Die fabelhafte Welt des Ludger Fuchs

Er kann es doch noch: Leander Haußmann überrascht mit seiner »Stasikomödie«

Er kann das Unwahrscheinlichste wahrscheinlich, den Wahnsinn alltäglich werden lassen: Henry Hübchen
Er kann das Unwahrscheinlichste wahrscheinlich, den Wahnsinn alltäglich werden lassen: Henry Hübchen

Eine Komödie über das Ministerium für Staatssicherheit von Leander Haußmann? Irgendwie mangelte es mir da an echter Vorfreude, zumindest seit seinen Filmen »NVA« (2005) und »Hotel Lux« (2011), zwei Totalabstürzen in die billige Klamotte. Und auch »Hai-Alarm am Müggelsee« (2013) vermochte diesen Eindruck, trotz einiger sehenswerter Absurditäten, nicht wirklich zu korrigieren.

Aber eigentlich konnte es Leander Haußmann, der Enkel der zweiten Frau von Hermann Hesse, doch einmal: »Sonnenallee« nach Thomas Brussig leuchtet von fern. Ich erinnere mich, dass ich für diese Zeitung 1999 gleich mehrere Veranstaltungen besuchte, in denen »Unrechtsaufarbeiter« gegen die »Diktatur-Verharmlosung und Opfer-Verhöhnung« in »Sonnenallee« Front machten. Sie wollten das Verbot des Films. Zum Glück gab es damals Facebook und Instagram noch nicht – und »Sonnenallee« blieb. Welch souveräner Blick auf die Jugendkultur der DDR war das doch, ein orgiastischer Tanz in jene Freiheit, die wir im 89er Herbst erhofft hatten.

Nun also der Fall des Erfolgsautors Ludger Fuchs in der »Stasikomödie«. Er hat natürlich gelitten unter der Stasi damals, sagt er und schreibt auch Bücher darüber. Hier haben wir mehr als einen Zeitzeugen: eine Ikone der Opposition. Wir erraten die Pointe gleich am Anfang im von Haußmann selbst verfassten Drehbuch: Ludger Fuchs war in den 80er Jahren von der Stasi in die Prenzlauer-Berg-Szene eingeschleust worden, um diese von innen zu zersetzen.

Man hört die Botschaft und denkt an jene DDR-Autoren, die bis zur Wende auch im Westen hochgeschätzt wurden, von Christa Wolf, Stefan Heym, Heiner Müller bis zu Fritz Rudolf Fries und Günter de Bruyn, die man 1990 alle als IMs zu diskreditieren versuchte, weil sie irgendwann in ihrem Leben mit den falschen Leuten gesprochen hatten – vielleicht sogar ganz bewusst. Man denkt aber auch an Sascha Anderson, der als Szenegröße tatsächlich ein Produkt der Stasi war. Das ist dann fast so wie bei G. K. Chesterton in »Der Mann, der Donnerstag war«. Darin wird eine vermeintlich gefährliche Anarchistenrunde unterwandert, bis der ganze Kreis bloß noch aus Geheimagenten besteht. Das gab es also nicht bloß in der DDR.

Hier nun schleppt gleich zu Beginn Jörg Schüttauf als angegrauter Ludger Fuchs einen Beutel mit seiner Stasi-Akte nach Hause, wo man bereits auf ihn wartet, um im Kreise der Familie eine Opfer-Akten-Lesung zu starten. Ob er weiß, was er da eigentlich transportiert? Sein Leben in all seinen Abgründen, zur Besichtigung freigegeben. Der Archivar der Akademie ist auch zur Stelle, den hat seine Frau (Margarita Broich) eingeladen, die er einst im Auftrag der Stasi heiratete, was er längst vergessen hat und sie zum Glück nie wusste. Sonst hätte sie die Akte kaum der Akademie zur Belehrung der Nachwelt angeboten.

Ja, belehrend ist sie, unerwartet stößt die kollektive Leserunde auf einen zerrissenen und sorgsam von den wachsamen Organen wieder zusammengesetzten Liebesbrief an Ludger Fuchs. Den hatte er samt der Person dazu völlig vergessen. »Das war vor unserer Zeit!«, ruft er reflexartig aus. Nein, war es offenbar nicht – und alles andere auch nicht. Und so beginnt das Unheil der Wiederentdeckung der allzu gründlich verlorenen Zeit. Wer war hier Täter, wer Opfer? Und wie soll man sich aus all den Widersprüchen retten, die offenbar das eigene Leben sind? Man muss schon sehr genau hinschauen, um die heimlichen Pirouetten in den Biografien nicht zu verpassen.

Eine Rückblende und wir sehen Ludger Fuchs an einer Ampel, die beharrlich auf Rot steht, damals in Ostberlin. Kein Auto weit und breit, oder doch: Ein Lkw der Straßenreinigung schiebt sich langsam näher, und mitten auf der Fahrbahn hockt ahnungslos eine kleine Katze. Der junge Mann schaut angespannt auf die Ampel. Er will die Katze retten, aber doch nicht bei Rot!

Die Ampel wird natürlich von der Stasi bedient, die den Kandidaten testet. Hält er sich an die Regeln oder nicht? Klingt in Prosa nicht unbedingt überzeugend, aber dann kommt Henry Hübchen als Stasi-Oberstleutnant am Schaltpult über Katzen-Leben-und-Tod ins Bild – und die Szene stimmt plötzlich. Hübchen kann dem Absurden eine Realität geben, das Unwahrscheinlichste wahrscheinlich, den Wahnsinn alltäglich werden lassen.

