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Bonjour Tristesse

Bis 2025 soll ein Plan für die Zukunft der Ex-Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg stehen

Wo bin ich? Am Mittwoch wurde in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg ein neues Leit-und Informationssystem übergeben.
Wo bin ich? Am Mittwoch wurde in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg ein neues Leit-und Informationssystem übergeben.

Es ist ein über­ra­schend gro­ßer Bahn­hof, der am Mitt­woch­mit­tag auf dem Gelän­de der ehe­ma­li­gen Zen­tra­le des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit in Ber­lin-Lich­ten­berg um die Inbe­trieb­nah­me von ins­ge­samt 21 digi­ta­len und ana­lo­gen Infor­ma­ti­ons­ste­len gemacht wird. Das neue »Infor­ma­ti­ons- und Leit­we­ge­sys­tem« soll Besu­chern die Ori­en­tie­rung auf dem unüber­sicht­li­chen Rie­sen­are­al an der Rusche­s­tra­ße erleich­tern und den his­to­ri­schen Ort »erfahr­ba­rer« machen.

Stadt­ent­wick­lungs­se­na­tor Andre­as Gei­sel (SPD) spricht davon, »dass es immer schwie­ri­ger wird, Men­schen für die Demo­kra­tie zu begeis­tern«. Die SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Kat­rin Bud­de ver­weist auf »all die muti­gen Men­schen von 1989 und 1990«, denen es zu ver­dan­ken sei, »dass wir hier heu­te ste­hen«. Auch Lich­ten­bergs Bezirks­bür­ger­meis­ter Micha­el Grunst (Lin­ke) sagt: »Hier war Repres­si­on, hier war aber auch Rebel­li­on.« Tom Sel­lo, der Lan­des­be­auf­trag­te zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur, erin­nert sich dar­an, wie er im Herbst 1990 mit ande­ren Mit­strei­tern plan­los über das weit­läu­fi­ge Gelän­de irr­te, um das Archiv der Staats­si­cher­heit zu fin­den – und zu besetzen.

Letzt­lich – und das ist dann auch der Haupt­grund für die üppi­gen Gruß­adres­sen aus der Bundes‑, Lan­des- und Bezirks­po­li­tik – sol­len die 21 Ste­len den Auf­takt bil­den, um die ehe­ma­li­ge Sta­si-Zen­tra­le zu einem »Cam­pus für Demo­kra­tie« zu ent­wi­ckeln. Das Gelän­de soll »als öffent­li­cher Kultur‑, Bildungs‑, Erin­ne­rungs- sowie Ver­wal­tungs­stand­ort wie­der­be­lebt wer­den«. So steht es im rot-grün-roten Ber­li­ner Koali­ti­ons­ver­trag. Auch die Ampel-Regie­rung auf Bun­des­ebe­ne bekennt sich zu dem Pro­jekt, »die Ein­rich­tung des Archiv­zen­trums SED-Dik­ta­tur« inklu­si­ve.

Ziel sei es, »die­sem Ort auch eine Zukunft zu geben, eine Wür­de zu geben«, sagt Andre­as Gei­sel. Davon ist man noch ein ordent­li­ches Stück ent­fernt. In sei­nem der­zei­ti­gen Zustand strahlt das Gelän­de vor allem Trost­lo­sig­keit aus. Es domi­nie­ren unsa­nier­te Gebäu­de, allen vor­an die drei­zehn­stö­cki­gen Wasch­be­ton­rie­gel, in denen einst die Aus­lands­spio­na­ge arbei­te­te. Auch Gei­sel sagt: »Ins­ge­samt ist die­ser Ort noch nicht das, was wir uns vor­stel­len als his­to­ri­schen Ort.«

»Rund 75 Pro­zent der Flä­chen ste­hen nach wie vor leer«, sagt Dan­ny Frey­mark zu »nd«. Der Ber­li­ner CDU-Abge­ord­ne­te hat vor gut sie­ben Jah­ren den För­der­kreis Cam­pus der Demo­kra­tie mit­ge­grün­det. Frey­mark sagt, er sei froh, dass es jetzt auch dank eines »gewis­sen Antriebs« durch SPD-Stadt­ent­wick­lungs­se­na­tor Gei­sel end­lich vor­an­ge­he. »Die Zusam­men­ar­beit mit dem Bezirk war immer gut, aber sie war auch von Res­sour­cen­man­gel geprägt. Und es gab eine gewis­se Ideen­lo­sig­keit«, so der CDU-Poli­ti­ker, der sei­nen Wahl­kreis im Lich­ten­ber­ger Orts­teil Neu-Hohen­schön­hau­sen hat.

Eines der Haupt­hin­der­nis­se auf dem Weg, das 70.000-Quadratmeter-Areal in die ver­spro­che­ne lich­te Zukunft zu füh­ren: Es gehört zu gro­ßen Tei­len einem pri­va­ten Inves­tor. Nach 1990 über­nahm die Bahn die meis­ten Gebäu­de und nutz­te sie als Büro­flä­che, 2011 ver­scher­bel­te der Kon­zern sie dann – laut Medi­en­be­rich­ten – für einen Euro an einen Ber­li­ner Abriss­un­ter­neh­mer. Wobei für Letz­te­ren als »Aus­gleichs­zah­lung« noch 550.000 Euro oben­drauf gepackt wur­den. Ein schrä­ger Deal, der den För­de­rern des »Cam­pus für Demo­kra­tie« zu schaf­fen macht.

»Es war nicht hilf­reich, dass die Deut­sche Bahn beim Aus­zug aus den Gebäu­den die Häu­ser pri­va­ti­siert hat. Seit­her lau­fen wir der Situa­ti­on hin­ter­her«, sagt Sena­tor Gei­sel. »Es kommt dar­auf an, die­sen Feh­ler jetzt auch wie­der zu kor­ri­gie­ren«, sagt Bür­ger­meis­ter Grunst. Der Inves­tor soll, so der CDU-Abge­ord­ne­te Frey­mark, einem Ver­kauf nicht gänz­lich abge­neigt sein.

Kein Wun­der, er dürf­te ein gutes Geschäft machen. Das Haus 22, einst Offi­ziers­ka­si­no, heu­te Besu­cher­zen­trum, hat­te er 2016 bereits an den Bund ver­kauft. Der kol­por­tier­te Kauf­preis: 1,5 Mil­lio­nen Euro. Wie viel Geld Bund und Land bereit sind, für den »Cam­pus für Demo­kra­tie« in die Hand zu neh­men, ist der­zeit völ­lig offen. Bis 2025 soll der Plan für die Ent­wick­lung des Are­als ste­hen, so SPD-Poli­ti­ke­rin Kat­rin Bud­de, die auch Vor­sit­zen­de des Kul­tur­aus­schus­ses im Bun­des­tag ist.

Teu­er wird es alle­mal. Allein das neue Infor­ma­ti­ons- und Leit­sys­tem hat nach Anga­ben des Bun­des­ar­chivs 438.000 Euro gekostet.

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