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Damit wir wollen, wie wir sollen

Propaganda gibt es immer und überall, meint Jacques Ellul

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.
Alarm: Mediale Beschallung rund um die Uhr. Wer kann sich da noch ein eigenes Urteil bilden?
Alarm: Mediale Beschallung rund um die Uhr. Wer kann sich da noch ein eigenes Urteil bilden?

Gemeinhin denkt man sich ein Ausrufezeichen der Empörung hinzu: Propaganda! Sag »Putins Propaganda«, und du bist auf der richtigen Seite. »Westliche Propaganda« auch? Schon derlei Relativierung allein trifft auf Gegenwind. Aus dem Ukraine-Konflikt dröhnt der Befehl zur Stellungnahme. Schalte die »Tagesschau« an: klare Wahrheiten, keine Zweifel. Ob die Sprecherinnen und Sprecher wirklich glauben, was sie da ungerührt von sich geben? Vielleicht ja doch. Der französische Philosoph Jacques Ellul meint, dass einfache Welterklärungsmuster gerade in hochindividualisierten Gesellschaften einem Bedürfnis entsprechen: »Gibt es einen Impuls, einen Anreiz, einen Aufreger, müssen im Grunde Meinungen, Aktionen und Interaktionen ausgetauscht werden. Dies ist der erste Schritt zur Herausbildung einer öffentlichen Meinung. Zudem muss Klarheit über die bestehende Meinung, über Privatmeinungen oder die implizite öffentliche Meinung herrschen. Schließlich müssen Werte und Haltungen in Frage gestellt werden. An diesem Punkt erst hat sich wirklich eine öffentliche Meinung herauskristallisiert.«

Denn Informationen allein genügen uns nicht, zumal wenn wir sie nicht im gesamten Umfang überschauen. Wir suchen nach Erklärungen, die wir in unser Weltbild einordnen können. »Der Mensch befindet sich nicht auf derselben Ebene wie die weltpolitischen oder wirtschaftlichen Ereignisse. Er spürt seine Schwäche, seine Inkonsistenz, seinen Mangel an Effizienz. Ihm schwant, dass er von Entscheidungen abhängt, über die er keine Kontrolle hat.« Also bedarf er »zwangsläufig eines ideologischen Schleiers, eines Trosts, einer Daseinsberechtigung, einer Aufwertung. Und nur Propaganda kann ihm Abhilfe für eine unerträgliche konkrete Situation verschaffen.«

Erstaunlich: Der Autor betrachtet Propaganda nicht nur als etwas, das uns entmündigt, sondern zugleich als Erfüllung eines Bedürfnisses gerade in einer »schrecklichen und beängstigenden Zeit«. Je unübersichtlicher die Lage, umso größer der Wunsch nach Übersichtlichkeit. Insofern, so meint Jacques Ellul reagiert Propaganda auf »tief verborgene Neigungen wie das Bedürfnis zu glauben und zu gehorchen, das Bedürfnis, Geschichten zu erfinden und zu konsumieren … Und sie begegnet auch der geistigen Faulheit, dem Verlangen nach Sicherheit.« Darauf gepolt, »Gruppendynamiken zu folgen«, sollen die Adressaten allerdings nicht das Gefühl haben, bevormundet zu sein.

