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Rutschpartie ohne Risiko

Beim Berliner Theatertreffen wird Yael Ronens Beinahe-Musical »Slippery Slope« gezeigt

Toxisch männlich: Sänger Gustav in
Toxisch männlich: Sänger Gustav in "Slippery Slope"

Yael Ronen, die längst zu den Starregisseurinnen des Theaterbetriebs zählt, wagt sich regelmäßig aufs Bühnen-Glatteis, wo sie politisch brisante Themen verhandelt. Die Jugoslawienkriege, den Nahostkonflikt, die #metoo-Debatte. Aufs Glatteis? Das ist dann oft doch mehr Behauptung denn Realität.

Toxisch männlich: Sänger Gustav in
Toxisch männlich: Sänger Gustav in "Slippery Slope"

Auch bei ihrem jüngsten Regiestreich am Berliner Maxim Gorki Theater, »Slippery Slope« betitelt, zu Deutsch: Rutschpartie, trifft die israelische Theatermacherin thematisch ins Schwarze: Es geht um die rauf und runter diskutierte »Cancel Culture«. »Almost a Musical«, fast ein Musical, heißt das Stück im Untertitel. Und es ist auch fast ein Beitrag zu einer Debatte, aber eben nur fast. Höchst unterhaltsam werden die richtigen Reizworte ausgesprochen, nur eine wirkliche Konfrontation findet nicht statt. Es handelt sich um Wohlfühltheater am Puls der Zeit.

Gustav (Lindy Larsson), ein abgehalfterter Popstar aus Schweden, feiert sein Comeback nach dem letzten Skandal. Er macht alles falsch, was man falsch machen kann. Zwischen dem branchenüblichen Machismo, kultureller Aneignung und Machtmissbrauch tappt er in jedes Fettnäpfchen. Gustav will sich lernfähig zeigen, aber der Musikbetrieb spielt jetzt nach anderen Regeln. Plötzlich wird seine ganze Karriere, mehr noch sein Privatleben, einer Prüfung unterzogen.

Das alles wird mit reichlich Ironie zum Besten gegeben und mit einer Schmonzetten-Nummer nach der anderen illustriert. Der humoristische Kern besteht letztlich darin, dass die unsympathische Witzfigur Gustav nicht nur Täter, sondern irgendwie auch Opfer ist. Dass hier alle Dreck am Stecken haben. Dass sich niemand selbst von Schuld freisprechen kann auf der Anklagebank der Woke-Kultur. Das Lachen, das einen beim Zusehen befällt, ist allerdings nicht befreiend. Es ist ein dumpfes Lachen, nach dem man auch nicht schlauer ist als zuvor. Flache Witze retten nicht über den Abend, auch wenn man sie als »Diskurs-Musical« verkauft.

In 100 sehr unterhaltsamen Minuten mit viel Glitzer und Musik rührt man also an die großen Themen dieser Zeit. So wundert es auch nicht, dass es diese englischsprachige Inszenierung zu einer Einladung zum Berliner Theatertreffen gebracht hat, in dessen Rahmen sie am Sonntag noch einmal gezeigt wird. Man will hier theatral zupacken, aber bleibt dabei doch sehr behutsam. Hier wird gemeinsam gelacht über das dumme alte Patriarchat und ein bisschen auch über den identitätspolitischen Übereifer dieser Tage. Weh tut dieser Theaterabend nicht. Er labt sich an der eigenen Gegenwärtigkeit, aber er traut sich keine eigene Haltung zu. Dass die identitätspolitischen Verwerfungen dieser Tage ein großes, auch ein dramatisches, Motiv sind, dürfte klar sein. Hier prallen Welten aufeinander, ohne Aussicht auf Kompromisse. Nur müsste man sich auch trauen, dramatische Stoffe wieder auf die Bühne zu heben. Stattdessen hat man sich für einen risikolosen Weg entschieden. Von wegen Rutschpartie.

Vorstellung im Rahmen des Theatertreffens: 22. Mai
www.berlinerfestspiele.de

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