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»Katar war das Zentrum der Intrigen«

Der Ex-Geheimdienstler und Buchautor Robert Baer spricht über den Einfluss des Golf-Emirats

  • Ramon Schack
  • Lesedauer: 5 Min.

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck handelte kürzlich in Dohar einen Erdgas-Deal mit dem Emirat Katar aus. Sie kennen die politischen Verhältnisse in Katar aus erster Hand. Kann das Emirat als Energiequelle eine stabile Alternative zu russischem Gas für Deutschland sein?

Die Frage stellt sich nur bedingt, da Deutschland momentan keine andere Wahl hat, als Alternativen zu russischen Energiequellen zu suchen. Alle westlichen Staaten befinden sich in einer beträchtlichen Abhängigkeit von diesen Energiequellen, wobei die ökonomische Abhängigkeit nur ein Teil des Problems ist. Viel folgenreicher ist die politische Dimension, die den Westen dazu zwingt, seine Menschenrechtsagenda oder seine »werteorientierte Außenpolitik« – so nennt man es wohl in Deutschland – infrage zu stellen.

Interview
Robert Baer ist ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA. In seiner aktiven Zeit war er unter anderem im Irak, in Syrien und im Libanon eingesetzt. Heute arbeitet er als CNN-Kommentator, Sicherheitsanalyst und Autor. Seine Bücher »See No Evil« und »Sleeping with the Devil« lieferten die Vorlage für den 2005 fertiggestellten Film »Syriana«. Die Figur des Bob Barnes, gespielt von George Clooney, wurde Robert Baer nachempfunden. Mit ihm sprach Ramon Schack.

Das gilt dann auch für den deutschen Erdgas-Deal mit Katar?

Sicherlich. Katar ist ja kein Mekka der Demokratie und der Menschenrechte. Im Gegenteil: Katar war das Zentrum der Intrigen am Golf. Dort verliefen die Spuren der Unterstützung von Al-Qaida und der Taliban, das Sponsoring von dschihadistischen Terrorbanden, flankiert von einer maximalen Ausnutzung der ökonomischen Macht für politische Ziele des Emirats. Allerdings haben sich die innen- und außenpolitischen Verhältnisse in den vergangenen Jahren in Katar etwas verbessert, was insbesondere für die geopolitische Ausgangslage gilt.

Damit meinen Sie die Spannungen von 2017, als es zwischen Katar und Saudi-Arabien fast zu einem Krieg kam?

Richtig, damals war Saudi-Arabien kurz davor, das Emirat Katar zu schlucken, was im Endeffekt daran scheiterte, dass die Saudis damals schon im jemenitischen Sumpf versunken waren beziehungsweise an ihrer Südgrenze in einem verlustreichen Stellungskrieg standen, der ja bis heute anhält.

Sie erwähnten eben die Abhängigkeit des Westens von Energiequellen und deren politische Auswirkungen. Sind diese Rahmenbedingungen auch der Grund für die erodierende Macht des Westens, die wir derzeit beobachten können?

Natürlich, Saudi-Arabien verweigert sich ja jeglichen Forderungen Washingtons, mehr Erdöl auf den Markt zu werfen, um die Preise zu senken. Hierbei handelt es sich um eine Revanche speziell gegen US-Präsident Biden, um seine Wiederwahl zu gefährden. Man bevorzugt natürlich Trump, der ja fast eine Politik im Sinne Saudi-Arabiens betrieb. Daher bitten die USA jetzt – man könnte fast vom Betteln sprechen – Venezuela um eine Steigerung der Erdölproduktion. Also in einem Land, zu dem wir die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und in dem wir mehrmals einen Regime Change versucht haben.

»Sleeping with the devil« (Mit dem Teufel schlafen) haben Sie ja Ihr Buch genannt, in dem Sie die engen Beziehungen Saudi-Arabiens zu den USA analysieren.

Der Titel umschreibt den Zustand der Beziehungen zwischen Washington und Riad bis vor Kurzem. Bei der Aufrüstung Saudi-Arabiens beispielsweise gibt es eigene Regeln. Es ist ein geschäftlicher Teilbereich für sich. Wir, die Amerikaner, kaufen Öl von den Saudis, raffinieren es und füllen es in die Tanks unserer Autos – und ein kleiner Prozentsatz von dem, was wir für dieses Öl bezahlt haben, geht an Terroristen und wird genutzt, um Anschläge gegen US-Einrichtungen weltweit zu finanzieren.

Auch auf den Iran scheint Washington im Schatten der Ukraine-Krise zuzugehen?

In der Tat, Washington scheint hierbei über seine eigene Sanktionspolitik zu stolpern. Teheran profitiert aber von der aktuellen Lage und wird sich nicht unter Wert verkaufen, was sich ja schon abzeichnet. Anders ausgedrückt: Der gesamte Nahe und Mittlere Osten wird sich geopolitisch neu positionieren, was ja nicht nur durch die Abfuhr in Richtung Washington deutlich wird, sondern auch daran, dass neulich der syrische Präsident Baschar Al-Assad seine Isolation durchbrechen konnte durch seinen Staatsbesuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bei dieser geopolitischen Neuorientierung wird der Westen deutlich ins Hintertreffen geraten, zumal die aufsteigenden Mächte im Osten, neben Russland vor allem Indien und China, für die reaktionären Golf-Monarchien gewinnbringende Geschäfte garantieren, ohne eine politische Einmischung befürchten zu müssen.

Und der Iran speziell?

Der Iran gehört auch zu den Gewinnern, weil jetzt in Washington endlich realisiert wird, dass es sich um den stabilsten Staat in der Region handelt. Iran ist eine Nation mit gewaltigem Potenzial, das bisher aber nicht ausgeschöpft wird, mit historisch gewachsenen Grenzen. Wenn man in Teheran keine Dummheiten macht, kann es dem Iran gelingen, seine außenpolitische Isolation zu überwinden. Iran profitiert übrigens auch von einem Gasdeal Deutschlands mit Katar, denn beide Staaten teilen sich ein riesiges Gasfeld.

Der Westen unter Führung der USA gibt also seine politische Agenda und seine Menschenrechtsrhetorik auf, wenn es um den Zugang zu Energie-Ressourcen geht?

So war es schon immer. Es handelt sich wie gesagt um eine Abhängigkeit des Westens von diesen Ressourcen, also nicht um eine Win-win-Situation. Wenn Deutschland seine Abhängigkeit von russischem Gas reduzieren möchte, was es momentan muss, dann begibt es sich aber gegenüber Katar in andere Abhängigkeiten. Der Besuch Ihres Wirtschaftsministers in Katar erinnert mich an einen Ausspruch von de Gaulle. Der französische Präsident sagte damals nach seiner Reise durch mehrere arabische Staaten: »In den komplizierten Orient reiste ich mit einfachen Ideen.«

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