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Die Potsdamer Regel

Turbine kämpft noch um die Champions League, muss aber wieder ein neues Team aufbauen

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.
Lara Prasnikar (l.) wechselte einst von Potsdam nach Frankfurt und erzielte nun das 1:0 gegen Turbine.
Lara Prasnikar (l.) wechselte einst von Potsdam nach Frankfurt und erzielte nun das 1:0 gegen Turbine.

»Ich hätte lieber heute gewonnen, als ins Pokalfinale einzuziehen.« Dieser Satz von Turbine Potsdams Trainer Sofian Chahed verdeutlicht, wie wichtig das Bundesligaspiel am Sonnabend für den Verein war. Und weil es mit 0:2 (0:0) gegen Eintracht Frankfurt verloren ging, konnte Chahed mit den nachträglichen Glückwünschen von Gästetrainer Niko Arnautis zum Einzug ins Endspiel des DFB-Pokals nicht wirklich etwas anfangen.

Warum die Chance auf den ersten Titel für Turbine seit zehn Jahren weniger wert ist als ein Sieg in der Bundesliga, erklärte Chahed später im Gespräch mit »nd«. »Leider ist Turbine nur ein Sprungbrett für talentierte Spielerinnen.« Die Erkenntnis ist nicht neu, in den vergangenen Jahren verließen immer wieder die besten Fußballerinnen den Verein. Ein »Umbruch«, wie Chahed sagt, steht auch in der kommenden Saison in Potsdam wieder an. Vor dem letzten Heimspiel dieser Saison wurden am Sonnabend sieben Spielerinnen verabschiedet. Schon ein Punktgewinn in den darauf folgenden 90 Minuten hätte den Neuaufbau wesentlich einfacher gemacht. »Die Champions League ist ein überzeugendes Argument, um die Mannschaft verstärken zu können«, weiß Chahed.

Die ganz große Möglichkeit, als Tabellendritter sportlich und auch finanziell von einem Startrecht in der Champions League zu profitieren, haben die Potsdamerinnen im direkten Duell mit den viertplatzierten Frankfurterinnen verspielt. Sie stehen zwar immer noch auf Platz drei. Weil aber die nun punktgleiche Eintracht am letzten Spieltag »nur« auf Werder Bremen trifft und Turbine am kommenden Sonntag gleichzeitig beim FC Bayern München spielt, sind die Potsdamer Chancen wesentlich gesunken.

Welche Bedeutung das Spiel am Sonnabend hatte, konnte man auch bei der Eintracht erkennen. Im mit mehr als 2500 Zuschauern gut gefüllten Karl-Liebknecht-Stadion feierten die Frankfurterinnen nach dem Abpfiff mit ihren rund 100 mitgereisten Fans – wild, laut und lange, obwohl letztlich noch nichts gewonnen ist. Auf der Haupttribüne fieberten und feierten unter anderem Axel Hellmann und Markus Krösche mit, beide sind Vorstandsmitglieder der Eintracht Frankfurt Fußball AG. »Selbstverständlich sind wir hier, Alibi ist nichts für uns«, sagte Krösche zu »nd«. Für den Mann, der als Sportvorstand den Erfolg der Frankfurter Männer verantwortet, hat »das Frauenteam den gleichen Stellenwert«.

Solch ernst gemeintes Engagement wie bei der Eintracht bringt den Fußball der Frauen voran. Andererseits erklärt es auch die Niederlage von einem reinen Frauenverein wie Turbine Potsdam. Schließlich war es Lara Prasnikar, die in der 72. Minute die erlösende Führung erzielt hatte und acht Minuten später auch am entscheidenden 2:0 beteiligt war. Die 23-jährige Slowenin war vor zwei Jahren von Potsdam nach Frankfurt gewechselt.

Dieses lange Zeit hart umkämpfte Spiel hätte auch anders ausgehen können. Bis zur Frankfurter Führung hatten die Potsdamerinnen die besseren Chancen. Schon nach acht Minuten hatte Sophie Weidauer die Führung auf dem Fuß, schoss den Ball aber freistehend aus zwölf Metern am Tor vorbei. Ebenso knapp verpasste Melissa Kössler das 1:0 mit ihrem feinen Drehschuss nach einer Stunde Spielzeit. Später aber sprachen beide Trainer von einem verdienten Erfolg der Eintracht. Auch, weil der Kader insgesamt und damit auch die spielerische Qualität besser ist, vor allem im Mittelfeld. Turbines gute Abwehrarbeit und die meist langen Bälle in die Spitze auf Kössler reichten nicht aus.

Sofian Chahed verwies in seiner ersten Spielanalyse noch mal auf Grundsätzliches: »Die Eintracht hat in Frankfurt ganz andere Möglichkeiten als wir hier in Potsdam.« Dass Turbine auch am letzten Spieltag in München aber noch die Chance auf die Champions League hat, wertet er deshalb umso höher. Ein Grund dafür ist, dass sein Team in dieser Saison über den eigenen Möglichkeiten spiele. Ein anderer, dass es jetzt im zweiten Jahr zusammenspiele. Damit ist es aber vorbei. Vor allem die Abgänge von Kapitänin Sara Agrez zum VfL Wolfsburg und Stürmerin Melissa Kössler zur TSG Hoffenheim schmerzen. Und Potsdams beste Torjägerin Selina Cerci, die bis zu ihrer Verletzung Anfang März in 15 Spielen 13 Treffer erzielt hatte, denkt, wie am Sonnabend zu hören war, ebenfalls noch über einen Wechsel nach.

Die Potsdamer Regel, nach der auf Erfolge, wozu für den Trainer natürlich auch der Einzug ins Pokalfinale zählt, ein Neuaufbau des Teams nötig wird, ist für Chahed eine neue Erfahrung. Der 39-Jährige kam im Sommer 2020 zu Turbine. Einerseits hat er Verständnis für die Wechsel von Spielerinnen, die woanders »das drei- oder vierfache verdienen können«, wie er »nd« erzählte. Andererseits ist da sein Ehrgeiz. Auch in München sei etwas zu holen, meint er. Mit einem Sieg beim großen FC Bayern will er kurzfristig den Gesetzmäßigkeiten im Fußball der Frauen trotzen. Um als reiner Frauenverein aber langfristig erfolgreich sein zu können, müsse Turbine auch im finanziellen Wettstreit irgendwie aufholen. »Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit«, sagt Chahed und geht.

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