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Als Schwarze Pumpe ein Gasthof war

Dokumentarfilm zeigt den Aufbau und das nahende Ende eines Braunkohlestandorts - noch ohne die Frage russischer Erdgaslieferungen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Eigentlich wollte Monika Hanke Friseurin werden. Doch mittlerweile arbeitet sie seit mehr als 40 Jahren in Schwarze Pumpe und ist die älteste Steigerin in der letzten Brikettfabrik Europas. Eigentlich wollte sie nicht so lange dort bleiben. Es war laut und staubig und manchmal hart mit zwei kleinen Kindern. Wenn die Mutter von der Nachtschicht kam, blieb wenig Zeit zum Schlafen. Trotzdem ist Hanke zufrieden. »Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht«, sagt sie stolz in die Kamera. Für die Reihe »Geheimnisvolle Orte« des RBB-Fernsehens drehten Wolfgang Albus und Maren Schibilsky einen Teil »Schwarze Pumpe - Energielieferant und Umweltsünder in der Lausitz«. Der knapp 45 Minuten lange Dokumentarfilm wird am 22. März um 20.15 Uhr ausgestrahlt.

»Dieser Ort war einst das Herz der Energieversorgung der DDR. Er belieferte fast das ganze Land mit Strom, Briketts und Gas aus Braunkohle«, heißt es ganz am Anfang zu beeindruckenden Luftbildern von den Industrieanlagen. In einer nachgestellten Szene lässt sich Fritz Selbmann, Minister für Schwerindustrie, 1955 durch die Trattendorfer Heide chauffieren. An der Fernverkehrsstraße von Spremberg nach Hoyerswerda steigt der SED-Politiker im Gasthof »Schwarze Pumpe« ab. Als später Vermessungstrupps gesichtet werden, munkeln die Einheimischen, hier solle ein geheimes Militärobjekt entstehen. Tatsächlich wird die Errichtung des Gaskombinats Schwarze Pumpe geplant. Der Aufbaustab richtet sich im gleichnamigen Gasthaus ein.

Die DDR ist von der Steinkohle aus dem Ruhrgebiet abgeschnitten und die Importe aus der Sowjetunion, Polen und der Tschechoslowakei reichen nicht aus. Darum will Selbmann auf die heimische Braunkohle zurückgreifen. Günter Seifert, ehemals Technischer Direktor in »Schwarze Pumpe«, ist das erste Mal als Student auf die Baustelle gekommen und war beeindruckt von den Dimensionen. In der RBB-Dokumentation erzählt er: »Die Kohle musste einspringen als Grundstoff für die chemische Industrie. Die Kohle musste natürlich einspringen in neuer Dimension für die Bereitstellung von Elektroenergie.« Und es habe in der jungen DDR keinen hochofenfähigen Koks gegeben. Seifert weiß: »Ohne Koks kein Stahl, ohne Stahl kein Aufbau.«

Nach fast zehn Jahren wird der Betrieb fertig. Später besteht die Belegschaft zur Hälfte aus Frauen. Doch die Erbauer sind anfangs Männer, die in Baracken leben und ihre Familien noch nicht nachholen können, weil es an Wohnungen mangelt. Doch diese werden auch noch gebaut, vor allem im sächsischen Hoyerswerda, dessen Einwohnerzahl bis auf 75 000 wächst. Auch das Westfernsehen berichtet. Originalton: »Man baut in Hoyerswerda nicht komfortabel, aber schnell.« Für die Kohlekumpel ist es komfortabel genug. Sie kommen wegen der modernen Wohnungen und weil sie im Kombinat gutes Geld verdienen können.

