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Mit hartem Schliff im Abstiegskampf der Bundesliga

Alte Schule, neuer Schwung: Unter Felix Magath ist Hertha BSC auf dem Weg zum »Maximalziel«

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 7 Min.
Eine gute Entscheidung von Hertha BSC: Felix Magath
Eine gute Entscheidung von Hertha BSC: Felix Magath

Zwei Mona­te ist es her, als Her­tha BSC eine rich­ti­ge Ent­schei­dung getrof­fen hat. Das ist erwäh­nens­wert, weil bei dem Ber­li­ner Bun­des­li­gis­ten, gemes­sen an den eige­nen Zie­len und der tat­säch­li­chen Ent­wick­lung, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel falsch gelau­fen sein muss. Die dama­li­ge Ver­pflich­tung von Felix Magath als neu­em Chef­trai­ner wur­de weit­hin als wei­te­rer Fehl­griff des Ver­eins gedeu­tet. Doch nun, am letz­ten Spiel­tag, ist das »Maxi­mal­ziel«, wie Magath den direk­ten Klas­sen­er­halt nennt, mög­lich. Dafür wür­de an die­sem Sonn­abend schon ein Punkt bei Borus­sia Dort­mund rei­chen. Und soll­te der VfB Stutt­gart gegen den 1. FC Köln nicht gewin­nen, ist den Ber­li­nern der ret­ten­de Platz 15 in jedem Fall sicher.

Die Skep­sis, die Magath Mit­te März hier­zu­lan­de ent­ge­gen­schlug, wur­de nach­voll­zieh­bar begrün­det. Schließ­lich hat­te der 68-Jäh­ri­ge zuletzt vor zehn Jah­ren ein Bun­des­li­ga­team betreut und danach in Eng­land und Chi­na mit über­schau­ba­rem Erfolg gear­bei­tet. Die letz­ten fünf Jah­re stand er gar nicht mehr auf einem Trai­nings­platz. Ande­rer­seits stell­te ihn sein Ruf als »Schlei­fer« ins Abseits des moder­nen Fuß­balls. Und es dau­er­te tat­säch­lich nicht lan­ge, als mit Fre­drik Björ­kan der ers­te Her­tha-Spie­ler eine Trai­nings­ein­heit erschöpft abbre­chen muss­te. Ob die in der Fol­ge stets lan­ge Ver­letz­ten­lis­te auch dar­auf zurück­zu­füh­ren ist, bleibt zweit­ran­gig – der Erfolg hei­ligt die Mittel.

Nomen est Omen: Das, was man von »Quä­lix« Magath bekommt, weiß man vor­her. Genau das woll­te der Ver­ein. Her­thas Sport­chef Fre­di Bobic sprach bei der Vor­stel­lung des neu­en Trai­ners lobend von des­sen »har­ter Hand«. Am 19. März trau­ten dann aber doch die wenigs­ten ihren Augen. Im ers­ten Spiel nach dem Trai­ner­wech­sel schien auch ein neu­es Team auf dem Platz zu ste­hen: selbst­be­wusst, lei­den­schaft­lich, kämp­fe­risch, ziel­stre­big, in jeder Akti­on mit Über­zeu­gung. Das bemer­kens­wert sou­ve­rä­ne 3:0 gegen die TSG Hof­fen­heim war der ers­te Sieg nach neun Spie­len. Magaths alte Schu­le mani­fes­tier­te sich dabei auch in der Auf­stel­lung: Mit Innen­ver­tei­di­ger Niklas Stark vor einer Vie­rer-Abwehr­ket­te fei­er­te die längst ver­ges­se­ne Posi­ti­on des Vor­stop­pers ihre Renaissance.

Der neue Schwung hielt in die­ser Form nicht lan­ge, aber Her­tha BSC war abge­se­hen vom 1:4 im Stadt­der­by gegen den 1. FC Uni­on plötz­lich wie­der kon­kur­renz­fä­hig. Magath und sei­ne eben­so berüch­tig­ten Co-Trai­ner Mark Fothe­ring­ham und Wer­ner Leu­thard haben aus Ein­zel­spie­lern ein Team geformt, das dank einer neu gewon­ne­nen defen­si­ven Sta­bi­li­tät schwer zu schla­gen ist. Und auch Spie­le gewin­nen kann: Mit drei Sie­gen und einem Remis hol­ten die Ber­li­ner in den ver­gan­ge­nen sie­ben Spie­len nur einen Zäh­ler weni­ger als in den 17 Par­tien zuvor. Damit gelang der Sprung vom vor­letz­ten Tabel­len­platz auf Rang 15.

Wie fra­gil das Gebil­de den­noch ist, hat­te bei­spiels­wei­se das Unent­schie­den vor zwei Wochen gegen Bie­le­feld gezeigt. Weil die Armi­nia dann aber am 33. Spiel­tag ver­lor, war trotz der gleich­zei­ti­gen Nie­der­la­ge von Her­tha BSC gegen Mainz das »Mini­mal­ziel« von Magath, den direk­ten Abstieg zu ver­hin­dern, erfüllt. Jetzt strebt er das Maxi­mum an. Mit Blick auf das Spiel bei Borus­sia Dort­mund stell­te der Trai­ner klar: »Wir spie­len gegen den Vize­meis­ter, die zweit­bes­te Mann­schaft des Lan­des.« Aber der Favo­rit müs­se ja nicht zwangs­läu­fig immer gewin­nen. Das gute Gefühl der Hoff­nung hat Magath nach Ber­lin zurück­ge­bracht. Und betont das auch: »Als ich vor ein paar Wochen hier­her­kam, da war im Grun­de alles voll Resignation.«

Zwi­schen den bei­den Extre­men liegt die Rele­ga­ti­on. Soll­te also das »Maxi­mal­ziel« am letz­ten Spiel­tag ver­passt wer­den, geht es in zwei Duel­len gegen den Drit­ten der 2. Bun­des­li­ga. Die­ses Sze­na­rio hat Magath seit sei­nem Amts­an­tritt im Kopf. »Ich war mir sicher, wir spie­len in der Rele­ga­ti­on gegen den HSV«, sag­te er jüngst. Neben dem Ham­bur­ger SV sind auch noch Wer­der Bre­men und Darm­stadt 98 im Ren­nen um Platz drei, die Ent­schei­dung fällt am Sonn­tag. Am 19. Mai und 23. Mai ste­hen dann die bei­den Rele­ga­ti­ons­spie­le an.

Egal, wann die sport­li­che Zukunft von Her­tha BSC ent­schie­den sein wird, die Zeit danach wird eben­so span­nend. Zum einen will sich dann Fre­di Bobic den Fra­gen zu sei­ner eige­nen Ver­ant­wor­tung an der Kri­se stel­len. Das ver­sprach der Sport­chef bei der Vor­stel­lung von Magath. Allein zwei Trai­ner­wech­sel inner­halb einer Sai­son sind ein schlech­tes Zeug­nis. Hin­zu kommt die Zusam­men­stel­lung der Mann­schaft: Sie scheint weder sport­lich noch cha­rak­ter­lich zu pas­sen – und nur mit »har­ter Hand« zu füh­ren zu sein. Schlei­fer Magath will sich zu sei­ner eige­nen Zukunft auch erst nach dem Sai­son­ende äußern.

Ein Klas­sen­er­halt wür­de vie­le Ent­schei­dun­gen leich­ter machen. Die wich­tigs­ten für Her­tha BSC ste­hen am 29. Mai an. Einen Macht­kampf für die dann statt­fin­den­de Mit­glie­der­ver­samm­lung hat­te Inves­tor Lars Wind­horst schon vor Mona­ten ange­zet­telt. »Wir brau­chen einen Neu­start an der Spit­ze«, sag­te er aus­ge­rech­net nach dem Hoff­nung brin­gen­den Sieg gegen Hof­fen­heim. Wind­horst will mehr Mit­spra­che für sei­ne inves­tier­ten 375 Mil­lio­nen Euro, die laut Bobic längst aus­ge­ge­ben sind. Und Wind­horst will auf kei­nen Fall mehr mit Prä­si­dent Wer­ner Gegen­bau­er zusam­men­ar­bei­ten. Mitt­ler­wei­le sol­len schon zwei Abwahl­an­trä­ge gegen den 71-Jäh­ri­gen ein­ge­gan­gen sein, der seit 2008 an der Spit­ze des Ver­eins aus Char­lot­ten­burg steht. Inves­to­ren­fuß­ball samt Angst vor dem Abstieg und einer unge­wis­sen Zukunft – so kann es kom­men, wenn vie­les über lan­ge Zeit falsch gelau­fen ist.

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