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  • Geflüchtete in Thüringen

Eine neue Heimstatt

In dem thüringischen Dorf Berkach kümmern sich Anwohner um die Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten

  • Von Sebastian Haak, Berkach
  • Lesedauer: 10 Min.
Anja Köhler sitzt an einem Tisch in der ehemaligen jüdischen Schule, die gerade zu einem Zufluchtsort für ukrainische Kriegsflüchtlinge umgebaut wird.
Anja Köhler sitzt an einem Tisch in der ehemaligen jüdischen Schule, die gerade zu einem Zufluchtsort für ukrainische Kriegsflüchtlinge umgebaut wird.

Obwohl Ramo­na Pirn­ak an dem Heft­pflas­ter an ihrem Fin­ger her­um­nes­telt und sich über den Riss in der Haut ärgert, erzählt sie. Fast unent­wegt. Davon, was sich hin­ter dem Putz ver­birgt, der erst vor ein paar Tagen in einem der klei­nen Zim­mer im ers­ten Stock an die Wand ange­bracht wur­de. »Flie­sen«, sagt die 46-Jäh­ri­ge und deu­tet auf die klei­ne Kan­te des nun nicht mehr sicht­ba­ren Flie­sen­spie­gels. Wenn man das Zim­mer zum ers­ten Mal betritt, nimmt man die­sen hand­werk­li­chen Makel kaum wahr. Der Riss an ihrem Fin­ger tut ihr weh. Pirn­ak hat ihn sich zuge­zo­gen, als sie einen Schrank auf­ge­baut hat, der bald in einem der Zim­mer des Hau­ses ste­hen soll. Das Pflas­ter dar­über lin­dert weder den Schmerz, noch sitzt es fest. Also reißt Pirn­ak es herunter.

Frei­lich, sagt sie, hät­te man die Flie­sen auch sicht­bar las­sen kön­nen. Die­je­ni­gen, die hier bald ein­zie­hen sol­len, wür­de das sicher nicht stö­ren. Sie wer­den aus einem Land kom­men, in dem Krieg herrscht. In dem Tag und Nacht Bom­ben fal­len. In dem jeden Tag Men­schen ster­ben und Häu­ser zer­stört wer­den. Wer das Grau­en des Krie­ges erlebt, dem wird es egal sein, ob der Flie­sen­spie­gel sicht­bar ist oder nicht. Hier, ganz im Süden Thü­rin­gens, nur ein paar Kilo­me­ter von der thü­rin­gisch-baye­ri­schen Gren­ze ent­fernt, ist es sicher. Das ist es, was vor allem zählt. »Aber es soll doch auch schön aus­se­hen, selbst wenn es schnell gehen muss«, sagt Pirnak.

Über­all in die­sem Haus haben sie nach die­ser Maxi­me gear­bei­tet: schnell sein, um rasch hel­fen zu kön­nen. Und es gleich­zei­tig mög­lichst schön, mög­lichst behag­lich, mög­lichst hei­misch machen. Im Flur sind die Wän­de des­halb mit ein­fa­chen Holz­plat­ten ver­klei­det, ohne Putz oder Tape­te dar­über. Der ange­neh­me Duft des Mate­ri­als hängt über­all ent­lang der Trep­pe, die vom Erd­ge­schoss nach oben führt. »Das hat doch auch was«, sagt Anja Köhler.

Die­ses Haus, in dem Pirn­ak und Köh­ler in den ver­gan­ge­nen Wochen nahe­zu täg­lich Stun­de um Stun­de ver­bracht haben, ist nicht irgend­ein Gebäu­de. In dem 350-See­len-Ort Ber­kach unweit von Mei­nin­gen wird es oft die Juden­schu­le genannt, auch wenn in ihm schon lan­ge kei­ne jüdi­schen Kin­der mehr unter­rich­tet wer­den. Trotz­dem ist das Gebäu­de Teil des jüdi­schen Ensem­bles von Ber­kach: ein in die­ser Form wohl ein­zig­ar­ti­ges Zeug­nis davon, wie Juden vor der NS-Herr­schaft in Deutsch­land abseits der Städ­te auf dem Land leb­ten und dort über vie­le Jahr­zehn­te hin­weg fes­ter, selbst­ver­ständ­li­cher Teil der Gesell­schaft waren. Direkt neben der jüdi­schen Schu­le in Ber­kach steht eine Syn­ago­ge. Auch eini­ge Wohn­häu­ser von eins­ti­gen jüdi­schen Ein­woh­nern Ber­kachs sind noch erhalten.

