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Die Potsdamer Regel

Turbine kämpft noch um die Champions League, muss aber wieder ein neues Team aufbauen

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 7 Min.
Lara Prasnikar (l.) wechselte einst von Potsdam nach Frankfurt und erzielte nun das 1:0 gegen Turbine.
Lara Prasnikar (l.) wechselte einst von Potsdam nach Frankfurt und erzielte nun das 1:0 gegen Turbine.

»Ich hät­te lie­ber heu­te gewon­nen, als ins Pokal­fi­na­le ein­zu­zie­hen.« Die­ser Satz von Tur­bi­ne Pots­dams Trai­ner Sofi­an Cha­hed ver­deut­licht, wie wich­tig das Bun­des­li­ga­spiel am Sonn­abend für den Ver­ein war. Und weil es mit 0:2 (0:0) gegen Ein­tracht Frank­furt ver­lo­ren ging, konn­te Cha­hed mit den nach­träg­li­chen Glück­wün­schen von Gäs­te­trai­ner Niko Arnau­tis zum Ein­zug ins End­spiel des DFB-Pokals nicht wirk­lich etwas anfangen.

War­um die Chan­ce auf den ers­ten Titel für Tur­bi­ne seit zehn Jah­ren weni­ger wert ist als ein Sieg in der Bun­des­li­ga, erklär­te Cha­hed spä­ter im Gespräch mit »nd«. »Lei­der ist Tur­bi­ne nur ein Sprung­brett für talen­tier­te Spie­le­rin­nen.« Die Erkennt­nis ist nicht neu, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­lie­ßen immer wie­der die bes­ten Fuß­bal­le­rin­nen den Ver­ein. Ein »Umbruch«, wie Cha­hed sagt, steht auch in der kom­men­den Sai­son in Pots­dam wie­der an. Vor dem letz­ten Heim­spiel die­ser Sai­son wur­den am Sonn­abend sie­ben Spie­le­rin­nen ver­ab­schie­det. Schon ein Punkt­ge­winn in den dar­auf fol­gen­den 90 Minu­ten hät­te den Neu­auf­bau wesent­lich ein­fa­cher gemacht. »Die Cham­pions League ist ein über­zeu­gen­des Argu­ment, um die Mann­schaft ver­stär­ken zu kön­nen«, weiß Chahed.

Die ganz gro­ße Mög­lich­keit, als Tabel­len­drit­ter sport­lich und auch finan­zi­ell von einem Start­recht in der Cham­pions League zu pro­fi­tie­ren, haben die Pots­da­me­rin­nen im direk­ten Duell mit den viert­plat­zier­ten Frank­fur­te­rin­nen ver­spielt. Sie ste­hen zwar immer noch auf Platz drei. Weil aber die nun punkt­glei­che Ein­tracht am letz­ten Spiel­tag »nur« auf Wer­der Bre­men trifft und Tur­bi­ne am kom­men­den Sonn­tag gleich­zei­tig beim FC Bay­ern Mün­chen spielt, sind die Pots­da­mer Chan­cen wesent­lich gesunken.

Wel­che Bedeu­tung das Spiel am Sonn­abend hat­te, konn­te man auch bei der Ein­tracht erken­nen. Im mit mehr als 2500 Zuschau­ern gut gefüll­ten Karl-Lieb­knecht-Sta­di­on fei­er­ten die Frank­fur­te­rin­nen nach dem Abpfiff mit ihren rund 100 mit­ge­reis­ten Fans – wild, laut und lan­ge, obwohl letzt­lich noch nichts gewon­nen ist. Auf der Haupt­tri­bü­ne fie­ber­ten und fei­er­ten unter ande­rem Axel Hell­mann und Mar­kus Krö­s­che mit, bei­de sind Vor­stands­mit­glie­der der Ein­tracht Frank­furt Fuß­ball AG. »Selbst­ver­ständ­lich sind wir hier, Ali­bi ist nichts für uns«, sag­te Krö­s­che zu »nd«. Für den Mann, der als Sport­vor­stand den Erfolg der Frank­fur­ter Män­ner ver­ant­wor­tet, hat »das Frau­en­team den glei­chen Stellenwert«.

