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  • Thüringer Porzellanstraße

Spur der Scherben

Zauberhafte Landschaften und Orte prägen den Südosten Thüringens - und Porzellan

  • Von Carsten Heinke
  • Lesedauer: 7 Min.

Mit hochgekrempelten Hosenbeinen steht Svenja Märkner in der Schwarza. Nur bis zu den Knien reicht der Frau das Wasser. Der felsenreiche Fluss ist hier, am Nordrand des Thüringer Schiefergebirges, ziemlich flach. Dicht gesäumt von Laub- und Nadelbäumen, bahnt er sich seinen Weg, vorbei an steilen Hängen, durch ein Tal, das zugleich rau und lieblich ist.

Die Wanderin aus Erfurt schaut aufmerksam ins seichte Wasser. Den Blick nach unten, tastet sie den Grund mit Augen, Zehen, Fingern ab. Sucht sie vielleicht nach Gold, das es hier tatsächlich gibt? Nein, die 55-Jährige hat anderes im Sinn - und endlich auch in ihren nassen Händen. »Ich habe eins, ich hab ein Bein gefunden!«, jubelt sie und präsentiert den Unterschenkel einer Porzellanfigur. Er ist leuchtend weiß und rosa, kaum länger oder dicker als ein halber Kugelschreiber. Der gestreckte Fuß mit dem grazilen Schuh verrate das Motiv. »Eine Tänzerin«, ist sich die Kennerin ganz sicher.

So routiniert, wie Svenja dieses Bruchstück zwischen all den Kieselsteinen aufgestöbert hat, so lange ist es her, dass sie die letzten derartigen Schätze barg. »Als Kind verbrachte ich viel Zeit im Schwarzatal. Während andere den Fluss nach funkelndem Metall durchkämmten, begnügte ich mich mit dem Weißen Gold - oder was davon noch übrig war«, erzählt die gebürtige Rudolstädterin.

Quelle ihrer sonderbaren Funde in den 1970ern war die Porzellanfabrik in Sitzendorf, direkt am Schwarza-Ufer. Heute wieder in Privatbesitz, gehörte sie zu jener Zeit zu einem großen Staatsbetrieb der DDR. »Was bei der Herstellung zerbrach oder missglückte, kam auf einen Abfallhaufen, von dem manches in den Fluss geriet«, so die Scherbensammlerin.

Schönes, unversehrtes Porzellan sah sie als junges Mädchen täglich. »Die drei altmodisch verschnörkelten Figürchen meiner Eltern galten als Familienschatz und genossen ihren Ehrenplatz auf einem Wandbrett. In der Küche stand das Essservice aus Kahla, die Ilmenauer Sammeltassen in der Wohnzimmervitrine«, erinnert sich die Thüringerin. Bei ihr daheim geselle sich das Vintage-Zwiebelmuster jetzt zu Design-Geschirr. »Für mich ist Porzellan kein Luxusgegenstand, sondern regionales Lebensmittel«, meint Svenja. Nicht zufällig liegen einige von ihren Lieblingsausflugszielen an der Thüringer Porzellanstraße.

Über 340 Kilometer ziehen sich die Routen dieses touristischen Netzwerks durch die Mittelgebirge im Südosten des Freistaates. Es verbindet Museen zwischen Erfurt und Eisfeld, Eisenach und Altenburg, aber auch die Galerien und Ateliers von Künstlerinnen wie Kati Zorn in Cursdorf oder Cosima Göpfert in Bechstedtstraß bei Weimar.

Die meisten der über 40 Stationen der Porzellanstraße sind Manufakturen mit ihren Schauwerkstätten, Ausstellungen und Fabrikverkäufen. Einige davon bieten originelle Gastronomie wie etwa die historische Fabrik von »Wagner & Apel« in Lippelsdorf. Mit Blick auf liebevoll geformte Tiere und andere Figuren kann man dort Kaffee und Kuchen auch in einem ausgedienten Brennofen genießen.