Seit mehr als vier Wochen wird nun an der Schu­le geschrubbt, geschraubt und gesägt. Alles in Eigen­re­gie ohne öffent­li­che Unter­stüt­zung, selbst die Bau­kos­ten wer­den pri­vat finan­ziert. Bil­der, die es vom März aus dem Inne­ren des Objekts gibt, las­sen erah­nen, was für ein Kraft­akt das für all jene ist, die dabei hel­fen, das Haus her­zu­rich­ten. Die Fotos zei­gen ein zuletzt leer ste­hen­des und ver­wahr­los­tes Gebäu­de. Die Küche ver­dreckt, der Putz an den Wän­den abbrö­ckelnd, Licht­schal­ter kaputt, Hei­zungs­roh­re teil­wei­se demontiert.

Etwa 20 Men­schen aus Ber­kach, sagen Pirn­ak und Köh­ler, hät­ten sich inzwi­schen der Idee ver­schrie­ben, aus die­ser ehe­ma­li­gen jüdi­schen Bil­dungs­stät­te einen Zufluchts­ort für ukrai­ni­sche Geflüch­te­te zu schaf­fen. Ent­stan­den ist die­se Idee auf einem »Mädels­abend«, erzählt Köh­ler, den die zwei Frau­en regel­mä­ßig don­ners­tags mit eini­gen ande­ren Damen im Ort abhal­ten. Unab­hän­gig von­ein­an­der hät­ten meh­re­re der Frau­en gesagt, noch nicht genug getan zu haben, um den­je­ni­gen zu hel­fen, die vor dem rus­si­schen Angriffs­krieg auf die Ukrai­ne flie­hen. »Man hat mal Geld gespen­det oder Kla­mot­ten«, meint die 42-Jäh­ri­ge. »Aber wir hat­ten das Gefühl, wir müss­ten noch mehr machen.«

Zunächst plan­ten sie des­halb, ukrai­ni­sche Kriegs­flücht­lin­ge im Kul­tur­haus des Dor­fes unter­zu­brin­gen. Das aber stieß bei den Gemein­de­ver­tre­tern nicht auf viel Zustim­mung. Nicht, weil sie nicht auch hel­fen woll­ten, son­dern weil das Kul­tur­haus als dau­er­haf­te Unter­kunft nicht geeig­net ist, dort feh­len näm­lich Toi­let­ten und Duschen. »Wir waren ganz schön genickt, als wir das gehört haben«, sagt Pirn­ak. Als das Vor­ha­ben stock­te, habe ihr Mann viel von dem Frust abbe­kom­men, erzählt Köhler.

Dann aber schlug Domi­nik Pie­de vor, die ehe­ma­li­ge jüdi­sche Schu­le für die Unter­brin­gung der Geflüch­te­ten zu nut­zen, erzäh­len Pirn­ak und Köh­ler. Der 42-Jäh­ri­ge wohnt gleich gegen­über der Schu­le und hat in den ver­gan­ge­nen Wochen eben­falls vie­le Stun­den im Haus ver­bracht, unter ande­rem, um Möbel zu tra­gen oder aufzubauen.

Nur Stun­den nach dem Vor­schlag von Pie­de tele­fo­nier­te Köh­ler mit Tomas Mei­er, dem Vor­stand des Ver­eins »Jüdi­sches Ensem­ble Ber­kach«, dem das Haus gehört. Ziel des Ver­eins ist es, die umfang­rei­chen Zeug­nis­se des jüdi­schen Lebens im Ort bekann­ter zu machen, an sie zu erin­nern und den Gebäu­den wie­der Leben ein­zu­hau­chen. Lan­ge ein­re­den muss­te Köh­ler nicht auf Mei­er, dann war auch er über­zeugt von der Idee, aus der Schu­le einen Zufluchts­ort für Men­schen aus der Ukrai­ne zu machen. Auch die jüdi­sche Geschich­te ist schließ­lich eine vol­ler Erfah­run­gen von Leid und Tod, Ver­trei­bung und Flucht. »Das i‑Tüpfelchen für uns wäre es natür­lich, wenn hier bald jüdi­sche Geflüch­te­te aus der Ukrai­ne ein­zie­hen wür­den«, sagt Mei­er. »Aber natür­lich sind auch alle ande­ren herz­lich will­kom­men.« Schließ­lich sei­en alle Men­schen gleich viel wert. Für min­des­tens andert­halb Jah­re stellt der Ver­ein das Haus als Flücht­lings­un­ter­kunft zur Verfügung.

