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Die Antwort auf Männer mit Gitarren

Ihr Album »Painless« hat Nilüfer Yanya weit über die Indie-Rock-Bubble Londons hinaus bekannt gemacht. Jetzt ist sie in Berlin aufgetreten

  • Von Lena Fiedler
  • Lesedauer: 5 Min.
Fast schon schüchtern auf der Bühne: Die englische Musikerin Nilüfer Yanya
Fast schon schüchtern auf der Bühne: Die englische Musikerin Nilüfer Yanya

Sie ist vielschichtig, die Musik von Nilüfer Yanya. Mal schrammelt die junge Frau mit ihrer weißen Fender Stratocaster von der Bühne runter, als wäre Rockmusik noch ein Ding. Dann bestimmt ihre Soulstimme allein den Raum. Es schummeln sich bald ein paar Pop-Motive darunter, ein paar Synthies, die verraten, dass Yanya in den belasteten Nullerjahren schon bewusst Musik gehört hat. Dann taucht ein Saxofon auf, das einen grungigen Song später wieder vergessen ist. Der wilde Mix spiegelt sich auch im Publikum: Einige R&B-Girls mit großen Kreolen kreischen in der ersten Reihe, die Indie-Fans in skinny Jeans und Beanie drehen sich verstohlen ihre Kippen, und dann die unvermeidlichen cool Kids, die immer dann auftauchen, wenn ein gehypter Act auftritt - und das ist Nilüfer Yanya spätestens seit ihrem neuen Album »Painless«, das sie weit über die Grenzen der Indie-Rock-Bubble ihrer Heimatstadt London bekannt gemacht hat.

So ganz normal ist es noch nicht, wieder auf ein Livekonzert zu gehen. Die Schlange vorm Säälchen in Berlin-Friedrichshain ist mehrere Zigarettenlängen lang. Es ist Samstagabend am Holzmarkt, und obwohl das Konzert vor 20 Minuten anfangen sollte, hat der Einlass noch nicht begonnen. Die Türsteher*innen haben genug damit zu tun, den Gästen zu erklären, dass sie wider Erwarten zu ihrer vollständigen Impfung noch einen Coronatest brauchen. Also ab zum Fernsehturm, dem einzigen Ort in der Umgebung, der 24/7 zwielichtige Zertifikate ausstellt.

Yanyas Musik passt überraschend gut in diese Pandemiezeit, in der sich die häusliche Quarantäne bleiern übers Gemüt gelegt hat: »Its been weighing on my mind, / Seems to be with me all the time, / Can’t tell if this is real«. Drei verwirrte holländische Touristinnen stehen in der Schlange, weil sie auf eine coole Berliner Party wollen, entscheiden sich dann aber spontan, sich ein Ticket zu kaufen. Eine gute Wahl. Denn dieser Abend wird ein Ritt, nicht unanstrengend, aber getragen durch Yanyas einzigartige Stimme, die Jazz mit Schrammelrock zu verbinden weiß. Wozu noch Genres? Yanya gehört, wie ein Teil des Publikums, zu einer Generation, für die jede Musik immer nur einen Klick entfernt war.

Auf der Bühne tritt Yanya zurückhaltend auf, fast schon schüchtern. Ihre langen Locken fallen ihr ins Gesicht. Am Anfang begrüßt sie das Publikum schlicht, gegen Ende stellt sie ihre Band vor. Gut so, nichts ist schlimmer als peinlicher Stage-Talk. Ihre Band besteht aus Frauen, nur ein Drummer hält sich dezent im Hintergrund. Yanya spielt die Songs ihrer drei Alben querbeet, als Zuhörerin springt man zwischen seinen eigenen musikalischen Vorlieben der vergangenen Jahrzehnte hin und her.

Gerade Songs wie »stabiles« erinnern mit ihrer treibenden Bassline an Tracks wie »Helicopter« von Bloc Party. Schon wünscht man sich seinen Jutebeutel zurück und das Joy-Division-T-Shirt, yeah, endlich wieder Indie-Rock. Yanya ist mit einer tiefen, vollen Soulstimme gesegnet, die viele Register bedienen kann. In den eher sphärischen, hallenden Songs wie »trouble« erinnert sie an Theresa Wayman von der Rockband Warpaint.

Die neue Wirklichkeit der Berliner Konzertkultur ist sauber. Im Sälchen klebt nichts. Die neuen coronakonformen Belüftungsanlagen pusten unablässig frische Luft in den Raum, kein Schweiß mehr, keine Hitze, nicht mal der Geruch eines Joints bleibt länger als ein paar Momente in der Luft. Ob das wohl jetzt für immer so sein wird? Spaß macht es trotzdem, ohne Maske zwischen anderen Menschen Musik zu erleben, zu tanzen und schlechte Fünf-Euro-Biere zu trinken.

Yanya spielt jetzt »midnight sun« an, der elektronischer klingt als der Rest vom Album und besser als alles von Radiohead der letzten Jahre. »Whenever I’m not in pain, / whenever i try to complain, / to you we are not the same.« Was für ein Text, schmerzvoll und auf der Bühne ehrlich und eindringlich performt. Die Gitarre gewittert. »Love is raised by common thieves.« Fast könnte man meinen, es mit einer Streberin zu tun zu haben, die sich leichtfüßig von einer Referenz zur nächsten spielt. Doch selbst ein perfekter Song wie dieser behält sich einen Charme des Unfertigen. Rockmusik eben.

Die 27-Jährige macht seit ihrer Jugend Musik. Yanyas Mutter ist bildende Künstlerin mit irisch-barbadischer Familiengeschichte, ihr Vater Maler und Grafiker mit türkischem Hintergrund. Sie selbst wuchs in Chelsea auf, einem Teil des Londoner Westens, immer umgeben von Musik. Die ersten EPs nahm sie im Studio ihres Onkels auf und landete damit prompt auf der Longlist der BBC für zukünftige Pop-Ikonen. Obwohl ihr viele Shortcuts in den Pophimmel angeboten wurden (One Direction’s Louis Tomlinson entdeckte sie auf SoundCloud und wollte sie in eine Girlband casten), blieb sie bei ihrer eigenen Musik, auch wenn diese heute nicht unbedingt TikTok-tauglich ist.

Ab und zu kommt jetzt ein lockerer Song wie »Baby Luv«. Yanya gönnt sich auch mal den richtigen Pop. Ihre Texte sind stark, sie erzählen davon, Scheißkerlen den Rücken zu kehren, sich unabhängig zu machen und auch mal auszurasten. Ein Song wie »Small Crimes« ist auf der Bühne minimalistisch wie bei »The XX«, andere sind wieder ausufernd und laut.

So eine Musikerin hätte es schon 2010 gebraucht, als die ganzen Indie-Rock-Lurche von The Strokes, Arctic Monkeys, Foals und wie sie alle hießen, die westdeutschen Festivals bestimmten. Irgendwann kamen dann zum Glück Frauen wie PJ Harvey, Warpaint oder Courtney Barnett, die sich auf diesem Konzert wohl auch wohlgefühlt hätten, aber für dieses Publikum natürlich zu spät kamen. Deswegen sind solche Abende wie dieser gut, wo man sich diese Jungs mit Gitarren aus dem Gehörgang wegbassen kann. Yanya ist für diesen Job perfekt. Eine Musikerin, die etwas riskiert, sich traut und sich verletzlich zeigt. Warum auch nicht? »Until you fall, it’s painless«.

Nilüfer Yanya: »Painless« (Ato/Pias/Rough Trade)

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