Die Wurzeln des Heute im Gestern

»Am Grab der Sojus« – Reportagen von Landolf Scherzer aus Russland, Litauen, Tatarstan und der Ukraine

1991 begann Landolf Scherzers Reise in "die Union der Sowjets" am Checkpoint Charly in Berlin
1991 begann Landolf Scherzers Reise in "die Union der Sowjets" am Checkpoint Charly in Berlin

Landolf Scherzers Reise in »die Union der Sowjets« begann im Oktober 1991 am Checkpoint Charly in Berlin. Uniformenmützen mit roten Sternen und sowjetische Orden wurden verramscht, während die UdSSR im Sterben lag. »Am Grab der Sojus« hat er damals sein Buch genannt. Mit dem Untertitel »Wer über das Heute urteilt, sollte das Gestern kennen« wurde es jetzt neu aufgelegt, gewidmet »den Ukrainern und den Russen, die sich gegen jeden hasserfüllten Nationalismus und für ein friedliches Leben ihrer Völker einsetzen«. Es ist kein politischer Essay, sondern eine Sammlung von Reportagen, entstanden 1991 auf Reisen durch die UdSSR. Erstaunlich, wie sie sich beim Lesen zu einer politischen Analyse formt.

Es war das Talent dieses Reporters schon immer, Leser hautnah an seine Seite zu ziehen. Wir sind auf der abenteuerlichen Zugfahrt nach Moskau dabei und sehen dort den Passanten in die Augen, die er zu ihrem Leben nach dem Augustputsch befragt. Was der »Unsinn« solle, moniert ein Mann. Alle seien doch auf Jagd nach dem Nötigsten. In seinem Köfferchen hat er ein Kilo Zucker. »Das ist meine Talon-Ration für Oktober. Um 10 Uhr habe ich mich angestellt, jetzt habe ich ihn bekommen.« Schon sind keine roten Fahnen mehr zu sehen. »Alle ehemaligen Kommunisten auf die Felder um Moskau schicken, damit sie dort Kohl und Kartoffeln für das Volk anbauen«, liest Scherzer in einer Zeitung. Im August 1991 hatte Boris Jelzin ja die KPdSU verboten. 1993 gründete sich die KPRF neu, war bis 1999 stärkste Partei und wurde ab 2003 von Einiges Russland überholt. Nationale Einheit als Ersatz für alles Verlorene?

Der Autor hebt ein Flugblatt auf. »Gegen Jelzin! Gegen Gorbatschow! Für Brot!« Ein halbes Jahr wird er in Kaluga bei der 82-jährigen Jelena Frolowa leben. Aus ihrem Holzhaus ohne fließendes Wasser bricht er zu seinen Reisen auf: durch Russland, Litauen, Tatarstan und die Ukraine. Voller Neugier öffnet er sich Eindrücken, auch wenn sie ihn schmerzen. Was alles lesen wir da über sowjetische Vergangenheit und Gegenwart. Vieles wusste man in der DDR so nicht, schließlich sollte der »große Bruder« Vorbild sein. Die DDR stand ja im ständigen Wettstreit mit dem damaligen Wohlstandsstaat BRD; der Lebensstandard war höher als in der Sowjetunion. Dennoch trug die verführerische Hoffnung auf ein Leben »wie im Westen« zum Untergang der DDR bei. Von diesem Wunsch wurde auch der »Euromaidan« befeuert. Da frage ich mich, ob die derzeitige Abkehr Russlands vom Westen auch ein Armutszeugnis ist. Nationalstolzer Ausstieg aus der Konkurrenz, weil man bezüglich Lebensstandard nicht mithalten kann.

In der ukrainischen Grenzstadt Nowgorod Sewerski kostet die Wurst nur halb so viel wie im russischen Kaluga, doch die Zugfahrt dauert 13 Stunden. Als Scherzer ankommt, ist der Austritt aus der UdSSR per Referendum beschlossen. Ob es nicht unsinnig sei, beide Völker »durch Grenzen, Währung und Zollamt zu trennen«, fragt er bei einer Stadtführung, in der er viel über die Verbindungen zwischen Ukrainern und Russen erfährt. »Die gemeinsame Geschichte ist eines – die Grenzen zum Wohle des ukrainischen Volkes etwas anderes«, bekommt er zu Antwort. Eine wohlhabendere Region schirmt sich ab, Oligarchen frohlocken.

