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Das neue, alte Symbol

Wie Russland den 77. Jahrestag des Sieges über den Hitler-Faschismus feiert

  • René Heilig
  • Lesedauer: 5 Min.

»Genossen … Die Periode des Krieges in Europa ist zu Ende. Die Periode der friedlichen Entwicklung hat begonnen. Ich beglückwünsche euch zum Sieg, meine lieben Mitbürger und Mitbürgerinnen! Ruhm und Ehre unserer heldenhaften Roten Armee, die die Unabhängigkeit unserer Heimat behauptete und den Sieg über den Feind errungen hat! Ruhm und Ehre unserem großen Volke, dem Siegervolk!« Ist das eine Passage aus der womöglich vorab durchgesickerten Rede, die der russische Präsident an diesem Montag in Moskau halten wird, bevor er die Truppenparade auf dem Roten Platz abnimmt? Kündigt Wladimir Putin so das Ende seines seit dem 24. Februar andauernden Aggressionskrieges gegen die Ukraine an? Leider nicht! Den Dank an seine Mitbürger, die Ehrung der Armee und die Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung sprach Josef Stalin aus – am 9. Mai 1945, dem Tag des Sieges über die deutschen Faschisten und ihre Vasallen. Geschätzt 27 Millionen Sowjetbürger ließen ihr Leben, fast jede Familie in der Vielvölkerunion beklagte Opfer.

Der Tag des Sieges sei »für fast alle Bewohner des ehemaligen Territoriums der Sowjetunion ein heiliger Tag«, sagte Putins Sprecher Dimitri Peskow in der vergangenen Woche. Wie gewohnt werden in verschiedenen russischen Städten Militärparaden abgehalten. An der, die über den Roten Platz in Moskau zieht, sollen rund 11 000 Soldatinnen und Soldaten teilnehmen. 77 Flugzeuge und Hubschrauber werden am Himmel sein. Die meisten Typen sind bekannt, sie bringen ein paar hundert Kilometer westwärts Tod und Vernichtung in die Ukraine. Acht Jets sollen eine »Z‑Formation« bilden. Das Zeichen tragen die russischen Panzer und andere Militärfahrzeuge, die Tag für Tag weiter in das Nachbarland eindringen. In Moskau gezeigt wird eine IL-80. Sie wird als »Doomsday Maschine« bezeichnet. Von solchen fliegenden Kommandostationen sollen noch am »Jüngsten Tag«, wenn die Welt längst im Atombrand steht, Befehle ausgegeben werden können. Geht mehr Drohung in diesen fragilen Zeiten?

Auf dem Platz sollen derweil Panzer und Raketentransporter Moskaus Macht und Durchhaltevermögen demonstrieren. Verteidigungsminister Sergej Schoigu versäumte es nicht, darauf hinzuweisen, dass erstmals Tornado-G-Mehrfachraketenwerfer mit automatisierten Feuerleitsystemen gezeigt werden. Ob sie gleich nach der Parade in Richtung Ukraine rollen?

Im Vorfeld des 9. Mai waren auch Befürchtungen aufgekommen, Putin könnte sein angeblich siegreiches Vorrücken gegen die – wie es in der Moskauer Propaganda heißt – »ukrainischen Faschisten« auf besondere Weise unterstreichen. Man munkelte, dass gefangene ukrainische Soldaten durch die Straßen der Hauptstadt geführt werden könnten – wie im Sommer 1944 rund 50 000 Soldaten aus Hitlers Wehrmacht. Ähnliche Zurschaustellungen hatte es in den vergangenen Jahren bereits in der von russischen Separatisten beherrschten ostukrainischen Stadt Donezk gegeben. Peskow bezeichnete indes Vermutungen, laut denen sein Chef am Montag der Ukraine auch offiziell den Krieg erklären sowie eine Generalmobilmachung anordnen wolle, als »Unsinnsgerüchte«.

An insgesamt 13 Orten will Russlands Militär seine Fähigkeit zur Zerstörung unterstreichen. Auch auf dem Luftwaffenstützpunkt Khmeimim in Syrien wird das dort Krieg führende russische Militär gemeinsam mit Einheiten des dortigen Machthabers Baschar al-Assad an den 77. Jahrestag des Sieges erinnern. Das russische Militärfernsehen berichtete von Vorbereitungen und sprach mit Teilnehmern, unter anderem mit einem jungen Mann namens Roman. Die Kalaschnikow vor der Brust erzählt er, sein Groß- und sein Urgroßvater hätten sich freiwillig zum Kampf gegen die Faschisten gemeldet. Nach dem Sieg habe die Familie ein Haus gebaut und gut gelebt. Jetzt zerstört Roman die Häuser anderer Familien.

Obwohl bereits in der Präambel der russischen Verfassung festgelegt ist, dass man »das Ansehen der Vorfahren« ehren solle, »die uns Liebe und Achtung gegenüber dem Vaterland sowie den Glauben an das Gute und an die Gerechtigkeit überlieferten«, wurde der 9. Mai bereits zu Sowjetzeiten zu einer Art sakralem Gedenktag degradiert, in dem es immer weniger um die Opfer als um eine Art Segnung der Streitkräfte des Landes ging.

Das führt aktuell auch zu relativ skurrilen Aktionen. So haben die Kosmonauten Oleg Artemjew und Denis Matwejew bei einem Außeneinsatz an der Internationalen Raumstation ISS bereits vor Tagen ein rotes Banner »gehisst«. Es sei, erklärt die Weltraumbehörde Roskosmos, eine Kopie jener Flagge, die Rotarmisten 1945 auf dem Reichstag in Berlin aufzogen. Zudem gab Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin bekannt, der nächste Start einer Raumsonde zur ISS sei ganz und gar den Volksrepubliken Donezk und Luhansk gewidmet.

Während die zweite Raketenstufe den Namen »Donbass« trage, werde an der Raketenspitze das Bild von »Babuschka Z« zu sehen sein. Die ukrainische Großmutter soll sich mit einer Sowjetfahne in der Hand auf die Straße gestellt haben, um die russischen »Befreier« zu begrüßen. Das Bild, das seit Wochen durch russische Medien geistert, erinnert an die bereits im Zarenreich kursierende ikonenhafte Darstellung von »Mütterchen Russland«. Für sie kämpften sich auch die Rotarmisten bis Berlin durch. Nun hat man in der völlig zerstörten Hafenstadt Mariupol sogar eine Plastik von »Babuschka Z«. Dabei sagte Putins Vizestabschef Sergej Kirijenko, zwar kenne man noch nicht den Namen der Frau, doch man werde ihn in Erfahrung bringen, um »sich vor ihr zu verbeugen«.

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