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Wie lange noch?

Über das mediale Gebaren des Andrij Melnyk

  • Von Gerhard Schweppenhäuser
  • Lesedauer: 5 Min.
Andrij Melnyk liefert unentwegt Steilvorlagen, die mit Putins Rechtfertigungsnarrativ sympathisieren.
Andrij Melnyk liefert unentwegt Steilvorlagen, die mit Putins Rechtfertigungsnarrativ sympathisieren.

Wenn man sich ansieht, was der ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in der BRD seit Ende Febru­ar tag­aus, tag­ein zum Bes­ten gibt – in Social Media, Radio und Fern­se­hen, wo er prä­sent ist wie Karl Lau­ter­bach in sei­nen bes­ten Zei­ten –, dann könn­te man sich manch­mal fra­gen, ob an Putins Vor­wand zur Recht­fer­ti­gung eines nicht zu recht­fer­ti­gen­den Angriffs­kriegs (Ach­tung: Trig­ger­war­nung!) womög­lich doch etwas dran ist. Tobi­as Schul­ze hat es ver­gan­ge­ne Woche in der »Taz« vor­sich­tig so aus­ge­drückt: Mel­nyk stüt­ze »die Argu­men­ta­ti­on sei­ner Kon­tra­hen­ten zuwei­len eher, als dass er sie widerlegt«.

Bekannt­lich ist Andrij Mel­nyk ein beken­nen­der Ver­eh­rer des ukrai­ni­schen NS-Kol­la­bo­ra­teurs Ban­de­ra. Und er ver­ehrt die­sen Kriegs­ver­bre­cher aus dem Zwei­ten Welt­krieg nicht erst, seit Putin die Ukrai­ne über­fal­len hat. Lan­ge vor­her pos­te­te er Fotos, auf denen er stolz am Grab sei­nes Hel­den Ban­de­ra posiert. Mel­nyk hat auch die faschis­to­ide Asow-Miliz gefei­ert, als die­se noch eine zwar gedul­de­te, aber als zwie­lich­tig gel­ten­de Split­ter­grup­pe in der Ukrai­ne war. Und nun lässt er kei­ne Gele­gen­heit aus, deut­sche Politiker*innen, die im wei­tes­ten Sin­ne links von Fried­rich Merz ste­hen, aufs Unflä­tigs­te zu beschimp­fen. Die Social Media ste­hen ihm sowie­so frei, aber es ver­geht wie gesagt kein Tag, an dem er dafür kei­ne Büh­ne im öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk bekäme.

Kürz­lich durf­te Mel­nyk zur bes­ten Fern­seh­sen­de­zeit den Sozi­al­psy­cho­lo­gen Harald Wel­zer atta­ckie­ren. Wel­zer sol­le gefäl­ligst den Mund hal­ten in sei­nem Pro­fes­so­ren­zim­mer, er sei schließ­lich Deut­scher, Ange­hö­ri­ger des Vol­kes also, das sei­ner­zeit die Ukrai­ne ange­grif­fen habe. Wel­zer mach­te höf­lich klar, dass nie­mand, der sei­ne his­to­risch-kri­ti­sche For­schungs­ar­beit ken­ne, so etwas gegen ihn vor­brin­gen wür­de. Er beließ es bei der mode­ra­ten For­mu­lie­rung, dass Mel­nyk »bor­niert« sei. Nun, das hät­te man auch anders aus­drü­cken kön­nen, wenn man von einem völ­lig außer Rand und Band gera­te­nen Diplo­ma­ten als »mora­lisch ver­wahr­lost« beschimpft wird.

Wel­zer hat mit Bedacht ande­re Wor­te gewählt als Fried­rich Stra­et­manns, jener Staats­se­kre­tär im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, der unlängst sei­nem Unmut über Mel­nyks Stil im Umgang mit Anders­den­ken­den Luft gemacht hat. Stra­et­manns ent­schul­dig­te sich wenig spä­ter für sei­ne Wort­wahl; mit der hat­te er frei­lich vie­len Men­schen aus dem Her­zen gesprochen.

Das Pro­blem ist aber nicht, dass Mel­nyk (wie vie­le Rech­te) ein Intel­lek­tu­el­len­feind ist; auch nicht, dass er per­ma­nent die Gren­zen des Anstands ver­letzt. Dazu könn­te man, ange­sichts der furcht­ba­ren Lage sei­nes Lan­des, sagen: geschenkt. Nein, das Pro­blem ist, dass er all denen eine Steil­vor­la­ge nach der ande­ren gibt, die mit dem Recht­fer­ti­gungs­nar­ra­tiv von Putins Feld­zug sym­pa­thi­sie­ren. Und die nicht erken­nen, dass hier am Ende eine Art irrer Geschichts­dia­lek­tik im Spiel ist: Vor Putins Über­fall war die Asow-Miliz mar­gi­nal, danach stieg sie zum Batail­lon auf, das von höchs­ter Stel­le sank­tio­niert ist. Vor Putins Über­fall war der ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in Deutsch­land eine zwie­lich­ti­ge Figur am rech­ten Rand, nur lin­ke Grup­pen hat­ten ihn auf dem Radar. Seit­her ist er zur Mei­nungs­macht auf­ge­stie­gen, die sich, ohne jedes Maß, her­aus­nimmt, was ande­re nicht wagen würden.

Fazit: Die auto­ri­tär-impe­ria­lis­ti­sche Kriegs­ge­walt, die faden­schei­nig damit gerecht­fer­tigt wird, dass faschis­ti­sche Ten­den­zen bekämpft wer­den sol­len, för­dert genau die­se nach Kräf­ten. Dabei soll­te der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk hier­zu­lan­de nicht län­ger mit­spie­len. Das Maß ist voll. Ladet ihn aus! Bedenkt, dass man durch­aus auch mal über eine Äuße­rung von irgend­je­mand zur Lage in der Ukrai­ne berich­ten kann, ohne sogleich Andrij Mel­nyks Kom­men­tar dazu zu zitie­ren! Kriegs­ent­schei­dend wird das nicht sein, aber es wird zur Zivi­li­sie­rung der Debat­ten­kul­tur beitragen.

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