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»Die Bewegung ist nicht radikal genug«

Lili Kramer vom »What the Fuck«-Bündnis über die bisherigen und notwendigen Forderungen der Pro-Choice-Bewegung

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 5 Min.
Beim jährlichen
Beim jährlichen "Marsch für das Leben" demonstrieren christliche Fundamentalist*innen gegen Abtreibung - begleitet von massivem Gegenprotest.

Bald soll der Para­graf 219a abge­schafft wer­den, der das »Wer­ben« für Schwan­ger­schafts­ab­brü­che ver­bie­tet. Ist das ein Erfolg der deut­schen Pro-Choice-Bewegung?

Die deut­sche Pro-Choice-Bewe­gung gibt es so nicht, son­dern das ist ein Sam­mel­be­griff für unter­schied­li­che Bestre­bun­gen. Es gab in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine star­ke Fokus­sie­rung auf die Abschaf­fung des Para­gra­fen 219a. Da gibt es nun Erfol­ge, das will ich gar nicht in Abre­de stel­len. Sum­ma sum­ma­rum wür­de ich aber sagen, die Bewe­gung ist nicht radi­kal genug. Also, war­um gehen wir nicht an die Wur­zel, an den Para­gra­fen 218 und dar­an, dass der Schwan­ger­schafts­ab­bruch immer noch im Straf­ge­setz­buch steht?

Gleich­zei­tig gelingt es der Pro-Choice-Bewe­gung in Deutsch­land nicht, die Kri­tik von Schwar­zen Femi­nis­tin­nen und Femi­nis­tin­nen of Color auf­zu­neh­men. Etwa, dass der Fokus auf Abtrei­bung nicht unbe­dingt etwas mit den Lebens­rea­li­tä­ten aller Men­schen, die schwan­ger wer­den kön­nen, zu tun hat. Dass es nicht nur um das Recht gehen soll­te, sich zu ent­schei­den, kei­ne Kin­der zu haben, son­dern auch um das Recht, ent­schei­den zu kön­nen, Kin­der zu bekom­men. Die Bedin­gun­gen, unter denen Men­schen Schwan­ger­schaf­ten aus­tra­gen und Kin­der groß­zie­hen, sind geprägt von sozia­ler Ungleich­heit sowie ras­sis­ti­schen und neo­ko­lo­nia­len Struk­tu­ren. Auch die Ver­net­zung mit Behindertenrechts-Aktivisten*innen gelingt kaum.

Was sind deren Anliegen?

In die­sem Jahr wird der soge­nann­te nicht-inva­si­ve Prä­na­tal­test (NIPT) zur Kas­sen­leis­tung, mit dem gene­ti­sche Ver­än­de­run­gen wie Tri­so­mie 13, 18 und 21 unter­sucht wer­den. Behindertenrechtsaktivist*innen kri­ti­sie­ren das stark, haben aber weder medi­al noch in der Bewe­gung wirk­lich Gehör gefun­den. Dabei ist es doch krass, dass ein Test, der kei­nen medi­zi­ni­schen Nut­zen hat, bei dem es im Grun­de um Selek­ti­on geht, von der Kran­ken­kas­se über­nom­men wird – Schwan­ger­schafts­ab­brü­che hin­ge­gen sind kei­ne Kas­sen­leis­tung, son­dern immer noch ille­gal. Das ist ein­fach ein unglaub­li­ches Missverhältnis.

Es geht der Pro-Choice-Bewe­gung nicht nur um ein Recht auf Abtrei­bung, son­dern auch um die Ent­stig­ma­ti­sie­rung. Dabei hel­fen Berich­te Betrof­fe­ner, die zei­gen, wie schwer, aber ver­nünf­tig die Ent­schei­dung ange­sichts der Umstän­de sein kann. Aber was, wenn die Ent­schei­dung nicht schwer war? Schafft es die Bewe­gung, auch das als legi­tim darzustellen?

Wir sehen gera­de jetzt, wo die Debat­te durch den dro­hen­den Fall des Roe v. Wade-Urteils in den USA auf­ge­flammt ist, vie­le Geschich­ten, die ver­deut­li­chen, war­um ein Recht auf Abtrei­bung wich­tig ist oder war­um es auch eine exis­ten­zi­el­le Ent­schei­dung sein kann. Das stimmt für vie­le Men­schen, gleich­zei­tig tut es der Debat­te nicht gut, kei­ne Geschich­ten dane­ben exis­tie­ren zu las­sen: »Ich möch­te gera­de ein­fach nicht schwan­ger sein«, »Ich hät­te ein Kind finan­zie­ren kön­nen, aber es ist mein Leben und ich woll­te es nicht« oder »Ich bin nicht trau­ma­ti­siert von mei­ner Ent­schei­dung und auch der Abbruch war nicht trau­ma­ti­sie­rend.« Man muss auch Ängs­te vor Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen neh­men und Mythen auf­bre­chen. Die gibt es gera­de in Län­dern, wo die Tabui­sie­rung noch grö­ßer und die Kri­mi­na­li­sie­rung noch stär­ker ist. Aber auch in Deutsch­land hat­ten wir in der letz­ten Legis­la­tur­pe­ri­ode mit Jens Spahn einen Gesund­heits­mi­nis­ter, der eine Stu­die über die angeb­lich schlim­men psy­chi­schen Fol­gen von Abbrü­chen ange­strengt hat.

Muss die Pro-Choice-Bewe­gung an den mora­li­schen Sta­tus von Abtrei­bun­gen ran?

Auf jeden Fall. Letz­ten Endes ist ein Schwan­ger­schafts­ab­bruch eine gesund­heit­li­che Ent­schei­dung, die den eige­nen Kör­per betrifft, und genau als das soll­ten wir es auch beschrei­ben. Es reicht nicht, nur zu argu­men­tie­ren, dass es bestimm­te Situa­tio­nen gibt, die einen Abbruch erfor­dern. Es muss klar sein: Das ist mein Kör­per, mei­ne Entscheidung.

Wo steht die Bewe­gung der­zeit und wo muss sie hin?

Gera­de geht es wie gesagt um den Para­gra­fen 219a, manch­mal noch um die Abschaf­fung des Para­gra­fen 218. Es ist ganz wich­tig, dass der auch abge­schafft wird, denn ob Abbrü­che im Straf­ge­setz­buch ste­hen, hat Aus­wir­kun­gen auf die Ver­sor­gungs­la­ge und auf die Aus­bil­dung von Mediziner*innen. Aber die Bewe­gung braucht auch For­de­run­gen, die dar­über hin­aus­ge­hen: eine neu gere­gel­te Ver­sor­gung beim Zugang zu Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen, damit der für alle mög­lich ist, und die Über­nah­me der Kos­ten von den Kran­ken­kas­sen. Inso­fern muss sich die deut­sche Pro-Choice-Bewe­gung radikalisieren.

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