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Dynamisch in jede Richtung

Reproduktive Rechte sind umkämpft und umstritten

  • Von Kirsten Achtelik
  • Lesedauer: 6 Min.
Demonstrantinnen protestieren vor dem Obersten Gerichtshof der USA in Washington für das Recht auf Abtreibung.
Demonstrantinnen protestieren vor dem Obersten Gerichtshof der USA in Washington für das Recht auf Abtreibung.

Ungleich­zei­tig und dyna­misch – so lässt sich der Kampf um repro­duk­ti­ve Rech­te welt­weit tref­fend beschrei­ben, wenn man kei­ne Schimpf­wor­te benut­zen darf. In den USA droht mit dem sehr wahr­schein­lich gewor­de­nen Fall von Roe v. Wade ein Rück­fall in die sech­zi­ger Jah­re, inklu­si­ve Angst vor Ver­blu­ten – weil unge­wollt Schwan­ge­re, die selbst abge­trie­ben haben, sich nicht zu eine*r Ärzt*in trau­en –, Gefäng­nis für Fehl­ge­bur­ten und unge­woll­te Kin­der, weil man nicht die Res­sour­cen hat­te, sie zu verhindern.

Alle Rechte zur Disposition

Schlimm genug, ste­hen in den USA in vie­len Bun­des­staa­ten nicht nur repro­duk­ti­ve Rech­te vor dem Aus: gleich­ge­schlecht­li­che Ehen, homo­se­xu­el­ler Sex an sich, ja sogar säku­lä­re und staat­li­che Bil­dung sind gefähr­det. Auf der Abschuss­lis­te der selbst ernann­ten Got­tes­krie­ger der christ­li­chen Rech­ten steht alles, was nicht in der Bibel als gott­ge­fäl­lig beschrie­ben steht. Da reicht es dann auch nicht mehr, hun­der­te Kilo­me­ter zu fah­ren, was bei einer Abtrei­bung immer­hin oft noch eine Opti­on ist. Kein Wun­der, dass der Pro­test groß ist, aber auch die Wut auf die Demo­kra­ti­sche Par­tei, die trotz ihrer Mehr­heit in bei­den Kam­mern vor allem dazu auf­ruft, zu spen­den und sie bei den nächs­ten Wah­len zu wählen.

In Deutsch­land geht es dem­nächst wohl einen Mini­schritt nach vor­ne: Die Ampel-Koali­ti­on ist sich einig, dass sie das Wer­be­ver­bot für Abtrei­bun­gen abschaf­fen will. Pro-Choice-Femi­nis­tin­nen fei­ern das anläss­lich der ers­ten Lesung für die Strei­chung des Para­gra­phen 219a im Bun­des­tag am Frei­tag als Erfolg für die Infor­ma­ti­ons­frei­heit von Frau­en und Ärzt*innen. Ob dies an der rea­len Situa­ti­on unge­wollt schwan­ge­rer Per­so­nen viel ändern wird, darf aller­dings bezwei­felt wer­den. Immer­hin beton­te die neue Frau­en­mi­nis­te­rin Lisa Paus (Grü­ne) in ihrer Rede, selbst­ver­ständ­lich sol­le nie­mand anders als die schwan­ge­re Per­son über die Wei­ter­füh­rung oder den Abbruch der­sel­ben ent­schei­den. Schwan­ger­schafts­ab­bruch gehö­re nicht ins Straf­ge­setz­buch, um eine ande­re Lösung zu fin­den, sol­le dem­nächst eine Kom­mis­si­on ein­ge­setzt werden.

Das klingt eigent­lich gut, es gibt aber berech­tig­ten Grund zum Miss­trau­en: »Die­se Kom­mis­si­on zur repro­duk­ti­ven Selbst­be­stim­mung und Fort­pflan­zungs­me­di­zin« ist schon im Koali­ti­ons­ver­trag fest­ge­legt wor­den. Beschäf­ti­gen soll sie sich nicht nur mit mög­li­chen Regu­lie­run­gen für den Schwan­ger­schafts­ab­bruch außer­halb des Straf­ge­setz­bu­ches, son­dern auch mit »Mög­lich­kei­ten zur Lega­li­sie­rung der Eizell­spen­de und der altru­is­ti­schen Leih­mut­ter­schaft«. Pro-Choice Feminist*innen, deren Fokus dar­auf liegt, dass Frau­en mit ihrem Kör­per machen kön­nen, was sie wol­len, wer­den das begrü­ßen. Inter­sek­tio­na­le und mate­ria­lis­ti­sche Ferminist*innen, die gegen kom­ple­xe Unter­drü­ckungs­me­cha­nis­men kämp­fen, kann das nur beunruhigen.

Eine Frei­ga­be die­ser Repro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gien hät­te viel mit dem uner­füll­ten Kin­der­wunsch gut situ­ier­ter, älte­rer Paa­re, aber wenig mit der Selbst­be­stim­mung über den eige­nen Kör­per zu tun. Die Frau, die den drin­gen­den Wunsch ver­spürt, ihre Eizel­len ande­ren zur Ver­fü­gung zu stel­len oder ein Kind für ande­re aus­zu­tra­gen, gibt es wohl vor allem in der Fan­ta­sie von FDPler*innen. Ohne zu bestrei­ten, dass ein uner­füll­ter Kin­der­wunsch eine schmerz­vol­le Erfah­rung ist, soll­te er nicht wie eine Dis­kri­mi­nie­rungs- oder Unter­drü­ckungs­er­fah­rung behan­delt wer­den, die eine mit Zwang aus­ge­tra­ge­ne Schwan­ger­schaft ohne Zwei­fel ist.

Ambivalente Linksliberale

Das spa­ni­sche Bei­spiel zeigt, wie man es bes­ser machen kann, wenn einer links­li­be­ra­len Regie­rung umfas­sen­de repro­duk­ti­ve Rech­te wich­tig sind: Repro­duk­ti­ve Gesund­heit soll dort dem­nächst auch das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch für Min­der­jäh­ri­ge umfas­sen und Kran­ken­ta­ge bei Menstruationsschmerzen.

Ande­rer­seits ist in Spa­ni­en die Eizell­ab­ga­be schon lan­ge sehr weit­ge­hend libe­ra­li­siert. Ein Regis­ter, das sicher­stel­len soll, dass jun­ge Frau­en nicht unbe­grenzt ihre Eizel­len »spen­den«, ist seit Jah­ren beschlos­sen, wird aber nicht ein­ge­führt. Stu­den­tin­nen finan­zie­ren damit ihr Stu­di­um, in der Kri­se wur­de es genutzt, um die Hypo­the­ken abbe­zah­len zu kön­nen. Das Land ist zu einem der Repro­tou­ris­mus-Hot­spots in Euro­pa gewor­den, aus der gro­ßen und akti­ven femi­nis­ti­schen Bewe­gung ist sehr wenig Kri­tik dar­an zu hören.

Repro­duk­ti­ve Rech­te sind weder leicht zu erkämp­fen, noch gibt es unter Feminist*innen Einig­keit über ihren jewei­li­gen Stel­len­wert. Es gibt noch viel zu demons­trie­ren und zu diskutieren.

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