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  • Meisterschaftsfinale der Volleyballer

Plötzlich ist die Präzision wieder da

Berlin gewinnt das dritte Finalspiel gegen Friedrichshafen und wahrt damit die Chance auf die Meisterschaft

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Es brauchte offenbar die Gefahr, dass ihre Helden am Abgrund stehen, um die Fans der Berlin Volleys doch noch mal in Scharen in die Max-Schmeling-Halle zu locken. Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie wurden die Serienmeister der vergangenen sechs Jahre wieder von Zuschauern in Ober- und Unterring ihrer Heimstätte angefeuert. 5535 Fans fanden am Samstagabend den Weg zum dritten Finalspiel um die deutsche Volleyballmeisterschaft gegen den Dauerrivalen VfB Friedrichshafen. Kein Wunder, konnte es doch die letzte Partie der Saison sein.

Die Gäste hatten etwas überraschend die ersten beiden Duelle gewonnen und konnten mit einem weiteren Sieg die Meister aus Berlin erstmals seit 2015 wieder entthronen. Doch vorerst fielen die BR Volleys noch nicht jenen drohenden Abgrund hinab. Sie siegten mit 3:0 und vertagten damit die Entscheidung im Titelrennen mindestens bis zum kommenden Mittwoch.

Dabei hatten Berlins Angreifer den ersten Satz äußerst nervös begonnen. Ruben Schott schlug seinen ersten Schmetterball weit ins Aus, Benjamin Patch den nächsten ins Netz. Beide konnten ihre nächsten Aufgaben zwar lösen und ihr Team wieder knapp in Führung bringen. Besonders Schott merkte man jedoch den gewachsenen Respekt vor dem Block der Friedrichshafener an. Immer wieder versuchte er, diesen kompliziert zu umspielen und traf dabei so oft das Feld dahinter nicht mehr, dass ihn Trainer Cédric Énard für eine Weile auf die Bank setzte. Dafür war Patch nun in Bestform und entschied mit zwei Assen den hart umkämpften ersten Satz mit 25:23 zugunsten der Volleys.

Die Friedrichshafener Mannschaft hatte diese Finalserie bislang vor allem mit ihrer herausragenden Blockarbeit dominiert und dabei insbesondere Berlins Außenangreifer Schott und Timothée Carle vor Probleme gestellt. Weil die zwei besten Berliner Mittelangreifer Anton Brehme und Jeffrey Jendryk verletzt ausfielen, suchte Zuspieler Sergei Grankin die nächstbesten Angreifer auf den Außenpositionen. Auf die aber konzentrierte sich der Block des VfB. Also änderte Grankin seine Taktik: Er spielte die Ersatz-Mittelblocker an oder Angreifer im Hinterfeld. Dreimal punktete der Russe sogar selbst. »Sergei war überragend heute. Er hat in den Schlüsselmomenten geglänzt, das war eminent wichtig für uns«, lobte Coach Énard den Olympiasieger von 2012.

Seinem Kapitän war tatsächlich anzumerken gewesen, dass er das Spiel in die Hand nehmen und dem Gegner viele neue Aufgaben stellen wollte. Und diese Strategie ging auf. Friedrichshafen musste sich zwangsläufig umstellen, und dem wieder eingewechselten Ruben Schott boten sich dadurch neue Freiheiten, die er zu nutzen wusste - ganz zur Freude seines Trainers: »Ich habe ihm gesagt, dass er klüger angreifen muss. In den ersten Spielen hat er es zu oft nur mit Kraft versucht und immer wieder gerade in den Block geschlagen«, analysierte Énard. »Ich habe ihn daran erinnert, dass er die Technik hat, daran vorbeizukommen, wenn er mehr auf Präzision anstatt auf Kraft setzt. Das hat er dann auch gut umgesetzt.« Schott selbst führte seine verbesserte Angriffsquote auf ein klärendes Gespräch mit seinem Zuspieler zurück. »Nach Spiel zwei sind wir ins Grübeln gekommen. Aber wir haben als Team zusammengefunden und die richtigen Dinge geändert. Sergei hat mir dann ruhigere Pässe gestellt, nicht mehr ganz so schnell. Damit habe ich mich heute viel wohler gefühlt«, erklärte der gebürtige Berliner.

Die Volleys zeigten sich zudem in der Abwehr stark verbessert. Selbst wenn ein eigener Angriff doch mal wieder im Friedrichshafener Block hängenblieb, wurde der Ball oft noch gerettet, bevor er auf dem Hallenboden landete. Hinzu kam ein höherer Aufschlagdruck, auf den das Berliner Spiel angewiesen ist, den die Volleys aber in den ersten beiden Duellen schmerzlich vermisst hatten. So drehten sie dann auch in Durchgang zwei einen Rückstand zum lautstark umjubelten 27:25 und einer 2:0-Satzführung.

Eine solche hatte Berlin in dieser Saison schon mehrfach wieder hergegeben, zuletzt im ersten Finale gegen Friedrichshafen. Diesmal aber hatte sich der Deutsche Meister endgültig freigespielt. Fast alles gelang nun, und den Gästen fehlten erstmals in dieser Serie Antworten auf das druckvolle Spiel Berlins. Der dritte Satz endete klar mit 25:17. »Es war wieder lange eng, Friedrichshafen verlangt uns alles ab. Aber wir haben uns erfolgreich angepasst, und das macht mich sehr froh«, zeigte sich Berlins Trainer Énard erleichtert. »Ich hoffe, das erhöht nun auch unser Selbstvertrauen für Spiel vier. So eine Leistung müssen wir auch auswärts abrufen.«

Als alle Berliner nach dem letzten Punkt auf dem Feld und den Rängen schon wild jubelten, schaute Kapitän Grankin noch einmal grimmig zu den Gegnern hinüber. Ganz so, als wollte er sie vor Spiel vier am Mittwoch in Neu-Ulm und einem eventuellen Entscheidungsmatch am Samstag in Berlin warnen: Stellt euch auf zwei weitere solcher Spiele ein! Freiwillig springen wir jedenfalls nicht in den Abgrund.

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