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  • Theaterstück »Birthday Candles«

Beziehungen wie Papierdrachen

Das Stück »Birthday Candles« am Deutschen Theater in Berlin begleitet 90 Jahre im Leben einer Frau, die versucht, in patriarchalen Beziehungsverhältnissen ihren Eigensinn zu behaupten

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 5 Min.

In den letzten Jahren im Elternhaus entwirft man sich oft ein Leben, das dem der älteren Generation ganz und gar entgegengesetzt ist. Einerlei, ob man von der Angst getrieben ist, die piefigen Eigenheiten in sich selbst zu entdecken, oder sich von konservativen Erwartungen und sozialen Zwängen lösen will - mit 17 hat man die Gewissheit, dass alles anders werden wird.

Ernestine ist sich sicher, die Kleinstadt zu verlassen, in der sie in einem Einfamilienhaus aufwuchs. Die ganze Welt will sie sehen, das Leben auskosten und ihren Traum von der Schauspielerei verfolgen. Mit ihrer Mutter übt sie den Text für eine Highschool-Produktion - der erste Schritt auf dem Weg zum Film- und Theaterstar. »Queen Lear« soll als feministische Wendung des Dramas auf die Bühne gebracht werden. Corinna Harfouch spielt die Jugendliche, wie sie auf dem Boden liegend den Text in großen Gesten ausmalt.

In der ausgeblichenen Holzküche rührt die Mutter wie jedes Jahr den Geburtstagskuchen an. Einfache Zutaten - Butter, Zucker, Eier, Mehl und Salz - vermischen sich unter ihren geübten Handgriffen zu einem goldgelben Teig. Dieses Ritual führt die Tochter fort und hält so Verbindung zu ihrer früh verstorbenen Mutter. Vom 17. Geburtstag, den Ernestine 1932 feierte, bis zum Alter von 107 Jahren begleitet Noah Haidles Stück »Birthday Candles« Ernestine Ashworth; eine Frau, die versucht, in patriarchalen Beziehungsverhältnissen ihren Eigensinn zu behaupten. Die Momentaufnahmen ihres Lebens zeigen die US-Amerikanerin meist in der Küche, die wie ein Zimmer im Puppenhaus nachgebaut wurde. Mit Glück und der Trauer, die den Alltag zum Taumeln bringen, beginnt sich die von Jo Schramm in Form eines Würfels entworfene Bühne zu drehen. Dann stehen die Küche und das geordnete Leben plötzlich Kopf.

Zum zweiten Mal inszeniert Anna Bergmann am Deutschen Theater Berlin. Ihre erste Arbeit »Persona« nach dem Film von Ingmar Bergman, in der Harfouch ebenfalls eine Rolle übernimmt, wurde zum Theatertreffen 2019 eingeladen. Diese Inszenierung beginnt als Kammerspiel. Bis zum 40. Geburtstag lebt Ernestine mit ihrem Highschool-Sweetheart Matt und den zwei Kindern in heteronormativer Geborgenheit. Ihre Interessen stellt sie zurück, um sich der unbezahlten Sorgearbeit zu widmen. Wie sich die beruflichen Verhältnisse des Ehepaares gestalten, erzählt die Inszenierung nicht. Doch bei einer weißen Mittelstandsfrau, die in den 50ern zwei Kinder großzieht, handelt es sich wohl um eine Hausfrau. Matt, gespielt von Alexander Khuon, beschreibt ihre Beziehung als Papierdrachen. Er ist die Schnur, die sie festhält. »Habe ich mein Leben vertan?«, fragt sich Ernestine alle paar Jahre. Erst der Tod ihrer Tochter und die Affäre ihres Mannes bringen sie dazu, die patriarchale Schnur zu kappen.

Jetzt beginnt sich auch die Guckkastenküche zu drehen, Bilder aus privaten Fotoalben werden auf die Bühne projiziert. Die Fülle eines Lebens zeigt sich in den Schnappschüssen und Nachrichtenbildern. Harfouch, die mit langen Haaren und Glitzerkleid subtil das Porträt einer alternden Frau zeichnet, spielt nun beschwingter. Endlich sieht Ernestine die Welt, macht sich selbstständig mit einem Dessert-Geschäft und feiert wieder im Kreis von Kindern und Enkeln. Die hatte der emotional nicht verfügbare Vater zuvor vergrault.

In ihrem Abschlussjahr umwarb sie auch ein anderer Mann. Kenneth, den Bernd Stempel als sympathisch schrulligen Typen spielt, schenkte ihr zum 18. Geburtstag den Goldfisch Atman. Das wie Schopenhauers Pudel mit dem Sanskrit-Wort für das höhere Selbst benannte Haustier, steht noch immer auf der Küchentheke und wartet auf das Happy End der Liebesgeschichte. Mit über 80 Jahren finden die zwei zusammen und erleben einen kurzen Moment des Glücks. Die Schwere der verschwendeten Stunden löst sich im gemeinsamen Tänzchen auf der Veranda, auf der sie einen Cha-Cha-Cha hinlegen.

Kleine Gesangseinlagen unterlaufen und ironisieren die kitschigen Untertöne der realistischen Dialoge. Auch mit Synthie-Sounds verzerrte Pop-Songs, die Hannes Gwisdek arrangierte, und die Farbschmierer auf den von Lane Schäfer gestalteten Kostümen helfen, das allzu Authentische zu brechen. Während Noah Haidles Stück die Biografie einer weißen Mittelstandsfrau erzählt und dabei nur oberflächlich Abhängigkeits- und Machtverhältnisse zeigt, fesselt an der Inszenierung das Spiel Corinna Harfouchs, die zwei Stunden auf der Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater im Zentrum steht. Durch kleine Veränderungen des Gangs und der Gesten fließt die verstrichene Zeit in ihre Darstellung ein.

Den 107. Geburtstagskuchen backt Ernestine auf dem Küchenboden sitzend. In dem Haus, das sie Jahrzehnte bewohnte, lebt jetzt eine andere Familie. Nur die Striche an der Wand, mit denen das Wachstum der Familienmitglieder gemessen wurden, erinnern an das volle Leben, das sie hier führte. Ein letztes Mal gibt sie Rezept und Ritual weiter - diesmal an einen verwunderten Mann, der sie um drei Uhr morgens in der Küche entdeckt. »Teig aus Butter, Zucker, Eier, Mehl, etwas Sternenstaub und Atome. Wenn du einen tieferen Blick darauf wirfst, dann erfährst du, was das Universum erzählt.« Ein paar Veränderungen hat sie am Grundrezept vorgenommen, etwas mehr Butter hinzugegeben, doch im Prinzip sind es die selben Zutaten wie bei ihrer Mutter und Oma. Der Kuchen wird zur Metapher für das Leben einer Frau, die den vorgesehenen Platz nicht verlassen, nur leicht variieren konnte.

Nächste Vorstellungen: 7., 8., 15. und 28. Mai sowie 26. Juni 2022.

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