Eine umfangreiche Werkschau und Führungen durch die Produktion bietet die Manufaktur Reichenbach im Holzlandkreis. Neun Porzellanmaler hatten hier im Jahre 1900 den Grundstein für die jetzige Manufaktur gelegt. »Ein hohes Maß an Handarbeit bestimmt bis heute den Charakter unserer Produkte«, sagt Annett Geithe, die das Unternehmen zusammen mit ihrem Mann Rigo führt. Für ihr Erfolgsrezept, tradiertes Kunsthandwerk mit elegantem Zeitgeist und ungewöhnlichen Ideen zu verjüngen, hat das Paar Stardesigner wie Paola Navone nach Thüringen geholt.

»Mit frischem Wind vom Mittelmeer und inspiriert vom reichen Erbe unserer Region, kreiert die Italienerin sowohl blumig bunte als auch schlichte, in Form und Ton aufs Allernotwendigste reduzierte Kollektionen«, erklärt die Reichenbacher Unternehmerin. Das Repertoire Navones reiche von übermütig farbenfrohen Vasen-Fischen bis zu selbstbewusstem neubarockem Essgeschirr. »Mit seinen teils unglasierten, samtig rauen Oberflächen kommt das nur hier und da mit etwas oder gänzlich ohne Farbe aus«, so Geithe.

Im wunderschönen Schwarzatal, wo auch Svenja Märkner ihre Scherbenschätze fand, stand die Wiege des Thüringer Porzellans. Unweit von Sitzendorf entdeckte 1757 der Prediger Georg Heinrich Macheleid (1723-1801) die richtige Mixtur aus einheimischer weißer Tonerde (Kaolin), Feldspat und Quarzsand, formte daraus Porzellan und brannte es. 1760 eröffnete der talentierte Hobby-Chemiker die erste Porzellanfabrik in Thüringen. Schon kurz darauf holte ihn damit der Schwarzburg-Rudolstädter Fürst nach Volkstedt in die Nähe seines Hofes. Heute zählt die »Aelteste Volkstedter« zu den beliebtesten Adressen der Thüringer Porzellanstraße.

Besucher können hier den Kunsthandwerkern auf die geschickten Finger schauen - beim Modellieren und Bemalen ebenso wie beim »Ankleiden« der Tänzerinnen. Katrin Himmelreich zeigt, wie das geht, nimmt einen Streifen Baumwolltüll und bestreicht ihn mit dickflüssigem Porzellan. In der einen Hand die Figurine, in der anderen die Nadel, formt die Porzellangestalterin daraus den Spitzenrock der Ballerina. Falte für Falte heftet sie den Stoff an deren Körper fest. »Beim Brand verschwinden die textilen Fasern. Übrig bleibt allein das feine Gittermuster«, verrät die Fachfrau. Über das verblüffende Ergebnis der fragilen Schönheit lässt sie ihre Gäste im Werksmuseum staunen. Neben menschlichen Figuren tummeln sich dort viele Tierskulpturen.

»Dass man die neuen kaum von alten unterscheiden kann, liegt daran, dass sie in denselben, teils bis zu 250-jährigen Gipsformen entstehen«, so Katrin Himmelreich. Mehr als 40 000 davon stapeln sich im Fundus, füllen Regale vom Boden bis zur Decke. Rund bis oval, grau-gelb mit handgemalten Nummern, erinnern sie an Vorratsdosen oder Hutschachteln. Ein ganzer Satz von 130 Einzelformen gehört zur »Hochzeitstafel«. Die Figurengruppe aus 233 Teilen war ein Auftrag für das Rudolstädter Residenzschloss Heidecksburg.

Als Landesmuseum zeigt es heute Kostbarkeiten wie ein filigranes Fantasiereich aus Rokoko-Miniaturen sowie eine reiche Kollektion Thüringer Porzellans. Wichtigstes Exponat ist der barocke Prunkbau selbst, sein »Sahnehäubchen« der zwölf Meter hohe Festsaal voller Marmor, Gold und Malerei.

