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Mehr Tempo für den Bahn-Ausbau

Bis 2035 soll die Signaltechnik bundesweit digital sein – der Streckenbau braucht länger

Gleise liegen ausreichend auf dem Eisenbahn-Südring, hier in Neukölln. Für Regionalzüge fehlen aber noch Oberleitung und Bahnsteige.
Gleise liegen ausreichend auf dem Eisenbahn-Südring, hier in Neukölln. Für Regionalzüge fehlen aber noch Oberleitung und Bahnsteige.

»Varianten eingrenzen, eine konstante Finanzierung sichern« und außerdem bei besonders aufwendigen Projekten »Teillösungen oder einfachere Lösungen« finden – als Vorstufe zur großen Lösung, die möglicherweise über Jahrzehnte geplant werden muss. Alexander Kaczmarek, Bevollmächtigter der Deutschen Bahn für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hat am Mittwoch schnell Antworten parat auf die Fragen von Mitgliedern des Mobilitätsausschusses, wie das ehrgeizige Infrastrukturprojekt i2030 schneller vorangebracht werden kann.

Da hat es in den letzten Tagen durchaus Fortschritte gegeben. Am Montag vergangener Woche hatten Berlins Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) und Brandenburgs Infrastrukturminister Guido Beermann (CDU) eine Einigung über zwei Großprojekte bekannt gegeben. Die seit dem 1945 unterbrochene Potsdamer Stammbahn, die über Düppel, Zehlendorf und Schöneberg ins Zentrum der Hauptstadt führt, soll als reguläre Eisenbahnstrecke wiederaufgebaut werden. »Die Deutsche Bahn hat von Anfang an die Regionalbahn-Lösung bevorzugt«, sagt Kaczmarek. »Wir sehen mittlerweile, dass unsere Zulaufstrecken vom Erfolg überrannt werden. Jeder zusätzliche Durchlass zahlt auf die Resilienz ein«, so der Beauftragte.

Er kommt in diesem Zusammenhang auch auf den Eisenbahn-Südring zu sprechen. Der sei »die letzte große Reserve, die wir noch haben und irgendwann heben sollten«, so Kaczmarek. Die Ferngleise neben der S-Bahn zwischen Westkreuz und Treptow sind bisher nicht elektrifiziert, zwischen Neukölln und Treptow klafft sogar noch eine Schienenlücke. Infrastrukturell und finanziell sei das ein »großes Thema«, räumt der Bahn-Manager ein, unter anderem zusätzliche Bahnsteige am Südkreuz oder in Neukölln einzurichten.

Andreas Schaack vom Bündnis Schiene Berlin-Brandenburg (BSBB) fordert den Ausbau des Südrings auch, weil eine »leistungsfähige Entlastungsstrecke« für die von Ost nach West durchs Zentrum führende Stadtbahn benötigt werde. Denn die Strecke vom Zoo zum Ostkreuz müsse in absehbarer Zeit umgebaut werden, »wesentlich mehr Weichen« und das digitale Signalsystem ETCS erhalten, um deutlich mehr Kapazität auf die Strecke zu bekommen. Bei der S-Bahn würde die Umstellung bedeuten, dass 36 statt derzeit 21 Züge pro Stunde und Richtung fahren könnten.

An der zweiten Entscheidung Berlins und Brandenburgs, dass von Gesundbrunnen nach Hennigsdorf weiterhin nur die S-Bahn und keine Regionalzüge fahren sollen, gibt es vom Schienenbündnis Kritik. Die sehr teure Beseitigung eines Bahnübergangs am S-Bahnhof Tegel war von den Ländern als mit ausschlaggebender Grund genannt worden. BSBB-Vertreter Christoph Steinig fordert weiterhin, die Kreuzung zwischen Schiene und Gorkistraße aufzuheben. »Dort verkehren vier Buslinien mit 21 Fahrten pro Stunde und Richtung«, sagt er. Der Umbau wäre die Chance, einen hervorragenden Verknüpfungspunkt zu schaffen.

Doch eine Systementscheidung steht noch aus. »Wir brauchen für die Nahverkehrstangente Ost die Entscheidung, ob sie als S-Bahn oder Regionalbahn realisiert werden soll«, sagt Andreas Schaack vom Schienenbündnis, um gleich deutlich zu erklären, dass die S-Bahn von vornherein für die Strecke zwischen dem Karower Kreuz im Norden und dem Grünauer Kreuz im Süden ausscheide. Man wolle schließlich nicht nur die anliegenden Gebiete anbinden, sondern auch den Flughafen BER im Süden sowie Orte im Norden. Zum Beispiel Bernau, Eberswalde oder Oranienburg. Das würde auf der bereits elektrifizierten Strecke Kosten senken, weil nicht noch zusätzliche Versorgungsinfrastruktur für ein weiteres Stromsystem errichtet werden müsste. Die Entscheidung müsse zügig fallen, damit die Planungen beginnen könnten. »Es muss schneller gehen als bei der Potsdamer Stammbahn«, fordert Schaack. Seit dem Mauerfall wurde dort mehr oder minder intensiv über den Wiederaufbau diskutiert.

Alexander Kaczmarek von der Deutschen Bahn spricht von einer »atemberaubenden Zeitschiene«, in der bundesweit auf das digitale Signalsystem ETCS umgestellt werden soll. »Das wird die Leistungsfähigkeit des Knotens erhöhen«, so Kaczmarek.

Am Freitag steht auch der Bahngipfel von Berlin, Brandenburg, dem Bund und der Deutschen Bahn an. Verkehrs-Staatssekretärin Meike Niedbal (parteilos, für Grüne) kündigt an, dass es um die Themen Elektrifizierung und Digitalisierung gehen soll, außerdem um die Ostbahn. Seit Langem wird für die Strecke von Berlin-Lichtenberg nach Kostrzyn die Elektrifizierung und der Wiederaufbau des zweiten Gleises gefordert, das nach dem Zweiten Weltkrieg demontiert worden war. Damit gäbe es eine Entlastung und Alternative für die Strecke nach Frankfurt (Oder), die an der Kapazitätsgrenze ist.

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