Der sehenswerte Film spart die Schattenseiten nicht aus. Bis 2006 mussten in der Lausitz mehr als 135 Dörfer dem Tagebauweichen. »Es gab Todesfälle«, berichtet Rainer Grosa. In seiner Verwandtschaft hat sich ein Mann das Leben genommen, weil er sein Haus verlassen musste. Grosa selbst hat ein Eigenheim in Spreewitz, das stehen bleiben durfte. Doch jede Woche war es nötig, den Kohlenstaub von der Fassade abzuspritzen. Die nahen Seen mit dem Abfallprodukt Teer stanken im Sommer entsetzlich. Schwarze Pumpe geht wegen des großen Bedarfs oft über seine Volllast hinaus. Die Filter sind dafür nicht projektiert. Grosa, der 44 Jahre als Elektriker im Betrieb arbeitete, rechnet vor, dass deswegen jährlich schätzungsweise 100 000 Tonnen Kohlestaub in die Umwelt geblasen worden sind.

Mitte der 1980er Jahre ist gemeinsam mit sowjetischen Ingenieuren für 460 Millionen DDR-Mark eine Staubdruckvergasung entwickelt, die das Problem löst - und heute in China zur Anwendung kommt. Siemens hat das Patent für einen symbolischen Preis erworben und die Lizenzen dorthin verkauft. In der Lausitz wird heute kein Gas mehr aus Braunkohle gewonnen. Erdgas ist billiger. Alle Kraftwerke, und mit nur einer Ausnahme auch alle Brikettfabriken, werden nach und nach gesprengt. Den jungen Arbeitern wird gekündigt, die alten werden beim Abriss beschäftigt. Innerhalb von zehn Jahren sinkt die Einwohnerzahl von Hoyerswerda auf 33 000.

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) weiht 1997 ein neues Braunkohlekraftwerk ein. Es ist das höchste Gebäude Brandenburgs. »Ufo« nennt es der Liedermacher Gerhard Gundermann in einem seiner Songs. Weil das Kraftwerk noch so relativ neu ist, soll es nun zu den letzten gehören, die beim Kohleausstieg spätestens 2038 vom Netz gehen. Zum Vergleich: Für das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde, erbaut in den Jahren 1981 bis 1989, ist bereits 2028 Schluss.

Möglicherweise wird der Kohleausstieg auf 2030 vorgezogen. Für Steigerin Hanke aus der Brikettfabrik ist so oder so klar: Sie wird dann längst in Rente sein. Das Thema ist ihr trotzdem nicht egal. Dass eines Tages Schluss sein werde, das habe sie immer gewusst, damit könne sie leben, gesteht Hanke dem Filmteam. Aber jetzt gehe es »ein bisschen zu schnell«.

Aktuell wird wegen des Krieges in der Ukraine davor gewarnt, zu schnell auf die Braunkohle zu verzichten. Das ist ein Aspekt, der in dem schon vorher gedrehten RBB-Film nicht vorkommt. Sogar Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam- Instituts für Klimafolgenforschung, hat in einem Interview mit dem »Handelsblatt« gefordert, zunächst auf die heimische Braunkohle zurückzugreifen und parallel forciert die erneuerbaren Energien auszubauen, um sich von russischen Erdgaslieferungen unabhängig zu machen.

Als der Bundestagsabgeordnete Christian Görke (Linke) das las, traute er erst seinen Augen nicht. Er hätte nie geglaubt, dass ein Klimaschützer wie Edenhofer so etwas sagen würde. Was den Zeitpunkt des Kohleausstiegs betrifft, will Görke nicht abstrakt über eine Jahreszahl diskutieren. »So schnell wie möglich soll es geschehen«, sagt er. Da ist er sich mit der Landtagsabgeordneten Anke Schwarzenberg (Linke) einig. Möglich wäre der Ausstieg demzufolge, wenn erneuerbare Energie in ausreichendem Umfang und bezahlbar zur Verfügung steht und wenn in der Lausitz genug neue Arbeitsplätze geschaffen worden sind. Der Strukturwandel müsse unbedingt geordnet ablaufen, fordert Anke Schwarzenberg. Das Chaos der 1990er Jahre mit Massenarbeitslosigkeit und Ausschreitungen von Neonazis steckt der Region noch in den Gliedern.

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