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Zapatisten streuten Saatkörner des Widerstands

Internationale Karawane für Wasser, Schutz allen Lebens und Autonomie zog einen Monat durch Mexiko

  • Von Luz Kerkeling
  • Lesedauer: 4 Min.
Internationale Karawane: Zapatisten streuten Saatkörner des Widerstands

»Die Karawane ist wie eine Reise des Zuhörens und des Austauschs, bei der wir verschiedene Ecken Mexikos besuchen, um zu sehen, wie sich an Orten des Todes Gemeinschaften organisieren, die für das Leben kämpfen und Autonomie aufbauen.« So beschrieb Marina, eine Sprecherin der Organisation »Pueblos Unidos« (Vereinte Gemeinden) das Ziel der solidarischen Aktivitäten.

Über einen Monat lang – ab dem 22. März – bereiste die »Karawane für das Wasser und das Leben« neun Bundesstaaten im Süden Mexikos, um sich dort mit den indigenen Gemeinden über ihre Widerstandsprozesse auszutauschen. Die Mobilisierung, die vor allem von Gruppen des Nationalen Indigenen Kongresses CNI, welcher der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN nahesteht, organisiert wurde, richtete sich gegen kapitalistische Ausbeutungsprojekte wie Privatisierung von Wasser und Ländereien, die Gewalt gegen soziale und ökologische Aktivist*innen sowie den Raubbau an der Natur.

Neben engagierten Menschen aus Frankreich, Griechenland, Portugal, Guatemala, Chile, Spanien, den Niederlanden, der Schweiz, Australien und Großbritannien waren auch Aktivist*innen aus Deutschland dabei, wie eine anonyme Sprecherin gegenüber »nd« berichtet: »Wir sind eine Gruppe von Klimagerechtigkeitsaktivist*innen aus Lützerath, dem Dorf im Rheinland, das den Braunkohlebaggern trotzt. Wir wurden von den Pueblos Unidos de Cholulteca eingeladen, um eine gemeinsame Artikulation unserer weltweiten Kämpfe gegen den Kapitalismus zu finden.

Um die globalen Ungerechtigkeiten der Klimakrise aufzuzeigen und zu bekämpfen, ist es unabdingbar, mit den betroffenen Gemeinden zusammenzuarbeiten. Sie stehen an den Frontlinien der Klimakrise und in direkter Konfrontation mit zerstörerischen Großkonzernen.« Die Aktivistin schildert ihr Anliegen: »Es geht uns darum, uns auszutauschen, zu vernetzen und von Menschen zu lernen, die schon seit 500 Jahren im Widerstand gegen koloniale, patriarchale und kapitalistische Ausbeutung sind.«

Die Aktivist*innen fuhren 34 Tage lang zu verschiedenen Organisationen in den Regionen Puebla, Tlaxcala, Veracruz, Ciudad de México, Estado de México, Morelos, Oaxaca, Guerrero und Querétaro. Die rund 50 Menschen reisten mal kontinuierlich, mal auf einzelnen Abschnitten mit dem Bus mit und repräsentierten ihre jeweiligen politischen Kollektive. »Meistens besuchten wir an einem Tag ein bis drei Projekte und wurden vor Ort jeweils von einigen Hundert Menschen in Empfang genommen. In der Regel gab es dann eine gemeinsame Kundgebung, wo sich alle anwesenden Kämpfe vorstellten und Orte der Zerstörung direkt besucht und angeprangert wurden. Die Gemeinden versorgten uns außerdem mit einem Schlafplatz, Essen und viel Liebe fürs Detail.«

Es kam auch zu deutlichen Einschüchterungsversuchen: »In den vergangenen Wochen gab es öfter eine Kriminalisierung vonseiten der Polizei oder der Guardia Nacional (Nationalgarde). Dabei wurde beispielsweise gefilmt, Fotos gemacht und es kam zur Beschlagnahmung von Material. Viel alarmierender war jedoch der Besuch Chilapas im Bundesstaat Guerrero. Dieser ist stark von Drogenkartellen dominiert, die versucht haben, die Karawane einzuschüchtern; dabei war keine staatliche Unterstützung zu erwarten, denn die Drogenkartelle und der Staat arbeiten oft Hand in Hand«, so die Sprecherin weiter.

In der Abschlusserklärung der Karawane ziehen die Aktivist*innen ein positives Fazit: »Wir machten die Gefräßigkeit des Kapitalismus deutlich: Bergbau, Wasserausbeutung, Immobilienunternehmen, Gentrifizierung, Kontaminierung der Böden, der Luft, der Flüsse und Meere, Raub von Ländereien, Mega-Projekte, Morde an Umweltaktivist*innen, Einknastungen, Verschwindenlassen von Menschen, Drogenhandel, Paramilitarismus, Kauf von Gewissen, Spaltung der Gemeinden, Kommerzialisierung des Lebens, Prekarisierung der Arbeit, Einheit von organisiertem und autorisiertem Verbrechen, Privatisierung der Bildung, Feminizide, Repression: also Gewalt in all ihren Formen. Auf ihrem Weg säte die ›Karawane für das Wasser und das Leben‹ Saatkörner des Widerstands aus. Wie eine Welle der Rebellion nährte sie das Land. Und wir sahen den würdigen Kampf der indigenen Gemeinden – die sich dem Vergessen widersetzen – erblühen.«

Zudem wurde ein bedeutender Vorschlag bekannt gemacht, um antisystemische Rebellionen dauerhaft zu stärken. Dabei geht es darum, viele mexikanische und internationalistische Aktivist*innen – nach der Idee der »Kleinen zapatistischen Schule« von 2013/2014 – in zahlreiche Gemeinden Südmexikos einzuladen, um die lokalen Widerstände persönlich kennenzulernen. Diese Erfahrung der zapatistischen Schule hat gezeigt, dass sich viele Kollektive so neu kennenlernen können, und teilweise erfolgreich zu langfristigen Kontakten geführt.

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