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Bis(s) zur Revolution

In der marxistischen Vampirkomödie »Blutsauger« verliebt sich eine Fabrikantentochter in einen Proleten

Herzogin Flambow-Jansen ist überzeugt: Das Leben muss aus Muße bestehen.
Herzogin Flambow-Jansen ist überzeugt: Das Leben muss aus Muße bestehen.

Der »marx­kri­ti­sche Marx-Lese­kreis« ist an einem neur­al­gi­schen Punkt der Lek­tü­re ange­kom­men: Nicht mehr Lein­wand und Rock wer­den der Anschau­lich­keit hal­ber mit­ein­an­der ver­rech­net, jetzt müs­sen Vam­pi­re her­hal­ten, um die Argu­men­ta­ti­on zu illus­trie­ren. Die dis­ku­tie­ren­den Arbeiter*innen sind sich uneins. Warnt Marx tat­säch­lich vor den unto­ten Blut­saugern, oder geht es ihm um eine struk­tu­rel­le Posi­ti­on, wenn er im Kapi­tel zum Arbeits­tag schreibt: »Das Kapi­tal ist ver­storb­ne Arbeit, die sich nur vam­pyr­mä­ßig belebt durch Ein­sau­gung leben­di­ger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.«

Die Fra­ge ist dring­lich, denn wie­der­holt tau­chen rote Male am Kör­per der Arbeiter*innen auf. Han­delt es sich hier­bei um »chi­ne­si­sche Flö­he«, wie es der Bür­ger­meis­ter Dr. Hum­burg behaup­tet? Oder doch um okkul­te Wesen, die den Beschäf­tig­ten der Kos­me­tik­fa­brik die Lebens­en­er­gie aus­sau­gen? Die mar­xis­ti­sche Vam­pir­ko­mö­die »Blut­sauger« arbei­tet mit einer Figur, die zur anti­se­mi­ti­schen Per­so­na­li­sie­rung des Kapi­tals genutzt wird. Dass es sich um ein schwie­ri­ges Sujet han­delt, weiß Regis­seur Juli­an Radl­mai­er und arbei­tet bestän­dig dage­gen an. Bereits in dem im Jahr 2017 erschie­nen Film »Selbst­kri­tik eines bür­ger­li­chen Hun­des« setzt sich der Film­hoch­schul­ab­sol­vent essay­is­tisch und humor­voll mit der Arbeits­wert­theo­rie aus­ein­an­der. Bewusst unau­then­tisch, im Sti­le eines Lehr­stücks, ent­steht ein spe­ku­la­ti­ver Rea­lis­mus, in dem fast nur Lai­en vor die Kame­ra tre­ten und ihren Text auf­sa­gen. Das befreit die Vor­gän­ge von den gro­ßen Gefüh­len, die Ein­füh­lung pro­du­zie­ren will.

Der 1928 ange­sie­del­te Schau­er­film bricht gleich zu Beginn mit jeg­li­chem Anspruch auf geschicht­li­che Genau­ig­keit. Nach der als Pro­log gesetz­ten Lese­kreis­sze­ne, die den theo­re­ti­schen Rah­men für das Fol­gen­de lie­fert, zer­stört ein Kite­sur­fer die Mög­lich­keit his­to­ris­ti­scher Immer­si­on. Am Ost­see­strand lan­det ein Gast aus der klas­sen­lo­sen Gesell­schaft – ein ver­meint­li­cher Baron, der aus der sta­li­nis­ti­schen Sowjet­uni­on flie­hen muss­te. Sogleich nimmt die Her­zo­gin und pro­tes­tan­ti­sche Fabri­kan­ten­toch­ter Octa­via Flam­bow-Jan­sen den inter­es­san­ten Frem­den auf.

Die anfäng­li­che Lie­be zwi­schen dem Paar ist zum Schei­tern ver­ur­teilt, denn Ljowusch­ka offen­bart sich bald als Fabrik­ar­bei­ter, der durch einen Zufall den Trotz­ki in Ser­gej Eisen­steins Film »Okto­ber« spiel­te. Der geor­gi­sche Regis­seur Alex­and­re Kobe­r­id­ze, des­sen letz­ter Film »Was sehen wir, wenn wir zum Him­mel schau­en?« bei der 71. Ber­li­na­le Pre­mie­re fei­er­te, gibt den post­re­vo­lu­tio­nä­ren Flücht­ling. Was für den Pro­le­ten als glück­li­che Fügung begann, kehr­te sich bald ins Gegen­teil. Nach­dem Sta­lins Riva­le in Ungna­de gefal­len war, muss­ten alle Sze­nen mit Trotz­ki ent­fernt wer­den, und auch der Schau­spie­ler soll­te verschwinden.