Propaganda als Kunst, die eine »Sicherheit wie einst die Religion« verschafft: Wie Jacques Ellul (1912-1994) das beschrieben hat, scheint es wie für den heutigen Tag gemacht. Dabei hat er sein Buch 1962, mitten im Kalten Krieg, verfasst, als USA und Sowjetunion einander gegenüberstanden und »Mao Zedongs Propaganda« ihn interessierte. Allerdings hat er im Laufe der Jahre noch mehrere Kapitel hinzugefügt. Das heutige China hat er sich noch nicht vorstellen können, doch würde er auf westliche Kritik eher cool reagieren, wie es überhaupt ein Gewinn der Lektüre ist, dass sie aus dem Gewirr von Emotionen herausführt. Statt Aufgeregtheit, nüchterne Analyse: Denn Propaganda ist eine Normalität jedweder Macht. Heutige Staaten sind ohne Propaganda nicht zu denken. Nirgendwo können wir frei von ihr sein, außer wir kapseln uns gänzlich von der Öffentlichkeit ab. Die Instrumente und Formen mögen sich abhängig von inneren und äußeren Bedingungen unterscheiden, doch gerade Systeme, die sich als frei gerieren, kommen nicht ohne Beeinflussung der öffentlichen Meinung aus. Den »Bürger als eine vom Staat unabhängige Entität« zu betrachten, »die öffentliche Meinung als ein ›An-sich‘« zu setzen, diese naive Sicht ist ja selbst schon ein Ausdruck herrschender Ideologie.

Aus gehöriger Distanz verurteilen wir Regime, die auf offene Propaganda setzen, und sehen hinweg über die ausgeklügelteren Formen, in denen wir uns eingerichtet haben. Aus dieser Wohlfühlillusion holt uns dieser Band heraus. Propaganda ist generell »totalitär«, so Jacques Ellul, »indem der Mensch dazu gebracht wird, aus freien Stücken zu gehorchen«, so dass er den »Zwang zur Ordnung« nicht mehr verspürt. »Es geht darum, den ganzen und alle Menschen zu erreichen und einzubeziehen. Propaganda versucht, den Menschen durch alle möglichen Zugänge zu erfassen, sowohl durch Gefühle als auch durch Vorstellungen, durch Einwirken auf seine Absichten und seine Bedürfnisse, durch Zugriff auf das Bewusstsein und das Unbewusste, durch Eindringen auf sein privates wie öffentliches Leben.«

Man liest den Band im Zusammenhang mit anderen ideologiekritischen Schriften, für die gerade der Westend Verlag eine gute Adresse ist. »Warum schweigen die Lämmer« und »Angst und Macht« von Rainer Mausfeld, »Macht. Wie die Meinung der Herrschenden zu herrschenden Meinung wird« von Almut Bruder-Bezzel und Klaus-Jürgen Bruder, »Umgekehrter Totalitarismus. Faktische Machtverhältnisse und ihre zerstörerischen Auswirkungen auf unsere Demokratie« von Sheldon S. Wolin und »Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst« von Albrecht Müller als praktikable Handreichung, »wie man Manipulationen durchschaut«, bieten Unmut ein Ventil. Verfügbar ist so vieles auch von Grundlagenforschern aus den USA – »Die öffentliche Meinung« von Walter Lippmann (1922, Übersetzung  auch bei Westend), »Propaganda. Die Kunst der Public Relations« von Edward Bernays (1928, Übersetzung bei Orange Press) bis hin zu Noam Chomskys scharfsinnigen Analysen u.a. sogar zum Ukraine-Konflikt.

Ist die allgemeine Zugänglichkeit solcher Bücher nicht Beweis dafür, dass  wir in einer offenen Gesellschaft leben, welche anderen Staaten diesbezüglich überlegen ist? Doch würde Jacques Ellul diese gerade von Schreibenden hochgeschätzte Meinungsfreiheit wohl zu relativieren wissen. Eine kleine intellektuellen Schicht fühlt sich durchaus wohl in der Vorstellung, meinungsprägend zu sein. Doch die Masse der Bevölkerung hat andere Prioritäten, und viele hegen durchaus den Verdacht, dass sie  gegängelt werden. Wie können wir unsere ureigensten Interessen, ja unser Selbst bewahren, wenn die öffentliche Meinung zur »Kriegswaffe« wird, wie Ellul es ausdrückt? »Propaganda besitzt aktuell eine solche Kraft psychischer Transformation, eine solche Wirkung auf das Innerste des Menschen, dass sie zwangsläufig, wird sie von einem Staat in Anschlag gebracht und nach außen gerichtet, zu einer kriegerischen Macht avanciert.«

Jacques Ellul: Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird. Westend, 477 S., geb., 28 €.

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