Zwischen Rudolstadt und Jena schlängelt sich die Saale durch ein malerisches Tal. Vorbei an weiten Wiesen, waldbedeckten Sandsteinkuppen und aus hellem Muschelkalk geformten Kantenfelsen führt ihr Weg zur Leuchtenburg. Auf einem Berg, umringt von Ziegen, thront sie wie Dornröschens Schloss. Ihr runder, mittelalterlicher Turm mit Zinnenrand und Zipfelmütze verleiht ihr etwas Märchenhaftes. Das passt ideal zu ihrem Inneren. Denn mit viel Fantasie und Kreativität entstand dort die Erlebnisausstellung »Porzellanwelten«.

»Wir pusten hier die Staubschicht ab vom Weißen Gold, erzählen seine Geschichten, zeigen, was es kann und welchen Zauber es in sich birgt«, kommentiert Ilka Kunze das zeitgenössische Konzept des Hauses. »Was dessen künstlerisch geprägte Inszenierung am meisten von einem klassischen Museum unterscheidet, sind ihr spielerischer, interaktiver Charakter, aber auch ihr Charme und Witz«, so die Mitarbeiterin der Stiftung Leuchtenburg.

Gleich am Anfang geben Henkelkrebs und Schüsselechse Rätsel auf. Die merkwürdigen Kreaturen sind mutmaßliche Kreuzungen aus Tieren und Geschirr. Im Alchemielabor kann jeder selbst bizarre Ingredienzen mixen. »Wie wär’s mit Engelshaar und Maniokwurzel?« schlägt Ilka Kunze schmunzelnd vor.

Der Rundgang durch die »Porzellanwelten« gleicht einer amüsanten, spannenden und lehrreichen Entdeckungsreise durch die Zeit. Stationen sind etwa das kaiserliche China, thüringische Herrscherhöfe oder alt- und neumodische »Wunderkammern« wie der Raum der Weltrekorde. »Ihn teilen sich das größte und das kleinste Porzellangefäß: die acht Meter hohe Vase des russischen Künstlers Alim Pasht-Han und eine nur wenige Millimeter messende Teekanne«, so Kunze. Mit einem raumhohen Vorhang aus Porzellanlamellen sowie einem Taufbecken aus Porzellan habe man die einstmalige Burgkapelle in eine Porzellankirche verwandelt. Auch sie sei weltweit einzigartig.

Es klirrt. Ein Teller ist zerbrochen - nicht aus Zufall. Die Besucherin, die ihn geworfen hat, schaut auf das Scherbenfeld tief unter sich. Die schmale Aussichtsplattform, auf der sie steht, ragt 20 Meter aus dem Burgberg wie eine Brücke in den Himmel. »Unser Steg der Wünsche«, präsentiert die Leuchtenburgerin den beliebten Außenposten der modernen Schau. »Wer möchte, kann hier seinen Herzenswunsch per Porzellanbruch auf die Reise schicken«, sagt sie und schickt sich an, es selbst zu tun. Was in Erfüllung gehen soll, schrieb Ilka Kunze vorher - »unsichtbar«, im Schwarzlicht einer Wunschkabine - auf den weißen Teller, den sie nun hoch überm Saaletal zerschellen lässt. »Scherben bringen Glück!«, ruft sie, den Augenblick genießend.

Auch die vielen Bruchstücke im Schwarzatal beweisen, dass dieser Spruch nirgends so wahr ist wie in Thüringen. In das sanfte Plätschern mischt sich ein dünnes Piepsen. Svenja Märkner weiß sofort: »Ein Eisvogel!« Der scheue Rufer ist ganz nah, nur nicht zu entdecken. Erst als er wegfliegt, blitzt sein blau-oranges Federkleid für einen Flügelschlag lang durch die Zweige. »Den hab ich mir gewünscht«, freut sich die Wanderin. Sie hat ihr Glück an diesem Tag in der Natur gefunden.

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