Ablenkung ist die beste Verteidigung

Mit Whataboutism lässt sich besonders in Krisenzeiten legitime Kritik hintertreiben, beobachtet Olaf Kramer und mahnt zu besonderer Aufmerksamkeit

  • Von Olaf Kramer
  • Lesedauer: 4 Min.
Kriegszeiten lassen Propaganda, destruktive und manipulative Formen von Rhetorik prosperieren - so auch Whataboutism
Kriegszeiten lassen Propaganda, destruktive und manipulative Formen von Rhetorik prosperieren - so auch Whataboutism

Die Beschuldigungen fliegen hin und her: Biden nennt Putin einen »Schlächter«. Kreml-Sprecher Peskow kontert: Es sei »zumindest merkwürdig«, solche Worte von Biden zu hören, der im Kosovo-Krieg 1999 zu Bombenabwürfen auf Serbien aufgerufen habe. Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, so sagt man. Kriegszeiten lassen Propaganda, destruktive und manipulative Formen von Rhetorik prosperieren. Besondere Konjunktur hat derzeit der sogenannte Whataboutism, das Parieren einer legitimen moralischen Kritik, indem man unvermittelt das Thema wechselt und mit einer Art Gegenbeschuldigung reagiert, gerade so wie das Peskow vorführt. Frei nach dem Motto »Ablenkung ist die beste Verteidigung«.

Jede legitime Kritik an den bestehenden Verhältnissen lässt sich mit Whataboutism kontern: Die demonstrierenden Schüler, die gegen die Klimakatastrophe kämpfen, fragt man, wie es um das eigene Konsumverhalten in Anbetracht von Smartphone und Work-and-Travel-Reisen nach Neuseeland steht. Den Impfbefürwortern, die über die Gefahren einer Corona-Infektion informieren, begegnet man mit dem Vorwurf, sie seien Teil einer großen Weltverschwörung von wahlweise China, den USA, Bill Gates oder Angela Merkel. Und den Vorwurf an Russland, einen brutalen Angriffskrieg in der Ukraine zu führen, kontert man eben mit dem Hinweis auf das Kosovo, die Irak-Kriege oder den angeblichen ukrainischen Faschismus, nur um von den eigenen Gräueltaten abzulenken.

Diese Technik, einer kritischen Diskussion auszuweichen, untergräbt jedoch jede vernünftige Auseinandersetzung. Immer wieder wird das Thema gewechselt, emotional und persönlich angegriffen, statt über die Sache zu reden. Auf Dauer gehen so alle moralischen Maßstäbe verloren.

Die Technik des Whataboutism ist alt. »Auch Du, Brutus!«, schon Caesars Anklage liegt das Muster des sogenannten »tu quoque«-Arguments zu Grunde, auf dem Whataboutism beruht. Ein solches »Du auch«-Argument geht dabei meist mit persönlichen Angriffen einher, was zur sinistren Kunst des Ausweichens in Krisen- und Kriegszeiten zu gehören scheint. Dabei sieht sich der Ausweichende selbst sogar noch in einer moralisch stärkeren Position, weil er dem Gegner ja Doppelmoral vorhalten kann, sich selbst also als moralisch überlegen wahrnimmt. Psychologisch ist die Tendenz zum Whataboutism in Kriegszeiten daher leicht nachzuvollziehen.

Whataboutism hat eine lange Tradition in der sowjetischen Außenpolitik, die Kritik am Afghanistan-Krieg mit dem Verweis auf Vietnam konterte oder Gulags mit der ungerechten Rassenpolitik der USA relativierte. Eine Tradition, die Wladimir Putin schon länger fortführt, wie Edward Lucas gezeigt hat. Dessen »The New Cold War: Putin’s Russia and the Threat to the West« aus dem Jahre 2008 heute zu lesen ist ein erschreckendes Erlebnis, denn in der Tat ahnt Lucas die aktuellen Konflikte zwischen Russland und Europa voraus. Und er erklärt, wie durch Desinformation und Whataboutism das Prinzip der Vernunft in der Politik ausgehebelt wird.

Im Feuer des Whataboutism lässt sich am Ende kein klarer Gedanke mehr fassen. Denn bei den Einwürfen geht es ja nicht um einen Austausch von Argumenten, um ein Spiel von These und Antithese, das zu einer Synthese führen kann. Whataboutism verhindert das Fortkommen in der Sache, beschneidet den Raum für rationalen Austausch und vernünftige Verständigung.

Man sollte in der Konsequenz moralische Argumente in Kriegszeiten mit großer Aufmerksamkeit verfolgen. Jedes argumentative Ausweichen in einer Diskussion, jeden Vorwurf von Doppelmoral und fehlender moralischer Legitimität genau prüfen. Nur wer genau hinhört, kann sich vor Manipulation durch Whataboutism schützen. Die Lust an der eignen Empörung sollte man jedoch im Zaum halten; man muss sich nämlich fragen, ob der persönliche Angriff gegen Putin, den Bilden formulierte, so nachvollziehbar er in Anbetracht des russischen Angriffskriegs ist, wirklich zielführend war.

Am Ende kann nur Diplomatie den Krieg beenden. Dem Versuch Russlands, durch Whataboutism moralischer Kritik aus dem Westen den Boden zu entziehen, muss man daher mit kühlem Kopf kontern, damit der eigene moralische Kompass nicht durcheinandergerät.

Olaf Kramer ist Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen.

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