Zwar ist der­zeit noch nicht klar, wann die ers­ten Kriegs­flücht­lin­ge in die eins­ti­ge jüdi­sche Schu­le ein­zie­hen. Viel­leicht wird das noch im Mai sein. Doch schon jetzt und unab­hän­gig von einem Bezug von Geflüch­te­ten ist die Sanie­rung des Gebäu­des zu einem Pro­jekt gewor­den, das vie­les bewegt hat im Ort. Durch die Bau­ar­bei­ten sind näm­lich die Men­schen in Ber­kach und der Regi­on näher zusam­men­rückt. Vie­le der Möbel und Gerät­schaf­ten, die schon im Haus ste­hen, sind durch Spen­den zusam­men­ge­kom­men. Wie etwa ein Fern­se­her, der in einem der bei­den gro­ßen Zim­mer im Ober­ge­schoss steht. Vor allem aber haben die enga­gier­ten Ber­ka­cher mit dem Schrau­ben, Boh­ren, Ste­cken und Put­zen ein neu­es Dorf­pro­jekt gefun­den. Die Arbeit hat zusam­men­ge­schweißt. »Das hat der Gemein­schaft wirk­lich gut­ge­tan«, sagt Köh­ler. »Nach zwei Jah­ren Coro­na-Epi­de­mie war es mal wie­der Zeit«, meint Pirn­ak. Vie­le, die sich auch sonst im Ort zum Bei­spiel in den dor­ti­gen Ver­ei­nen ein­brin­gen, sind des­halb nun wie­der mit dabei.

Die Bau­ar­bei­ten sei­en auch für den Ver­ein, der das jüdi­sche Erbe im Ort bewah­ren möch­te, zu einer Brü­cke gewor­den, sagt Tomas Mei­er. Es gebe jetzt enge­re Ver­bin­dun­gen zwi­schen dem Dorf und dem Ver­ein. Tat­säch­lich näm­lich, sagt Mei­er, habe es in der Ver­gan­gen­heit nur wenig Kon­takt zwi­schen dem Ver­ein und den Ein­woh­nern Ber­kachs gege­ben. Die Ver­eins­mit­glie­der lie­ben zwar das jüdi­sche Ensem­ble, aber sie leben teil­wei­se vie­le Kilo­me­ter von Ber­kach ent­fernt. Mei­er in Tonn­dorf in der Nähe von Erfurt. Ande­re Ver­eins­mit­glie­der sind in Wei­mar zu Hau­se, in Mei­nin­gen oder in Frank­furt am Main. Nun aber, sagt Mei­er, »ver­bin­det uns die Hil­fe für ukrai­ni­sche Flücht­lin­ge«. Er hofft, dass das geschaf­fe­ne Band zwi­schen dem Dorf und dem Ver­ein anhält – und dass die Ber­ka­cher das jüdi­sche Erbe ihres Dor­fes noch ein­mal neu und viel­leicht auch anders ent­de­cken. Die Chan­cen schei­nen nicht schlecht zu sein. Köh­ler jeden­falls will bald Mit­glied des Ver­eins werden.

Zur Wahr­heit gehört aller­dings auch, dass die Idee, ukrai­ni­sche Geflüch­te­te in der ehe­ma­li­gen jüdi­schen Schu­le auf­zu­neh­men, nicht bei allen Ber­ka­chern auf unge­teil­te Zustim­mung stößt. Die Auf­nah­me von Migran­ten ist wohl nir­gend­wo gänz­lich unum­strit­ten, gera­de im Osten Deutsch­lands nicht, wo die AfD viel Zuspruch erfährt. Nicht ein­mal jetzt, da es vor allem Frau­en und Kin­der sind, die vor Tod und Zer­stö­rung, vor Leid und Gefahr Schutz suchen.

Doch jene, die gera­de die Schu­le reno­vie­ren, wol­len sich von den ableh­nen­den Stim­men im Dorf nicht beir­ren las­sen. Schon allei­ne des­halb nicht, weil sie sich von Anfang an ganz genau über­legt haben, wie die Geflüch­te­ten zum Ein­kau­fen kom­men sol­len. Weil sie bereits mit einer nahen Schu­le Kon­takt auf­ge­nom­men haben, um für die ukrai­ni­schen Kin­der nach Plät­zen zu fra­gen. Weil sie für Not­fall­kar­ten mit wich­ti­gen Tele­fon­num­mern vor­be­rei­tet haben. Alles haben sie durch­dacht. Und von dem Gegen­wind im Dorf las­sen sie sich nicht abhal­ten. »Es gibt über­all ein paar Böse«, sagt Pie­de. »Aber das sind Leu­te, die sowie gegen alles sind.« Pirn­ak schiebt nach: »Und wir sind mehr.«

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