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Die Wirkmacht linker Ikonen

Die Künstlerin Michaela Melián befragt in einer neuen Ausstellung das politische Erbe der Tamara Bunke

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Mossberg-Modell Bullpup: Ein samtenes Sitzmöbel in Form eines Maschinengewehrs, vielleicht nicht für jedes Wohnzimmer geeignet
Das Mossberg-Modell Bullpup: Ein samtenes Sitzmöbel in Form eines Maschinengewehrs, vielleicht nicht für jedes Wohnzimmer geeignet

Tania La Guerillera» hieß mit bürgerlichem Namen Tamara Bunke und ging in den 60er Jahren aus der DDR nach Kuba, um sich von dort aus Che Guevaras Guerillakampf in Bolivien anzuschließen. Ihr widmet die Künstlerin und Musikerin Michaela Melián (geboren 1956 in München) die neue und zentrale Arbeit in ihrer derzeitigen Ausstellung in Berlin.

Haydée Tamara Bunke Bíder wurde 1937 in Argentinien als Tochter aus Deutschland ins Exil geflohener Kommunisten geboren. Der Vater, Erich Bunke, war Deutscher und die jüdische Mutter, Nadja Bider, stammte aus Odessa. Die Familie kehrte in den 50er Jahren zurück und wurde in der DDR sesshaft. Tamara Bunke hat ihre lateinamerikanischen Wurzeln nie vergessen. 1967 geriet sie in Bolivien in einen Hinterhalt und wurde erschossen.
Michaela Melián hat ein großes Wandbild zur Geschichte von Tamara Bunke, basierend auf vielen Zeichnungen, am Rechner entworfen, das sie Punkt für Punkt mit gestempelter Farbe auf alle vier Seiten einer frei stehenden Stellwand auftrug. Für Melián, Mitbegründerin der Independent-Band F. S. K. und seit 2010 Professorin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, ist Tamara Bunke wegen ihrer Biografie und auch aus feministischer Perspektive interessant. Die mythologisch aufgeladenen Erzählungen um ihre Person haben sich in der Popkultur, in Filmen und in der Literatur niedergeschlagen. Melián fand diese sowohl in Ost wie auch West wirkmächtige Person für Berlin als ehemaligen Ort sichtbarster Systemkonfrontation passend.

Ihre Recherche zu Tamara Bunke schlug sich in Zeichnungen nieder, die Szenen aus Filmen, Fotos, Plätze und Wohnorte zeigen. Schon beim Verlassen des Fahrstuhls im Berliner Zentrum für zeitgenössische Kunst – Kindl werden Besucher*innen mit dem Wandbild konfrontiert, das sich am besten aus der Entfernung erschließen lässt. Je näher die Besucher*innen kommen, desto undechiffrierbarer gerät die Szenerie. Die abgerundeten Schmalseiten der Stellwand mit dem alle vier Seiten bespielenden Bild erinnern an ein Filmband auf zwei Spulen und einen sich ständig wiederholenden Loop, dessen imaginierter Bildlauf aber nur durch die Bewegung der Besucher*innen entsteht.
Die Fenster hinter der Wand geben den Blick auf das Stadtpanorama mit dem Fernsehturm am Alexanderplatz frei. Dass gerade die konkurrierenden Ost- und West-Narrative so unversöhnlich und blutig mit der russischen Invasion in der Ukraine ausgetragen werden, ist eine traurige und bittere Koinzidenz, die an die West-Ost-Teilung erinnert. Anhand von Meliáns Arbeit lassen sich Fragen nach Siegern und Verlierern der Geschichte, der Wirkmacht linker Ikonen neu stellen.

Wie einer der im Ausstellungstitel «Red Threads» erwähnten roten Fäden zieht sich die kritische Befragung emanzipativer Bewegungen in Kultur und Politik durch das Werk der Künstlerin. Die Form des Maschinengewehrs, eine machistisch aufgeladene wie fetischisierte Waffe antikolonialer Befreiungsbewegungen, ebenso wie als Symbol im RAF-Emblem, funktioniert Melián um zu einem weich gepolstertem Sitzmöbel mit rotem Samt. Darauf können die Besucher*innen fläzen, um das Tamara-Bunke-Wandbild zu studieren.
Als Vorlage wählte Melián nicht – wie erwartbar – die Kalaschnikow, sondern die aus Kunststoff gefertigte Bullpub der US-amerikanischen Firma Mossberg & Sons, die bei Waffennarren für die «Selbstverteidigung» hoch im Kurs steht. Eine Zeichnung dieser Bullpub auf dem fünfzackigen Stern der Revolution stilisierte Melián zur 20-Cent-Briefmarke und verknüpft damit völlig verschiedene und konträre Narrative: hier der revolutionäre Aufstand gegen Imperialismus und Kapitalismus, dort die rechte Frontier-Ideologie von Selbstverteidigung und -justiz.

Begleitet wird das Wandbild von einer neuen Musikkomposition von Melián, die auf der Beschäftigung mit Tamara Bunke basiert. Aus zwölf Druckkammerlautsprechern, wie sie im öffentlichen Raum Verwendung finden, klingen einzelne Instrumente, die sich im Raum zu einem Stück verbinden. Unter Verwendung lateinamerikanischer Folklore und von Kampfliedern wie der «Internationale», dem «Solidaritätslied» und «Bella Ciao» hat Melián eine komplexe und kritische Soundarbeit aus zwölf Tonspuren geschaffen. Antifaschismus und Antikolonialismus verbinden sich in der Komposition – das lässt auch manche Note des Pathos bis hin zum Kitsch anklingen, die solche Heroisierungen nach sich ziehen.
Neben diversen Videoarbeiten, unter anderem «Speicher», ist eine neue Variation der Arbeit «Lunapark» unter dem Titel «Heimweh» nach einem Gedicht von Else Lasker-Schüler zu sehen. Der Installation hat Melián eine neue Tonkomposition unter Verwendung des Gedichtes beigefügt und verbindet sie mit der visuellen Hommage an die utopischen Architekturentwürfe der Künstlergemeinschaft Gläserne Kette und an László Moholy-Nagy. Ein Diaprojektor beleuchtet eine rotierende Scheibe mit allerlei Gläsern, deren Schattenspiel sich auf einer die Installation umgebenden Hülle wie ein Parcours futuristischer Formen zeigt.

«Red Threads» von Michaela Melián, bis 24. Juli, Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Berlin, Am Sudhaus 3; Mi 12 bis 20 Uhr, Do bis So 12 bis 18 Uhr.

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