David Kross als junger Ludger Fuchs wirkt im Zusammenspiel mit diesem zynischen Dämon, der auch bloß ein Gefangener der Macht ist, wie jemand, den das Leben immer wieder nachsitzen lässt. Der unerwartet zweite Chancen bekommt, die er sich nicht verdient hat. Aber er hat etwas anderes: immer wieder Glück. So kommt Ludger Fuchs zur Stasi wie Simplicissimus bei Grimmelshausen in den Dreißigjährigen Krieg. Irgendwie immer ohne sein Zutun, fast gegen seinen Willen. Aber doch nicht ohne Erfolg, darum wird er schnell befördert.

Es dauert keine zehn Minuten und dieser Film mit dem unattraktiven Titel »Stasikomödie« entfaltet einen Sog wie einst die »Sonnenallee«. Das liegt auch an der Kamera von Michal Grabowski, der auf unerwartete Weise die Bilder so komponiert, dass man nicht umhinkommt, von großem Kino zu sprechen.

Noch etwas trägt zum Erfolg bei: Haußmann hat etwas heute selten Gewordenes, die Treue zu jenen, mit denen er einmal gearbeitet hat. Kein Film etwa ohne Steffi Kühnert, die einst, als Haußmann am Bochumer Theater der aufstrebend-geniale Wilde aus dem Osten war, seine wichtigste Schauspielerin wurde. Hier ist sie in einer Nebenrolle die Sekretärin des Ministers Mielke (Bernd Stegemann), die sich Ludger Fuchs so vorstellt: »Ich bin klein, aber nicht nett.« Natürlich ist Detlev Buck dabei, wie schon in »Sonnenallee« als »Ausweis!«-verlangender Polizist. Oder Uwe Dag Berlin als geläuterter Stasi-Mann, der nun Pfarrer ist, oder Carmen-Maja Antoni als in Ostberliner Hinterhöfen obligatorische alte Frau, aus dem Weltkrieg übriggeblieben, hier mit Hausbuch-Vollmacht. Auch Alexander Scheer ist Teil von Haußmanns Prenzlauer-Berg-Szene, als humorloser Transvestit mit beziehungsreicher Perlenkette.

Als dann Karsten Speck in einer Schwulenkneipe hinterm Tresen auftaucht, ist klar, das hier ist ein Film der Verlierer, die es allen zeigen werden. Immerhin, das Multitalent der späten DDR sitzt nicht mehr wegen schweren Betrugs im Gefängnis – so was steigert die Spielfreude, an der wir gern teilhaben.

Was diesen Film schließlich so sehenswert macht, ist seine kluge Komposition vieler kleiner Szenen. Das hat etwas Barockes, etwas faulig Überfälliges, was das Filmzitat aus dem DDR-Mehrteiler »Sachsens Glanz und Preußens Gloria«, in dem Haußmanns Vater Ezard den Minister Brühl spielte, durchaus sinnvoll erscheinen lässt. Der Stasi-Minister ist bei Ansicht dieses Films begeistert: So will auch er seinen Geburtstag feiern, als großes Fest bei Hofe im historischen Kostüm. Und so sehen wir dann etwas, das an Roman Polanskis »Tanz der Vampire« erinnert, jene Polonaise der Untoten, die einmal im Jahr aus ihren Gräbern kommen, um ein Fest zu feiern, für das sie jedoch frisches Blut brauchen.

So pendelt der Film zwischen Gegenwart und Rückblende, Amnesie und Amnestie, mit falschen Helden und echtem Erschrecken über sich selbst. Ist das lustig? Ja durchaus, denn Haußmann ist hier ganz ernsthaft der menschlichen Komödie auf der Spur. Selbstbetrug und immerhin die seelenrettende Verweigerung größerer Schweinereien lassen uns mit aller gebotenen Skepsis in den Spiegel blicken – mehr ist nicht mit uns, wir sind aus so krummem Holz gemacht, dass kein gerades Stück daraus wird, wie Immanuel Kant sagte.

Wie David Kross grandios fremdbestimmt zwischen zwei Szene-Frauen (Antonia Bill und Deleila Piasko) pendelt und auf Stasi-Befehl diejenige heiratet, die er nicht liebt (und mit ihr glücklich wird), das hat etwas himmelschreiend Beschränktes. Aber das Schöne ist, irgendwann wacht er wie aus einem tiefen Schlaf auf, wird Mensch mit den Worten: »Ich kündige!« Was seinen Stasi-Führungsoffizier Henry Hübchen zum infernalischen Gelächter reizt. Doch eine Zigarette zum ausströmenden Gas aus dem Herd des geretteten Selbstmörders schickt auch diesen Zerberus des falschen Lebens von dannen mit dem launigen Song von Reinhard Mey: »Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen.«

So der Grundton: ebenso schön wie böse, also wahrhaft witzig und am Ende auch klug. Zum Thema Geschichtsaufarbeitung hören wir von einem unbekannten Häuptling der Apachen aus dem Off: »Das Kriegsbeil ist erst begraben, wenn keiner mehr weiß, wo es liegt.« Oder doch, eine Ahnung davon sollte man schon noch haben. Da nämlich geht Jörg Schüttauf als vergangenheitsbeladener Ludger Fuchs, nun ohne zu zögern, bei Rot über die Straße und steht unvermeidlich vor Detlev Buck als ewigem Ordnungshüter, der göttergleich auf ihn herunterdonnert: »Na, was haben wir denn falsch gemacht?« Wortlos starren beide sich an.

»Stasikomödie«: Deutschland 2022. Regie/Buch: Leander Haußmann. Mit: David Kross, Henry Hübchen, Jörg Schüttauf. 114 Min. Start: 19. Mai

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