Litauen hat zuerst die Sowjetunion verlassen. Auch dort heißt es nun, »damit die Russen uns nicht alles wegschleppen«. Auf dem Friedhof von Vilnius, wo die »Opfer des bolschewistischen Terrors der OMON-Truppen am 13. 1. 1991« begraben sind, mahnt eine alte Frau, ja kein Wort auf Russisch zu sagen. Der Schriftsteller Vytautas Petkevicius zieht während des Gesprächs die Vorhänge zu. »Wegen der Konspiration«, denn es »gibt nur noch eine regierungsamtliche politische Meinung: Litauen den Litauern! Und Litauen, Litauen über alles!« Nationalismus, um von wirtschaftlichen Problemen abzulenken und eine neue Machtelite zu etablieren.

Was für eine Fülle lebendiger Einzelheiten. Zusammen mit dem Autor besuchen wir eine Moschee in Tatarstan, wo ein »islamischer Staat« beschworen wird. Wir sind in Tschernobyl, wo ein Priester von »Gottes Strafe für eure Ungläubigkeit« spricht, in einem russischen Gefängnis, wo 230 Jungen zwischen 14 und 18 inhaftiert sind und Evangelisten aus den USA missionieren. Wir reisen nach Engels, die alte Hauptstadt der 1941 auf Stalins Befehl liquidierten Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. »Die Juden und die Deutschen sind ein Unglück für Russland«, bekommt der Autor in der Schlange vor einem Lebensmittelgeschäft zu hören. Er sieht Armut und besucht einen Oligarchen. Bei der Miliz in St. Petersburg will er wissen, warum die Straftaten dermaßen angestiegen sind: Wegen der sozialen Ungleichheit? »Der Kampf jeder gegen jeden hat begonnen.« Kapitalismus im Frühstadium.

Eine alte Frau spricht durch eine halb geöffnete Tür vom Elend der Leningrader Blockade. Doch »damals, den Tod vor Augen, hatten wir den Glauben an den Sozialismus, die Revolution und an Rodina, die Heimat. Um sie zu retten, litten wir. Aber heute, wofür leiden wir …?« Diese Frage hallt beim Lesen in mir nach. Russland, die Ukraine, Europa in einem kriegerischen Konflikt: Wurzelt er schon im chaotischen Zerfall der Sowjetunion? War Gorbatschows Hoffnung auf eine gemeinsame europäische Friedensordnung von vornherein Illusion? Dabei war er doch im Einvernehmen mit den Staats- und Regierungschefs der 35 KSZE-Staaten, die am 21. November 1990 die »Charta von Paris für ein neues Europa« unterzeichneten, was eine Voraussetzung war, dass sich der Warschauer Pakt 1991 mit sowjetischer Zustimmung auflöste.

Fast eine halbe Million Soldaten sind aus Osteuropa abgezogen worden. Ein Vertrauensbeweis, um den Kalten Krieg zu beenden, den die USA doch fortsetzen wollten, um ihren Einfluss auf Europa zu behalten. In vielen Analysen zitiert ist der Ausspruch von George Bush sen. vom Februar 1990: »Zum Teufel damit. Wir haben uns durchgesetzt, und sie haben es nicht getan. Wir können nicht zulassen, dass die Sowjets aus ihrer Niederlage einen Sieg machen.«

Die Ernüchterung von damals wirkt auf russischer Seite nach bis heute und verbindet sich mit der Erfahrung von 1941, als die Sowjetunion auf den Nichtangriffsvertrag mit Deutschland vertraute. 27 Millionen Tote …

Politik der Stärke um der eigenen Sicherheit willen – lange defensiv, zuletzt mit Warnung vor »roten Linien«, ist nun zum Krieg mutiert, von dem man nicht weiß, wie er enden soll. Wie die Ukraine den Interessen zweier Großmächte zum Opfer gebracht wird, trifft Landolf Scherzer ebenso wie mich. »Alles, was sich bis heute manifestiert, habe ich in seinen Ansätzen erlebt«, sagte er am Telefon. »Es ist erschreckend, wie die alte Feindschaft gegen alles Russische neuen Auftrieb bekommt. Der 8. Mai bleibt für mich ein Feiertag. Für die Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus bin ich dankbar bis heute.«

Landolf Scherzer: Am Sarg der Sojus. Wer über das Heute urteilt, sollte das Gestern kennen. THK Verlag Arnstadt, 157 S., b., 9,90 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal