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  • VfB Stuttgart in der Bundesliga

Kollektiv-Ekstase im Schwäbischen

Der VfB Stuttgart schafft in letzter Sekunde den direkten Klassenerhalt und liefert die emotionalsten Bilder des letzten Spieltags

  • Von Christoph Ruf, Stuttgart
  • Lesedauer: 3 Min.
Emotionaler gehts kaum: Stuttgarts Kapitän Wataru Eendo rettet den VfB in letzter Sekunde.
Emotionaler gehts kaum: Stuttgarts Kapitän Wataru Eendo rettet den VfB in letzter Sekunde.

Natürlich kokettierten die Herren noch ein wenig mit ihrem Alter und ihrem Gewicht, als sie schweißgebadet und mit biergetränkten Kleidern vor die Mikrofone gingen. Sowohl VfB-Sportdirektor Sven Mislintat als auch Trainer Pellegrino Matarazzo hatten unmittelbar nach dem erlösenden 2:1 durch Wataru Endo (90. + 2.) beeindruckende Spurts Richtung Eckfahne hingelegt. Dort, unmittelbar vor der Cannstatter Kurve, feierten sie zusammen mit Spielern und Maskottchen »Fritzle« in einem wilden Knäuel den Klassenerhalt.

Kurz darauf war Schluss und Zigtausende Fans stürmten den Rasen, den sie erst eine Stunde später verließen – viele von ihnen mit Original-Rasenstücken oder Fragmenten der beiden Tore, von denen eines komplett demontiert worden war. »Der kleine Dicke ist noch einigermaßen fit im Sprint«, freute sich der ganz in Schwarz gekleidete Mislintat, während »Rino« Matarazzo schon um 18.30 Uhr erste Ausfallerscheinungen zu Protokoll gab: »Ich habe einen Schädel nach all dem Geschrei und dem Jubel. Das war Ekstase, ein toller Moment. So etwas vergisst man nie.« Keine Frage: Die wohl emotionalsten Sinneseindrücke dieses 34. Spieltages lieferte der Standort Stuttgart-Bad Cannstatt, wo der VfB nach allen Regeln der Kunst die Tatsache feierte, dass er doch noch Relegationsrang 16 mit Hertha BSC getauscht und so den direkten Klassenerhalt geschafft hatte.

Dabei hatte es noch kurz vor der Kollektiv-Ekstase im Schwäbischen so ausgesehen, als würden die 5000 Kölner Fans mit ihren Hohngesängen auf die vermeintliche Stuttgarter Zweitliga-Zukunft recht behalten. Denn während 450 Kilometer nordwestlich der BVB das Spiel gegen Berlin bereits gedreht hatte, sah es lange Zeit nicht mehr so aus, als könne der völlig entkräftete VfB nach dem Tor von Saša Kalajdžić (13.) und dem Ausgleich durch Anthony Modeste (59.) noch zum Siegtreffer kommen. Doch dann bekam der VfB in der Nachspielzeit doch noch einen Eckball zugesprochen. Den von Chris Führich getretenen Ball verlängerte Hiroki Ito auf den zweiten Pfosten, wo Endo freistand. Was folgte, war ein bebendes Stadion und ein akustisches Inferno, das Ohrenzeugen zufolge noch in vielen Kilometern Entfernung zu hören war. Der Torschütze übertrieb jedenfalls nur geringfügig, als er meinte, ein »explodierendes Stadion« erlebt zu haben.

Längst vergessen war zu diesem Zeitpunkt, dass der VfB das Spiel lange vorher hätte für sich entscheiden können, wenn er nicht – wie schon so oft in dieser Saison – so nachlässig mit seinen Chancen umgegangen wäre. Tiago Tomas (9.), Konstantinos Mavropanos (17.), Endo (32./35.) und Kalajdžić (21./53.) vergaben jedoch mal wieder beste Chancen, während VfB-Torwart Florian Müller beim Gegentreffer schwer patzte. Das Spiel, dieser Eindruck drängte sich auf, hätte durchaus auch mit einer Stuttgarter Niederlage enden können, wenn der FC in der ersten Halbzeit nicht so gespielt hätte, wie man vielleicht eben spielt, wenn auf der Anzeigentafel eine klare 2:0‑Führung des größten Konkurrenten um Platz sechs, Union Berlin, aufleuchtet.

Mislintat jedenfalls lobte »Gruppendynamik, Spirit und Zusammenhalt«. Auch als man noch vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz gehabt habe, habe man »nicht mit dem Finger auf andere gezeigt«. Trainerteam und Mannschaft hätten stattdessen »Zusammenhalt bewiesen« und seien »bei sich geblieben«. Bevor er dann eine »intensive Party« ankündigte, die dem Vernehmen nach tatsächlich bis weit in den Sonntag hineinreichte, bedankte sich Mislintat dann noch bei seinem einstigen Arbeitgeber Borussia Dortmund und dessen scheidendem Sportdirektor Michael Zorc für den Sieg gegen die Hertha. Er werde »Michael ein paar Maultaschen nach Dortmund schicken«, ließ er wissen. »Mal gucken, ob er die mag.«

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