Bloß nicht noch mal umziehen müssen

Neuvertragsmieten in Berlin klettern auf immer neue Höchstwerte

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.
Hoch, höher, am höchsten: Die Neuvertragsmieten in der Hauptstadt kennen nur eine Richtung.
Hoch, höher, am höchsten: Die Neuvertragsmieten in der Hauptstadt kennen nur eine Richtung.

»Die hochpreisigen Gebiete breiten sich im Innenstadtbereich immer weiter aus«, sagt Arnt von Bodelschwingh vom Institut Regiokontext am Freitag bei der Vorstellung des Wohnungsmarktberichts 2021 der landeseigenen Investitionsbank Berlin. Das feine Dahlem im Südwesten Berlins ist mit Angebotsmieten von im Mittel 14,70 Euro nettokalt pro Quadratmeter demnach fast schon ein Schnäppchen im Vergleich zur Gegend rund um den Alexanderplatz mit knapp unter 20 Euro. Auf die gesamte Stadt gerechnet wurden für Neuverträge im vierten Quartal 2021 satte 11,09 Euro pro Quadratmeter ohne Heiz- und Betriebskosten verlangt - ein Plus von 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. In Innenstadtbezirken lag der Median bei Werten von 13 bis 14 Euro, Neubauwohnungen wurden stadtweit für fast 17 Euro pro Quadratmeter angeboten, ein Plus von knapp neun Prozent.

In diese Werte fließen, wie von Bodelschwingh betont, meist nicht die deutlich günstigeren Wohnungen von Genossenschaften und landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften ein, da diese nur ausnahmsweise auf den entsprechenden Immobilienportalen inseriert werden. 2020 - neuere Zahlen liegen nicht vor - lagen die Neuvertragsmieten bei Mitgliedern des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, dem neben gemeinwohlorientierten Vermietern auch Deutsche Wohnen und Vonovia angehören, nettokalt im Mittel bei 7,66 Euro pro Quadratmeter. Doch weil Mieter im Durchschnitt inzwischen über 20 Jahre wohnen bleiben, werden bei Weitem nicht ausreichend Wohnungen frei.

Neubau soll die Lösung sein

Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) sieht die Antwort vor allem im Neubau. »Die Antwort kann nur die Ausweitung des Angebots sein«, sagt er zur Wohnungsknappheit. »Verheerend« nennt er es, dass im vergangenen Jahr nur Förderungen für 1011 neue Sozialwohnungen beantragt worden sind, obwohl das Ziel bei 5000 lag. Dementsprechend ist nur ein Fünftel der Fördersumme abgerufen worden. Auf 740 Millionen Euro - und damit die Hälfte mehr als bisher - soll die jährliche Fördersumme im Doppelhaushalt 2022/2023 steigen, damit tatsächlich 5000 neue Sozialwohnungen im Jahr auf den Weg gebracht werden. Ausgegebenes Ziel sind 20.000 Neubauwohnungen insgesamt jährlich. »80 Prozent des Berliner Baulands ist in privater Hand«, nennt Geisel als Grund, warum mit dem »Bündnis für Wohnungsneubau und bezahlbares Wohnen« auch Private eingebunden werden sollen. Angesichts der mittleren Neubaumieten von an die 17 Euro scheint der Beitrag zur sozialen Wohnraumversorgung allerdings zweifelhaft.

Der Bund habe eine zentrale Bedeutung für die Probleme, die Berlin allein auch nicht werde lösen können, sagt Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. »Wenn hier keine Kurswende kommt, weil die FDP alles blockieren will, dann sehen wir schwarz für die Berliner Mieter und Mieterinnen und alle angespannten Märkte in der Republik« so Wild weiter.

Sozialwohnungsbau forcieren

Berlin müsse »alle planungsrechtlichen und sonstigen Möglichkeiten ausschöpfen, um den Gemeinwohlanteil im Neubau auf 70 Prozent anzuheben«, fordert der Mieterverein. Auf die unbebauten Grundstücke müsse »bei Weigerung des Eigentümers durch Sanktionen zurückgegriffen werden«. Da die Angebotsmieten nach dem Mietendeckel-Aus wieder angestiegen sind und sie aktuell mit Blick auf die große Zahl Geflüchteter wohl auch weiter steigen würden, brauche es endlich eine wirksame und unkomplizierte Mietenregulierung bei der Wiedervermietung. »Der Bund muss endlich Alternativen zu dem erfolglosen, für alle Marktteilnehmer komplizierten und am Ende auch teuren Weg der Mietenbegrenzung mittels ortsüblicher Vergleichsmiete und Mietspiegel prüfen«, so der Mieterverein weiter.

Auf nd-Nachfrage nennt Stadtentwicklungssenator Geisel die extrem steigenden Bodenpreise einen ganz erheblichen Preistreiber. Auf Landesebene gebe es derzeit nur »die Möglichkeit, schneller Genehmigungen zu erlassen, um vor die Entwicklung der Bodenpreise zu kommen«. Er räumt ein, dass es »unzureichend« sei, »ständig Förderprogramme aufzulegen, wenn auf der andere Seite die Bodenpreise ständig davonlaufen«. In diesem Punkt müsse der Bund Regelungen finden. »Die Antwort muss gegeben werden«, sagt Geisel. Es klingt etwas hilflos.

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