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Lob des Zweifels

»Der Mann mit den Müllsäcken«: Günter Pohl legt ein Bravourstück eingreifender Philosophie vor

  • Von Glenn Jäger
  • Lesedauer: 5 Min.

»Immer wenn uns/ Die Antwort auf eine Frage gefunden schien/ Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten/ Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und/ Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der/ So sehr zweifelte«, ließ Bertolt Brecht seinen »Zweifler« beginnen. Was offenbleibt: welchen Part in diesem Bild Günter Pohl innehätte, der bislang aus Beiträgen in der Wochenzeitung »Unsere Zeit« bekannt war - als jemand, der den Nato-Staaten gerne die Leviten liest; der weiß, wo es langgeht. Einer also, der keinen Zweifel kennt? Weit gefehlt, wie das Buch »Der Mann mit den Müllsäcken« zeigt.

In einem dialogischen Gespräch schickt Pohl die Figuren Noem und Myop durch die Philosophiegeschichte, lässt sie darin Fragen der Gegenwart spiegeln und inhaltlich immer wieder hin und her springen. Und er lässt sie zweifeln, zunächst an dem leitmotivischen Foto: An einer Straße steht ein Mann mit zwei Müllsäcken, einer neben ihm, der andere im Kofferraum eines Autos. Das Bild ist real, doch was sagt es aus? Was, wenn es nicht um illegale Entsorgung, sondern um aktiven Umweltschutz geht? Wenn der Mann selbstlos Säcke einsammelt? »Alles, was es nicht zeigt, kann das Foto zur Lüge machen«, so die These von Noem.

Wesen und Erscheinung: Die Bedenken sind grundsätzlich, es sind die Zweifel von einst, ob tatsächlich die Sonne um die Erde kreist. Ohne die Kunst des Zweifelns keine Suche nach Wahrheit, kein Erkenntnisgewinn. Doch möge es, so Noem, kein »Zweifel um des Zweifels willen« sein, wie ihn der Skeptiker David Hume (1711-1776) lehrte, sondern mit René Descartes (1596-1650) »ein methodischer Zweifel«. Denn es gehe auch um die »Absicherung bereits erworbenen Wissens«: Besorgt blicken Noem und Myop auf einen Irrationalismus, der naturwissenschaftliche Erkenntnisse bezweifelt. Umso mehr gilt ihr Zweifel der »Ordnung der Welt«, so der Untertitel des Buches, und das in langer Tradition.

Es war der französische Scholastiker Abaelard (1079-1142), der »Zweifel am Wahrheitsmonopol der Kirche« anmeldete. Ob Kirche, ob Adel, ob bürgerlicher Staat: Die Philosophie müsse »eingreifend sein, wie sie es in der Aufklärung war, als sie aus dem Kämmerlein der Weltbetrachtung herauskam«. Hier scheint die Marx’sche Feuerbachthese durch: nicht bloß interpretieren, auch verändern.

Was bekannt war: Pohl hat seinen Marx und seinen Lenin gelesen. Von einem Grundwissen Hegel war auszugehen. Doch dass er die Klassiker, zumal das dialektische Denken, derart produktiv auf die Lehren der Aufklärung anwenden würde? Deren Kern weiß er historisch einzuordnen und für heute fruchtbar zu machen, auch unter Rückgriff auf den Enzyklopädisten Denis Diderot (1713-1784) als fortschrittlichste Flanke seiner Zeit. Das Wort »Corona« braucht kein einziges Mal zu fallen, um doch mehrfach vor einer Renaissance des Irrationalismus zu warnen, den Pohl aus den Widersprüchen unserer Zeit erklärt, nicht zuletzt - Achtung: Marx - aus der kapitalistischen Produktionsweise. Denn »wo ein anarchisches Wirtschaftssystem ist, gibt es krauses Denken«, lehrt Noem und sieht in der aufklärerischen Vernunft das Gegengift zu Obskurantismus und Esoterik. Mit Brecht erinnert er daran, dass der »Sieg der Vernunft« nur der »Sieg der Vernünftigen« sein könne. Spätestens hier zeigt sich: Pohl geht mit den großen Aufklärern über die Aufklärung hinaus.

Das beinhaltet: Pohl stochert nicht in Unzulänglichkeiten der alten Gelehrten, er ist nicht - wie sagt man? - »woke« genug, um mit einer grundlegenden Kritik an Ungleichheiten die großen Philosophen vom Sockel zu holen: kein Rousseau, kein Kant, der erst einmal als »Rassist« gebrandmarkt würde. Und doch geißeln seine Helden auch einen strukturellen Rassismus oder Kontinuitäten von Kolonialismus. Ihr methodischer Zweifel, mithin an der »Ordnung der Welt«, bedeutet, an deren Grundfesten zu rühren. Was Pohl unternimmt, ist nicht weniger als eine Wurzelbehandlung an den vorherrschenden Lehrmeinungen und Ideen, die darin mündet, die bestehenden Verhältnisse selbst infrage zu stellen.

Plötzlich ist er wieder da, jener Pohl, den wir kennen: Wie die Geschichte lehre, würde die bürgerliche Klasse, anders als die DDR-Führung, nie »gewaltlos abgetreten«. Und doch lässt sich der zweifelnde Pohl nicht von jenem trennen, der gerne Tacheles redet. So sehr er der Überwindung des Kapitalismus das Wort redet, so sehr kommen ihm selbst Zweifel: Angesichts fortschreitender Naturzerstörung werde die »Zeit knapp«, so Noem. Doch gerade weil es um das Überleben der Gattung Mensch gehe, sei eine auf Profit gründende Ordnung überholt.

Neben dem Erkenntnisgewinn zu epochalen Themen bietet das Buch erstaunlichen Beifang. Nicht der Mount Everest sei der höchste Berg, sondern der Chimborazo in Ecuador - wegen der Erdkrümmung entscheide die Entfernung zum Erdmittelpunkt. Doch kolonialgeschichtlich reden wir eben von einer britischen Himalaya-Expedition. Oder das gefeierte »Richter-Fenster« am Kölner Dom: Derlei sei »in jeder dritten sauerländischen Friedhofskapelle zu bewundern«. Übertrieben? Nun, Pohl ist gelernter Glaser.

Mit dem bisweilen launischen Gespräch gelingt es ihm, selbst bei komplexeren Überlegungen stets die Bodenhaftung zu wahren. »Ich steig aus«, so Myop, als Noem einen materialistischen Bogen von den alten Gelehrten Parmenides, Leukippos und Epikur hin zum Atommodell spannt.

»Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden/ Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und/ Begannen von vorne«, schließt Brecht den »Zweifler«. Ob sich Pohl von dem Mann auf der Leinwand zu jenem mit den Müllsäcken inspirieren ließ? So oder so: Das Material, das er ausbreitet, ist derart reichlich, dass es lohnen dürfte, noch mal von vorne zu beginnen. Wäre da nicht zwischen den Zeilen angeklungen, dass bald ein zweiter Band folgt. Den vorliegenden mag, wer die Kinder und Enkelkinder etwa mit »Sophies Welt« auf den Geschmack brachte, zwischen die Osterglocken legen.

Günter Pohl: Der Mann mit den Müllsäcken. Von der Ordnung der Welt. Verlag Wiljo Heinen, 253 S., geb., 26 €.

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