Solch ernst gemein­tes Enga­ge­ment wie bei der Ein­tracht bringt den Fuß­ball der Frau­en vor­an. Ande­rer­seits erklärt es auch die Nie­der­la­ge von einem rei­nen Frau­en­ver­ein wie Tur­bi­ne Pots­dam. Schließ­lich war es Lara Pras­nikar, die in der 72. Minu­te die erlö­sen­de Füh­rung erzielt hat­te und acht Minu­ten spä­ter auch am ent­schei­den­den 2:0 betei­ligt war. Die 23-jäh­ri­ge Slo­we­nin war vor zwei Jah­ren von Pots­dam nach Frank­furt gewechselt.

Die­ses lan­ge Zeit hart umkämpf­te Spiel hät­te auch anders aus­ge­hen kön­nen. Bis zur Frank­fur­ter Füh­rung hat­ten die Pots­da­me­rin­nen die bes­se­ren Chan­cen. Schon nach acht Minu­ten hat­te Sophie Weidau­er die Füh­rung auf dem Fuß, schoss den Ball aber frei­ste­hend aus zwölf Metern am Tor vor­bei. Eben­so knapp ver­pass­te Melis­sa Köss­ler das 1:0 mit ihrem fei­nen Dreh­schuss nach einer Stun­de Spiel­zeit. Spä­ter aber spra­chen bei­de Trai­ner von einem ver­dien­ten Erfolg der Ein­tracht. Auch, weil der Kader ins­ge­samt und damit auch die spie­le­ri­sche Qua­li­tät bes­ser ist, vor allem im Mit­tel­feld. Tur­bi­nes gute Abwehr­ar­beit und die meist lan­gen Bäl­le in die Spit­ze auf Köss­ler reich­ten nicht aus.

Sofi­an Cha­hed ver­wies in sei­ner ers­ten Spiel­ana­ly­se noch mal auf Grund­sätz­li­ches: »Die Ein­tracht hat in Frank­furt ganz ande­re Mög­lich­kei­ten als wir hier in Pots­dam.« Dass Tur­bi­ne auch am letz­ten Spiel­tag in Mün­chen aber noch die Chan­ce auf die Cham­pions League hat, wer­tet er des­halb umso höher. Ein Grund dafür ist, dass sein Team in die­ser Sai­son über den eige­nen Mög­lich­kei­ten spie­le. Ein ande­rer, dass es jetzt im zwei­ten Jahr zusam­men­spie­le. Damit ist es aber vor­bei. Vor allem die Abgän­ge von Kapi­tä­nin Sara Agrez zum VfL Wolfs­burg und Stür­me­rin Melis­sa Köss­ler zur TSG Hof­fen­heim schmer­zen. Und Pots­dams bes­te Tor­jä­ge­rin Seli­na Cer­ci, die bis zu ihrer Ver­let­zung Anfang März in 15 Spie­len 13 Tref­fer erzielt hat­te, denkt, wie am Sonn­abend zu hören war, eben­falls noch über einen Wech­sel nach.

Die Pots­da­mer Regel, nach der auf Erfol­ge, wozu für den Trai­ner natür­lich auch der Ein­zug ins Pokal­fi­na­le zählt, ein Neu­auf­bau des Teams nötig wird, ist für Cha­hed eine neue Erfah­rung. Der 39-Jäh­ri­ge kam im Som­mer 2020 zu Tur­bi­ne. Einer­seits hat er Ver­ständ­nis für die Wech­sel von Spie­le­rin­nen, die woan­ders »das drei- oder vier­fa­che ver­die­nen kön­nen«, wie er »nd« erzähl­te. Ande­rer­seits ist da sein Ehr­geiz. Auch in Mün­chen sei etwas zu holen, meint er. Mit einem Sieg beim gro­ßen FC Bay­ern will er kurz­fris­tig den Gesetz­mä­ßig­kei­ten im Fuß­ball der Frau­en trot­zen. Um als rei­ner Frau­en­ver­ein aber lang­fris­tig erfolg­reich sein zu kön­nen, müs­se Tur­bi­ne auch im finan­zi­el­len Wett­streit irgend­wie auf­ho­len. »Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit«, sagt Cha­hed und geht.

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