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Medien im Kriegszustand

Es fehlt im Ukraine-Konflikt an kritischer Berichterstattung

Hassliebe: Medien im Kriegszustand

»Lie­be deut­sche Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, herz­li­chen Dank für Ihre uner­müd­li­che Arbeit! Nur mit Ihrer Hil­fe & Unter­stüt­zung kann die Ukrai­ne die­sen Krieg gewin­nen«, twit­ter­te der ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in Deutsch­land Andrej Mel­nyk kürz­lich. Dabei han­delt es sich um ein ver­gif­te­tes Lob von einem Bot­schaf­ter, der per­sön­lich einen Kranz auf dem Grab des ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten­füh­rers und Anti­se­mi­ten Ste­pan Ban­de­ra in Mün­chen nie­der­leg­te. Mel­nyk hält aller­dings auch zu zeit­ge­nös­si­schen Rech­ten wenig Distanz. So hat er in den ver­gan­ge­nen Mona­ten die Asow-Bri­ga­den, die man als eine ukrai­ni­sche Vari­an­te der Nazi-Kame­rad­schaf­ten bezeich­nen kann, immer wie­der gegen Kri­tik verteidigt.

Am 19. März schrieb Mel­nyk nach einem kri­ti­schen Fern­seh­bei­trag: »Leu­te, lie­be @tagesschau, las­sen Sie doch end­lich das Asow-Regi­ment in Ruhe. Bit­te. Wie lan­ge wol­len Sie die­ses rus­si­sche Fake-Nar­ra­tiv – jetzt mit­ten im rus­si­schen Ver­nich­tungs­krieg gegen Zivi­lis­ten, gegen Frau­en und Kin­der in Mariu­pol – bedie­nen?« Dabei ist die ultra­rech­te Posi­tio­nie­rung von Asow und dem Rech­ten Sek­tor vom »Anti­fa­schis­ti­schen Info­blatt« gut doku­men­tiert. Mel­nyk befin­det sich mit sei­ner Ver­tei­di­gung die­ser rech­ten Grup­pie­run­gen in Über­ein­stim­mung mit der Kie­wer Regie­rung. Ende April wur­de der Chef der ukrai­ni­schen Prä­si­di­al­ad­mi­nis­tra­ti­on Olek­si Ares­to­witsch mit der Dro­hung zitiert: »Die Jungs von ›Asow‹ wer­den dort raus­kom­men und sie ver­bren­nen.« Mit »sie« sind hier die rus­si­schen Sol­da­ten gemeint. Ares­to­witschs Dro­hung erfolg­te nach der Ankün­di­gung des rus­si­schen Prä­si­den­ten, das bela­ger­te Stahl­werk am Ran­de von Mariu­pol nicht zu stürmen.

Die Äuße­rung des ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten­be­ra­ters, die immer­hin die Andro­hung eines Kriegs­ver­bre­chens ist, wur­de von vie­len Medi­en in Deutsch­land kom­men­tar­los zitiert. Eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung damit erfolg­te nicht. Dies ist nicht ver­wun­der­lich, denn die Medi­en in Deutsch­land von links bis weit rechts gerie­ren sich im Ukrai­ne-Kon­flikt als ein­ge­bet­te­te Journalist*innen, die zur ukrai­ni­schen Poli­tik kaum ein kri­ti­sches Wort ver­lie­ren. Phil­ipp Krei­sel vom Blog »Volks­ver­pet­zer« ist zuzu­stim­men, wenn er schreibt: »Wer Frie­den will, bekämpft Falsch­mel­dun­gen«. Die­ser Grund­satz gilt aller­dings, man kann es gar nicht oft genug beto­nen, für alle Sei­ten im Krieg.

Doch lei­der wird bei vie­len Berich­ten, die in den ver­gan­ge­nen Wochen von den ein­ge­bet­te­ten Journalist*innen mit und ohne ukrai­ni­schen Pass in deut­schen Medi­en ver­öf­fent­licht wer­den, sel­ten kri­ti­sche Fra­gen gestellt. Nur ein Bei­spiel: Da schreibt eine Poli­na Fedo­ren­ko in der »Taz« über ihren Kriegs­all­tag in der Ukrai­ne. Dabei erfah­ren wir bei­läu­fig von einer spe­zi­el­len Metho­de ukrai­ni­scher Mili­tärs, ver­meint­li­che Sabo­teu­re auf­zu­spü­ren. Die­se wer­den auf­ge­for­dert, ein im Ukrai­ni­schen schwer aus­zu­spre­chen­des Wort vor­zu­tra­gen. Wer sind die ver­meint­li­chen Sabo­teu­re und was mach­te sie ver­däch­tig? Wel­che Zwangs­mit­tel wer­den ange­wen­det, damit die­se Men­schen die­se Begrif­fe aus­spre­chen? Was geschieht mit ihnen, wenn sie die­se Begrif­fe in den Augen der Mili­tärs falsch aus­spre­chen? Ist es mög­lich, Men­schen, die die­sen sehr spe­zi­el­len Sprach­test aus­ge­setzt waren, zu kon­tak­tie­ren, damit man erfah­ren kann, wie sie die Pro­ze­dur über­stan­den haben?

Es wäre eine wich­ti­ge Auf­ga­be von Journalist*innen, sol­che Fra­gen spe­zi­ell in Kriegs­zei­ten auf bei­den Sei­ten zu stel­len. Dafür wür­den sie sicher kein Lob von Andrej Mel­nyk bekom­men, dafür aber von vie­len Men­schen, die eine kri­ti­sche Öffent­lich­keit noch zu schät­zen wis­sen.

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