchenpräsident Petro Poroschenko den 14. Oktober, das mythische Gründungsdatum der von Bandera gegründeten Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) 1942, zum nationalen Tag der Verteidiger der Ukraine. Bis dahin galt der 23. Februar (Tag der Gründung der Roten Armee 1918 durch Leo Trotzki) als Ehrentag der Streitkräfte, so noch heute in der Russländischen Föderation. Und gewiss nicht zufällig wurde die deutsche Außenministerin bei ihrem ersten Besuch vor zwei Wochen in der ukrainischen Hauptstadt ins Kiewer Holodomor-Museum geführt, in dem der millionenfache Hungertod 1932/33 in der Ukrainischen Sowjetrepublik als ein von Stalin angeordneter Genozid angeklagt wird.

Auch wenn immer wieder behauptet wird, die Vergangenheit sei vergangen, sollte sie nicht zur Erklärung des gegenwärtigen Konfliktes um die Ukraine bemüht werden - Geschichte scheint kaum wirkmächtiger zu sein als in eben diesem und in diesen Tagen. Das betrifft ebenso das Baltikum und Polen. Und tangiert insbesondere die Bundesrepublik, die sich zunächst unter dem neuen sozialdemokratischen Kanzler in Zurückhaltung übte ob traumatischer Erinnerungen an den deutsch-faschistischen Vernichtungs- und Eroberungskrieg in ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere in der russischen Bevölkerung. Inzwischen hat die deutsche Regierung alle Scham fallen gelassen. Historische Verantwortung und Verpflichtung wird obsolet, wenn man geopolitisch mitmischen kann, darf oder soll.

Insofern sei zur Lektüre Politikern hierzulande dringlichst der neue von Wolfgang Benz, einem der renommiertesten deutschen Zeithistoriker, langjähriger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, herausgegebene Band über deutsche Herrschaft in Europa unterm Hakenkreuz empfohlen. Gleichwohl Vertretern der Medien, die beispielsweise einerseits stets von Lemberg sprechen und schreiben, wie die momentan vielfach in Schlagzeilen auftauchende Stadt in der Westukraine unter NS-Okkupation hieß, während sie anderseits die Souveränität des ukrainischen Staates betonen. Journalistische Sorgfalt gebietet, jene Stadt, deren historisches Zentrum UNESCO-Weltkulturerbe ist, korrekt und konsequent Lwiw zu nennen, wie sie seit der Erlangung der Unabhängigkeit der einstigen Sozialistischen Sowjetrepublik 1991 heißt.

»Deutsche Herrschaft in Europa zwischen 1938 und 1945 bedeutete Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung und Vernichtung von Menschen unter der Hybris nationalsozialistischer Ideologie: Rassismus, Kolonialismus, Herrenmenschentum«, schreibt Benz eingangs. »Deutsche Herrschaft verwandelte - gegen Widerstand, aber auch durch Kollaboration unterstützt - die betroffenen Länder und Regionen Europas in eine Landschaft aus Zwangslagern, in denen Menschen beherrscht und bestraft, versklavt und getötet wurden. Millionen Menschenleben gingen während der Okkupation ihrer Heimat in Ghettos, in KZ, in Erschießungsgruben, auf Mordfeldern zugrunde. Hunger gehörte zu den Methoden deutscher Kriegskunst und Besatzungsherrschaft. Der Belagerung Leningrads mit dem Massensterben im Winter 1941/42 durch Hunger und Erfrieren fielen Hunderttausende Sowjetbürger zum Opfer. Auch in den Niederlanden oder in Griechenland, in der Ukraine, in Belarus oder im Kaukasus verhungerten Menschen, weil ihre Ressourcen für die deutsche Kriegführung geraubt wurden.«

Nach dem Blick auf Westeuropa, 1940 von den Truppen der Wehrmacht im »Blitzkrieg« überrollt, wird - chronologisch - die weitaus verschärftere Okkupationspolitik Nazideutschlands in Jugoslawien und Griechenland beschrieben, um dann die grenzenlosen Gewaltexzesse in den überfallenen Territorien der Sowjetunion aufzuzeigen. »Kalkulierte Kollaboration« überschrieb Tilman Plath seinen Beitrag über deutsche Herrschaft in den baltischen Staaten, »Illusionen, Ausbeutung, Massenmord« Frank Golczewski sein Kapitel zur Ukraine. Letzterer beginnt seine Ausführungen mit der Schilderung, wie bereits kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 Ukrainer im deutschen Herrschaftsgebiet als Verbündete gewonnen wurden, unter anderem mit profitabler Beteiligung an der Entrechtung und Enteignung von Polen und Juden. Gefördert wurde insbesondere die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), 1929 von ukrainischen Emigranten in Wien gegründet. Wofür sich diese in einer Denkschrift an den deutschen Generalgouverneur Hans Frank, einem der übelsten Nazi- und Kriegsverbrecher, bedankten: »In diesem Geiste engster Verbundenheit stehen wir, Ukrainer, heute als Einwohner des Ihnen unterstellten Teiles Großdeutschlands Ihnen gegenüber mit dem aufrichtigen Wunsche, alle unsere Kräfte einzusetzen für das Deutsche Reich und für die gemeinsamen Interessen des ukrainischen Volkes. Unsere nähere und ferne Zukunft verbindet sich unlösbar mit der des deutschen Volkes.« Die Denkschrift schloss mit den Worten »Heil Hitler!« Und: »Slawa Ukraini!« (Ruhm der Ukraine) - eine beim Euromaidan wieder zu hörende Losung.

Golczewski verschweigt nicht, das überbordender ukrainischer Nationalismus teils auch eklatanter Fehlpolitik der Sowjetmacht/Sowjetregierung geschuldet war. Was die blutige Kumpanei mit NS-Verbrechern nicht entschuldet. Der Autor berichtet, dass Bandera-Anhänger im April 1941 in Krakau einen Kongress veranstalteten, auf dem sie ihre Ziele für die bevorstehende deutsche Aggression gegen die Sowjetunion formulierten, an der dann zwei OUN-Bataillone beteiligt waren. Ukrainer sollten den Deutschen befreiend zuvorzukommen, antijüdische Maßnahmen wurden fixiert. Banderas Banditen waren beteiligt an der systematischen Ermordung der Juden in der Ukraine. Im Gefolge der Offensiven der Roten Armee flüchteten sie mit der Wehrmacht gen Westen. »Insbesondere die sowjetfeindlichen Kollaborateure fanden in der US-Zone Deutschlands im Zeichen des einsetzenden ›Kalten Krieges‹ Aufnahme und später auch Auswanderungsmöglichkeiten«, schreibt Golczewski.

Benz offeriert in seiner Einleitung das - hier aus Platzgründen nicht gebührend in seiner ganzen Gewichtigkeit gewürdigte - Buch als einen Beitrag, die Beschlüsse des Bundestages zur Errichtung eines Dokumentationszentrums zur deutschen Herrschaft in Europa »mit Inhalten zu füllen«. In der Tat bietet das verdienstvolle, faktenreiche Werk eine solide Fundgrube hierfür. Sein Vorzug gegenüber einer von DDR-Historikern Ende der 80er Jahre erstellten achtbändigen Dokumentenedition »Europa unterm Hakenkreuz« besteht in der komprimierten Ballung deutsch-faschistischen Terrors sowie des Alltags und Widerstandes der unterworfenen Völker in einem Band. Und natürlich auch der naturgemäß aktuellere Forschungsstand.

Wolfgang Benz (Hg.): Deutsche Herrschaft. Nationalsozialistische Besatzung in Europa und die Folgen. Herder, 480 S., geb., 28 €.

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