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Beklemmende Gleichzeitigkeit

Fotografische Hommage von Enno Kaufhold und Günter Zint an St. Pauli in Berlin

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Vordergrund, aus Bodennähe aufgenommen, ist die Rückenansicht einer Frau in Hotpants, knappem Top und weißen Schuhen zu sehen. Ein biederes Ehepaar betritt gerade den Bürgersteig. Auf der anderen Straßenseite macht ein Astra-Schild Reklame für das Hamburger Bier. Das Foto stammt von Enno Kaufhold, der es im Juli 1983 am Hans-Albers-Platz auf St. Pauli in Hamburg aufnahm. Es prangt auf dem Cover des opulenten Fotobandes, der kürzlich im Junius-Verlag erschienen ist und das Milieu des legendären Rotlichtbezirks über ein Jahrzehnt, von 1975 bis 1985, dokumentiert. Enno Kaufhold (Jg. 1944), promovierter Kunst- und vor allem Fotohistoriker, ist Verfechter einer sozialkritischen Fotografie, die sich streng am Realismus orientiert. Alles, was sich in der Öffentlichkeit abspielt, darf und sollte geradezu fotografiert werden. Diesen Grundsatz vertritt er auch gegenüber den Studentinnen und Studenten in Fotogeschichte und Fototheorie an der Ostkreuz-Schule in Berlin.

Eine junge Frau schiebt bei Sonnenschein ihren Kinderwagen, neben ihr laufen zwei Männer, deren Aufmerksamkeit den drei lässig im Eingang stehenden und leicht bekleideten Frauen im Eingang eines Eros-Centers neben dem Erotik-Theater »Safari«, gilt. Das »Safari« existierte von 1964 bis 2014 und bot »Einblicke in das Liebesleben zwischen Mann und Frau«, dessen »erotische Höhepunkte in kleinen Theaterepisoden mit wechselnder Handlung verpackt« wurden, wie das Hamburger Abendblatt 2014 die 50-jährige Geschichte des Etablissements resümierte.

Enno Kaufhold hielt seine Kamera, eine für damalige Verhältnisse kleine Konica, immer unauffällig in Hüfthöhe, wie an dem Mann, der von links ins Bild tritt, zu sehen ist. Damit blieb er unter dem Wahrnehmungsradar der Protagonisten und konnte den unverfälschten Alltag einfangen, was ansonsten womöglich zu Abwehr oder einem In-Pose-Setzen geführt hätte.

St. Pauli in Hamburg ist untrennbar mit dem Milieu der Prostitution verbunden, um die seit vielen Jahren ein starker Disput geführt wird. Manche möchten sie komplett verbieten, während Aktivist*innen der Prostitution, organisiert bei Hydra und Doña Carmen, die »Sexarbeiterinnen« eher rechtlich absichern und die Ausbeutung durch Zuhälter unterbinden möchten.

Eine Ausstellung von Enno Kaufhold und Günter Zint ermöglicht derzeit einen ungeschminkten und rauen Blick zurück auf die Situation im Kiez. Zint lebte lange Jahre auf St. Pauli und blickte aus seiner Wohnung herunter auf das Geschehen. So konnte er Aufnahmen vom Zusammenstoß Betrunkener mit der Polizei machen. Als oft gesehener Nachbar und bekannter Fotograf galt Zint als akzeptierter Insider. Seine Fotografien von der selbstbewussten Prostituierten, »Domenica« Anita Niehoff (1945-2009) sowie der Star Club-Szene in den frühen 60er Jahren mit den Anfängen der Beatles, sind weltberühmt, Kaufholds Fotografien dagegen völlig unbekannt. Sie sind nun in der Fotogalerie am Helsingforser Platz in Berlin nach der Freelens Galerie in Hamburg zum zweiten Mal überhaupt zu sehen.

Kaufhold beobachtete als Außenseiter den Kiez, und ihm war von Beginn an klar, dass er aus Gründen des Schutzes der Personen in seinen Fotografien aus den späten 70er und frühen 80er Jahren lange Zeit würde verstreichen lassen müssen, bevor er sie einer begrenzten Öffentlichkeit zeigen kann. Kaufhold versteht seine mitunter harten Bilder aus dem Sexmilieu wie auch vom unteren Rand der Gesellschaft als Hommage »an die Menschen, denen ich auf St. Pauli begegnet bin«.

Sein fotografisches Ethos gerät heute schnell unter Generalverdacht und muss sich gegen Anfeindungen aus identitätspolitischen Erwägungen oder dem üblichen Einwand des Rechtes am eigenen Bild wehren. Fotograf*innen können ein Lied davon singen. Der Einwand, man müsse zuerst fragen, ob eine Situation im öffentlichen Raum fotografiert werden dürfe, ist an sich schon absurd, die festzuhaltende Situation wäre unwiederbringlich zerstört. Dahinter steckt die Auffassung, dass die Würde und Autonomie des Menschen zu wahren ist und er nicht gegen seinen Willen fotografiert werden dürfe, was einer Persönlichkeitsverletzung entspräche. Solche Positionen kommen ohne jegliche Überlegungen darüber aus, wie Realität im öffentlichen Raum überhaupt dargestellt werden kann. Fotografische Positionen wie sie Lewis W. Hine, Jacob Riis, Henri Cartier-Bresson, Helen Levitt oder Vivian Mayer repräsentieren, wären demnach schier undenkbar. Eine Buchhandlung im Schanzenviertel Hamburgs lehnte übrigens den Verkauf des Kaufhold-Buches ab, weil das eingangs beschriebene Coverbild sexistisch sei. Als ob Rotlichtmilieu nicht per se Sexismus bedeutet und folglich überhaupt nicht darstellbar sein dürfte.

Außer ein paar Kneipenszenen, darunter auch aus der Spelunke »Zum Goldenen Handschuh«, die vor ein paar Jahren in dem Roman von Heinz Strunk über den Serienmörder Fritz Honka und dessen Verfilmung einem größeren Publikum bekannt wurde, sind es vor allem Straßenszenen, die Kaufhold festhielt. Da mischt sich das profane Leben mit dem Rotlichtmilieu und zeigt in einer beklemmenden Gleichzeitigkeit Bürgerlichkeit, Prostitution, Verfall und Alkoholismus.

»Günter Zint und Enno Kaufhold: St. Pauli 1965 - 1985«, bis 13. Mai, Fotogalerie am Helsingforser Platz, Berlin; Künstlergespräch mit Enno Kaufhold am 7. April, 19 Uhr in der Galerie.

Enno Kaufhold: St. Pauli. Fotografien 1975-1985. Junius-Verlag, 320 S., geb., 49,90 €.

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