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SGLADSCHDGLEI!

Besuch beim Derby der zwei einzig möglichen Leipziger Vereine

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Alarm, Alarm: Die Lokis zün­de­ten Pyro, ver­brann­ten ein paar grün-wei­ße Lap­pen und schos­sen drei­mal Leucht­spur Rich­tung Che­mie.
Alarm, Alarm: Die Lokis zün­de­ten Pyro, ver­brann­ten ein paar grün-wei­ße Lap­pen und schos­sen drei­mal Leucht­spur Rich­tung Che­mie.

Bereits auf die sams­täg­li­che Fahrt nach Leip­zig warf das Der­by der zwei ein­zig mög­li­chen Leip­zi­ger Ver­ei­ne sei­nen Schat­ten. Unzäh­li­ge sym­pa­thi­sche jun­ge Men­schen bevöl­ker­ten den Zug. Gewan­det in Grün-Weiß, erweck­ten sie den Ein­druck flei­ßi­ger Lehr­amts­an­wär­ter, die offen­sicht­lich in Ber­lin ihre Stu­di­en betrie­ben. Ja, es war eine Lust, der künf­ti­gen Bil­dungs­eli­te säch­si­scher Leh­rer­schaf­ten ins leicht ange­hip­s­ter­te Ant­litz zu schauen. 

Die vor­freu­di­ge Jugend misch­te sich auf dem Weg ins Sta­di­on spä­ter mit soli­den Bier­pöb­lern und Schrei­häl­sen. Che­mie gegen Lok – die­ses Fuß­ball­spiel elek­tri­siert die Mas­sen und holt den letz­ten Sach­sen aus sei­nem Ein­mann­bun­ker. Manch Poli­zis­ten­herz glüh­te in ver­gnüg­li­cher Anspan­nung, vorm Sta­di­on posier­ten manier­lich uni­for­mier­te Rei­te­rin­nen. Ein Der­by muss das Trei­ben ver­rückt machen, kei­ne Frage.

Wäh­rend die 500 glück­li­chen blau-gel­ben Aus­wärts­ti­cket­be­sit­zer via Fan­marsch ins Sta­di­on spa­zier­ten, fuhr ich mit mei­nem Gast­va­ti Ecki via Rad zum Leutz­scher Alfred-Kun­ze-Sport­park. Fein­geist Ecki ist Che­mi­ker und Tri­bü­nen­sit­zer. Sei­ne Gewan­dung ist dezent, sein Beneh­men wohl­erzo­gen; er trän­ke ver­mut­lich am liebs­ten einen guten Weiß­wein im Stadion.

Auf dem Nord­damm und dem Damm­sitz dräng­ten sich die Che­mief­ans. Im Gäs­te­block bro­del­ten die Lokis­ten. In diver­sen Ecken des Sta­di­ons putz­ten die Poli­zis­ten ihre Schlag­stö­cke. Che­mie wie gewohnt san­ges­freu­dig: »He BSG, du hast unse­rem Leben einen Sinn gege­ben«, tön­te es tau­send­stim­mig durch das herr­lich run­ter­ge­rock­te Rund. Auf der Holz­tri­bü­ne hat­te ich es mir mit Ecki bequem gemacht, um unge­stört von läs­ti­gen Son­nen­strah­len, einen fei­nen Rund­um­blick aufs Schlacht­feld zu genießen. 

Die Ultras vom Nord­damm zeig­ten eine schö­ne Pest-Cho­reo und feu­er­ten ein Reper­toire an bun­ten Belei­di­gungs­songs in Rich­tung der Blau-Gel­ben. Die Lokis­ten gesang­lich auch über­ra­schend sta­bil. Lag es an der ange­stau­ten Wut auf die bösen Che­mi­ker, die ihnen den piss­rin­nes­ken Weg unter der S‑Bahn zuge­mau­ert hat­ten? Lok lie­fer­te vor­züg­li­che Schmä­hun­gen des Geg­ners. Die Folk­lo­re kann­te kei­ne Gren­zen, gege­be­nen­falls galt es, Tra­di­tio­nen zu wah­ren! So schrie es wild: Che­mie­schwein, Club­schwein, Bul­len­schwein, Nazi­schwein, Zecken­schwein. Was für eine schwei­ni­sche Saue­rei – ich bekam Mit­leid mit dem deut­sches­ten aller Tiere.

Auch die Poli­zei durf­te kurz vor der Halb­zeit zulan­gen, als vor­wit­zi­ge Che­mi­ker einen Leip­zi­ger Spie­ler mit Bier­be­chern ein­deck­ten. Die Beam­ten­schar wur­de von den frei­heits­lie­ben­den Che­mief­ans natur­ge­mäß als pure Aggres­si­on gedeu­tet. Die Men­ge wog­te und empör­te sich salopp. So rich­tig zur Sache ging es zehn Minu­ten nach dem Anpfiff der zwei­ten Halb­zeit, als Lok­fans das den Block umhül­len­de Ban­ner »Bekämpft den Feind« hiss­ten. Die Poli­zei behelm­te sich und schüt­te­te Adre­na­lin aus. Die Lokis zün­de­ten Pyro, ver­brann­ten ein paar grün-wei­ße Lap­pen und schos­sen drei­mal Leucht­spur Rich­tung Che­mie. SGLADSCHDGLEI, freu­ten sich alte Her­ren auf der Tri­bü­ne und spuck­ten in die Hän­de. Der MDR empör­te sich pro­fes­sio­nell, drei Che­mi­ker woll­ten den Platz stür­men, die Poli­zei rück­te ein, der Schi­ri schick­te die Spie­ler in die Kabi­nen, die Poli­zei rück­te wie­der aus. Fünf­zehn Minu­ten spä­ter ging es wei­ter. Freun­den der Sta­tis­tik sei gesagt: Che­mie gewann mit etwas Glück 2:1 gegen Lok vor 4999 Zuschau­ern, was im AKS aus­ver­kauft bedeutet.

Mit mann­haft gefass­ter Ver­zweif­lung stapf­ten die Blau-Gel­ben aus dem Sta­di­on. Bis vor weni­gen Spiel­ta­gen war Lok noch ein Meis­ter­schafts­aspi­rant, ließ aber in den letz­ten Spie­len zu vie­le Big­points lie­gen. Wäh­rend Che­mi­ker und befreun­de­te Frank­fur­ter ums grün-wei­ße Kalb tanz­ten, radel­ten Ecki und icke zu unse­rem zwei­ten Cham­pa­gner­früh­stück durch Sach­sen, wo bekannt­lich die schö­nen Men­schen auf den Bäu­men wachsen.

Alle Kolumnentexte: dasnd.de/ballhaus

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