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Ein bittersüßer Abend für die Berlin Volleys

Die Berliner Volleyballer verpassen wieder mal knapp das Halbfinale der Champions League

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

Cédric Énard ist ein »Glas-halb-voll«-Typ. Wenn der Franzose etwas kritisiert, folgt im zweiten Teilsatz immer das Positive an der Sache. Oder wenigstens etwas, das man daraus lernen kann. Insofern war es bezeichnend, wie niedergeschlagen der Trainer des deutschen Volleyballmeisters am Mittwochabend wirkte. Wie schwer es ihm fiel, sein übliches Lächeln aufzusetzen. Dabei hatten seine Berlin Volleys gerade das Viertelfinalrückspiel der Champions League gegen den italienischen Spitzenklub Trentino Volley mit 3:2 gewonnen. Doch der Sieg war zu knapp ausgefallen, um das Halbfinale zu erreichen.

»Nein, dieser Sieg fühlt sich nicht wie einer an. Ich bin doch sehr enttäuscht«, sagte Énard wenige Minuten nach dem Spiel auf dem Parkett der Max-Schmeling-Halle. Dabei war alles angerichtet gewesen für einen berauschenden Europapokalabend. Erstmals seit mehr als zwei Jahren konnten die Berliner wieder die Hälfte der Sitze für ihre Fans öffnen, die dann auch in Scharen gekommen waren. 4157 Zuschauer versuchten ihr Lautestes, ihre Mannschaft anzutreiben, das 0:3 aus dem Hinspiel in Trient umzubiegen und endlich mal wieder ins Halbfinale der Champions League einzuziehen.

Laut Europapokalarithmetik muss nach einer 0:3-Niederlage ein 3:0 oder 3:1 im Rückspiel folgen, um einen Entscheidungssatz zu erzwingen. Insgesamt vier gewonnene Sätze waren also nötig, nur einer durfte verloren gehen. Warum das schwer werden würde, zeigte gleich der erste Punkt, als Italiens Jungstar Alessandro Michieletto mit einem Ass den dreifachen Champions-League-Sieger in Führung brachte. Auch später sollte der 20-Jährige die Berliner immer wieder vor kaum lösbare Probleme stellen. Mit seiner Größe von 2,11 Meter und einer starken Sprungkraft ist er in der Lage, auch noch über den höchsten gegnerischen Block zu schmettern - ein Genuss für Volleyballfans.

Im Verlauf des ersten Satzes waren aber die Berliner stärker im Aufschlag, Trient machte seine Punkte mit krachenden Blöcken und holte zwei Führungen der Volleys schnell wieder auf. Am Ende des so wichtigen ersten Satzes setzte sich die Aufschlagstärke der Berliner durch - das 25:21 ließ sie weiter träumen. Schließlich war es ihnen nur 2017 einmal gelungen, sportlich das Halbfinale in der Champions League zu erreichen. Das ist also keineswegs selbstverständlich. Doch der Anspruch ist vorhanden, zur europäischen Spitze zu gehören, allein schon weil man national seit einem Jahrzehnt dominiert und die Herausforderer fehlen - Gegner wie die aus Trient, die den Berlinern im Hinspiel eine 0:3-Klatsche verpasst hatten.

Anders als sechs Tage zuvor, als der deutsche Meister zweimal knapp an einem Satzgewinn gescheitert war, konnte er vor eigenem Publikum Rückstände wieder aufholen. So wurde im zweiten Satz aus einem frühen 0:4 doch noch ein 25:22. Die Hälfte war geschafft. Doch die schwierigere fehlte noch. Das wusste Coach Énard: »Es ist immer dasselbe im Spitzenvolleyball. Wer die ersten zwei Sätze abgibt, spielt danach alles oder nichts. Er hat ja nichts mehr zu verlieren«, erklärte er. Den dritten Satz begann Michieletto mit einer starken Aufschlagserie und brachte Trient erneut mit 4:0 in Führung. Dieses Mal bauten sie den Vorsprung immer weiter aus, während den Berlinern plötzlich nichts mehr gelingen wollte. Am Ende stand es 9:25. »Ein Satz für die Tonne«, urteilte Énard.

Einen verlorenen Satz konnten sich die Volleys aber leisten. Und im vierten hielten sie wieder gut mit. Diesmal setzte sich jedoch Trient im entscheidenden Moment mit 19:17 ab, auch weil die Volleys gute Chancen ungenutzt ließen. Nach dem Punkt zum 25:21 stürmten Trainer und Auswechselspieler der Italiener das Spielfeld - und feierten den 2:2 Satzausgleich, der ihnen die Halbfinalteilnahme sicherte. Auch ein deutscher Spieler jubelte mit: Nationalmannschafts-Libero Julian Zenger hatte zwei Jahre lang die Berliner Abwehr zusammengehalten, bevor er im vergangenen Sommer nach Trient ging. »Ich fühle mich jetzt ein Stück weit bestätigt in meinem Wechsel. In der italienischen Liga ist jedes Spiel so wie das hier. Das macht in den entscheidenden Situationen den Unterschied aus«, so Zenger nach der umkämpften Partie.

Sein ehemaliger Trainer Énard sah ebenfalls, dass die Berliner »am Ende nicht mehr effizient genug waren. Wir sind zu oft am Block hängengeblieben. Und als es darauf ankam, haben wir im Aufschlag zu viele Fehler gemacht.« Der Franzose weiß, dass sein Team große Risiken eingehen musste, weil man im Viertelfinale der Champions League sonst keine Chance hat. Daher war mit der Analyse keine Kritik verbunden. »Es hat einfach nicht gereicht«, war sein erstes, simples Fazit. Dann kam die Enttäuschung: »Wir waren nah dran. Das frustriert sehr. Aber auf dem Level musst du vollenden können, was du anfängst. Trient hat das in den entscheidenden Momenten geschafft, wir nicht.«

Etwas Trost kam vom Berliner Publikum, dass seinem Team nach dem vierten Satz minutenlang Beifall spendete. Dass die Volleys danach den fünften Satz und damit die Partie gewannen, interessierte niemanden mehr. Auch wenn fleißig weiter geklatscht und angefeuert wurde - die Luft war raus und die Erfüllung des Traums wieder um ein Jahr verschoben. Die Rückkehr der Fans sowie Niveau und Spannung des Spiels aber hatten nach langer Zeit mal wieder für einen mitreißenden Volleyballabend in Berlin gesorgt.

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