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Die Verschwulung des Theaters

Gleitgel für alle: Der Band »Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre« wirft Schlaglichter auf eine Leerstelle in der Geschichtsschreibung der darstellenden Künste

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 4 Min.
Früher war queeres Theater noch subkulturell verankert, heute flaggen auch staatliche Bühnen in Regenbogenfarben - wie hier die Staatsoper Stuttgart.
Früher war queeres Theater noch subkulturell verankert, heute flaggen auch staatliche Bühnen in Regenbogenfarben - wie hier die Staatsoper Stuttgart.

Zwischen Sehnsucht und Gefährdung scheint das Theater seit der Aufklärung als Hort devianter Sexualität zu locken. Um die aus Spiel und Täuschung erwachsende Bedrohung zu bannen, wurden Frauen auf der Bühne oft als freizügige und wahnsinnige Verführerinnen diskreditiert. Doch noch immer hängt das Versprechen, die Kulturinstitutionen seien ein Ort der sexuellen Befreiung, irgendwo zwischen den samtbezogenen Stühlen, während regelmäßig ihr heterosexistischer Kern offengelegt wird.

Queeres Theater, das sich nicht allein auf eine inhaltliche Beschäftigung mit sexueller Identität beschränkt, sondern sich strukturell als solches versteht, findet sich in den Nischen zwischen Aktivismus und der freien Szene, argumentiert der kürzlich erschienene Sammelband »Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre«. Die Herausgeber*innen Jenny Schrödl und Eike Wittrock versammeln darin wissenschaftliche Texte, die auf Leerstellen in der Theatergeschichtsforschung verweisen, sowie Interviews mit Zeitzeug*innen. Ihr weiter Blick auf das Theater mit Sternchen bringt Spoken Word, Punk-Konzerte, Protestaktionen und Kabarett im Sinne eines erweiterten Theaterbegriffs in Verbindung.

Die gewählte Zeitspanne beschreibt eine Scharnierstelle zwischen politisch motiviertem Straßentheater nach Agitprop-Vorbild und frei arbeitenden Performancekollektiven, denn »Lesbentheater, Frauentheater, schwules Theater und schwules Tanztheater bereiten in den späten 1970er Jahren vor, was sich später als Freie Szene konsolidierte«. In der akademischen Auseinandersetzung fanden diese Formen bislang jedoch wenig Aufmerksamkeit, stellen die beiden Theaterwissenschaftler*innen fest, versäumen jedoch, mit einer systematischen Spurensuche in der Wissenschaftsgeschichte ihre Behauptung zu stützen.

Die Quellenlage des untererforschten Gebiets ist schwierig. Wenige Fotografien, Programmhefte und Erinnerungsberichte sind die Grundlage des historischen Rekonstruktionsversuchs, den Wittrock in seinem Beitrag »Das Coming-Out des Theaters. Brühwarm und das schwule Theater der 1970er Jahre« unternimmt. »1976 ist das Geburtsjahr des schwulen Theaters in der BRD«, schreibt der Autor, denn die Inszenierung »Brühwarm« feierte Premiere. Schwul meint in diesem Kontext nicht nur ein Synonym für homosexuell. Das Wort fungierte als politische Selbstbezeichnung im aktivistischen Kontext, ähnlich dem Attribut lesbisch, was im von Schrödl untersuchten Lesbentheater eine Rolle spielte. Die Gruppe Brühwarm, mit der zeitweise auch Rio Reiser und Ton Steine Scherben zusammenarbeiteten und die sich nach ihrer ersten Produktion umbenannte, wirkte mit komisch-aufklärerischem Impetus an einer »Verschwulung des Volkstheaters«. So wurde ein Zuschauer in einer Mitmachsequenz dazu eingeladen, Gleitgel, das »zum Arschficken gehört wie das Amen in der Kirche«, in einer Fühlbox erst zu ertasten, um es dann im Publikum zu verteilen.

Parallel zu Protest und Kabarett in Westdeutschland arbeiteten auch Künstler*innen in der DDR an schwulen, lesbischen oder queeren Ausdrucksformen. Im autobiografischen Bericht über »Hibaré - das Kabarett der HIB« erzählt Peter Rausch, eines der Gründungsmitglieder der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB), von erotischen Römertänzen und Parodien auf die »DDR-Erfolge bei der Heilung von Homosexualität«.

Die lustvollen Shows stellten ein willkommenes Gegengewicht zum Verfassen von Positionspapieren und bürokratischen Auseinandersetzungen dar, mit denen sie sich gegen die repressive Politik wendeten. Für die Fotografin und Künstlerin Gabriele Stötzer, die sich im Gespräch mit Kata Krasznahorkai an ihre Tätigkeit in der DDR erinnert, stellte sich die Überwachung zuweilen als ein Glücksfall dar. Für die prägende Fotoserie »Trans« arbeitete sie beispielsweise mit einem von der Staatssicherheit beauftragten Trans-Mann zusammen.

Interviews, autobiografische Texte und abgedrucktes Archivmaterial machen den Band zu einer Quellensammlung, die in den wissenschaftlichen Beiträgen Ansätze einer queeren Methodik ergänzt. Dabei ist den Autor*innen bewusst, dass ihre Beiträge nur Schlaglichter auf eine bislang nicht systematisch bedachte Theaterpraxis darstellen, die noch viel unbearbeitetes Material bereithält.

Jenny Schrödl und Eike Wittrock (Hrsg.): Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre. Neofelis, 330 S., br., 26 €.

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