Hin­ter dem melan­cho­lisch äthe­ri­schen Auf­tre­ten der Her­zo­gin, deren Rol­le die Thea­ter­schau­spie­le­rin Lilith Stan­gen­berg über­nimmt, ver­birgt sich ein sach­li­cher Wirk­lich­keits­be­zug. Sie umgibt sich gern mit dem sowje­ti­schen Exo­ten, besteht dar­auf, von ihrem per­sön­li­chen Assis­ten­ten geduzt zu wer­den, und kon­sta­tiert: »Das Leben muss ganz aus Muße bestehen.« Doch bleibt sie Haupt­ak­tio­nä­rin der Fabrik, die ihre öko­no­mi­schen Inter­es­sen im Blick hat. Und damit eine Blut­sauge­rin, die sich die Mehr­ar­beit der Arbeiter*innen aneig­net. Auch ihren Ange­stell­ten Jakob, den Alex­an­der Herbst in sei­ner ers­ten Film­rol­le dar­stellt, beißt sie hin­ge­bungs­voll. Dass nur die Posi­ti­on sie zur Vam­pi­rin macht und es sich nicht um ange­bo­re­ne Gelüs­te han­delt, erzählt der Film, wenn der Bür­ger­meis­ter, gespielt von Andre­as Döh­ler, zum Akti­en­pa­ket auch Blut­lust erwirbt.

Zen­tra­ler noch schält sich das Pro­blem mit der Per­so­ni­fi­zie­rung her­aus, wenn die Bewoh­ner des Küs­ten­orts mit Fackeln zum Anwe­sen von Flam­bow-Jan­sen zie­hen. Die mar­xis­tisch geschul­ten Arbeiter*innen wol­len die Kapi­ta­lis­tin ent­eig­nen; die tran­szen­den­tal obdach­lo­sen Bür­ger for­dern nur die Pfäh­lung der einen Blut­sauge­rin. Sie ver­ken­nen so die struk­tu­rel­le Sei­te des Vam­pi­ris­mus. Schnell erlischt das revo­lu­tio­nä­re Moment und schlägt ins Reak­tio­nä­re um. Die Kommunist*innen wer­den an die Wand gestellt; als Schul­di­gen iden­ti­fi­ziert die Stadt­ge­mein­schaft einen Algensamm­ler, der auch noch in Kon­kur­renz zur Fabrik steht.

In humor­vol­ler Distanz zum gewähl­ten Gen­re, das in einem Vam­pir­film im Film noch­mals auf­ge­grif­fen wird, brei­tet sich in zwei Stun­den der Wider­spruch zwi­schen totem Kapi­tal und leben­di­ger Arbeit aus, ohne sich dem Publi­kum in beleh­ren­der Hal­tung gegen­über­zu­stel­len. Dass die rich­ti­ge Ana­ly­se nicht not­wen­dig zur erfolg­rei­chen Revo­lu­ti­on führt, wird eben­so erzählt. Fal­sches Klas­sen­be­wusst­sein, dem Jakob in Lie­be und Iden­ti­fi­ka­ti­on mit sei­ner Che­fin ver­fällt, hin­dert die Soli­da­ri­tät und gefähr­det die Expro­pria­ti­on der Expropriateure.

Wie in »Selbst­kri­tik eines bür­ger­li­chen Hun­des« blickt der Film iro­ni­sie­rend auf das lin­ke Intel­lek­tu­el­len­mi­lieu, dem er ent­stammt. Das Unau­then­ti­sche und nicht Per­fek­te zele­brie­rend, mäan­dern die Figu­ren durch Dog­ma­tis­mus-Dis­kus­sio­nen und ent­täu­schen­de Revo­lu­tio­nen. Trotz der his­to­ri­schen Selbst­ver­or­tung kommt es nicht zum müden Ver­gleich mit den 20ern des letz­ten Jahr­hun­derts. Lachen­den Auges wird ein abs­trak­tes Ver­hält­nis aus der kon­kre­ten Gegen­wart betrach­tet. Dies geschieht indes selbst­ent­lar­vend und iro­ni­sie­rend vom Stand­punkt des lin­ken Melancholikers.

»Blutsauger«: Deutschland 2021. Regie: Julian Radlmaier. Mit: Andreas Döhler, Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch. 125 Minuten. Start: 12.5.

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