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Der verdrängte Zivilisationsbruch

Zwischen Wirtschaftswunder und Atombombe: Der Sammelband »Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewusstsein« erforscht die nur mühselig erfolgte Aufarbeitung der Vergangenheit während des Kalten Krieges

Massenmord, US-Version: Ein Techniker lackiert die Atombombe »Fat Man«, die ein Flugzeug der US-Airforce am 9. August 1945 über der japanischen Stadt Nagasaki abwerfen wird.
Massenmord, US-Version: Ein Techniker lackiert die Atombombe »Fat Man«, die ein Flugzeug der US-Airforce am 9. August 1945 über der japanischen Stadt Nagasaki abwerfen wird.

Der Holocaust schlug »nur selten in ein Begreifen seiner historischen Dimensionen um« – dieser Problematik spürt ein jüngst erschienener Sammelband unter dem Titel »Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewusstsein. Europa nach dem Holocaust« nach. Dabei handelt es sich um eine Schwierigkeit, wie die Herausgeber*innen Jan Gerber, Philipp Graf und Anna Pollmann in ihrer Einleitung anmerken, die sich zunächst im Gegenstand selbst begründet: Die Vernichtung der europäischen Juden im Nationalsozialismus scheint jedes erwägbaren, irgendwie verständlich zu machenden Motivs als Erklärungsgrund zu entbehren. Die spezifische Art und Weise des getakteten Kollektivmordes in den Vernichtungslagern und an den Erschießungsgruben im Osten Europas zwischen 1941 und 1944 steht zudem gegen eine Erzählbarkeit, die über den faktischen Vorgang hinaus dessen Bedeutung adäquat fassen könnte.

Was bleibt, ist eine »Blendung« im Angesicht der Grausamkeit und der vielen Toten. Ferner aber ist ein solches Begreifen angewiesen auf die gesellschaftlichen Zeitumstände, die immer erst einmal ein grundlegendes Verhältnis zu ihrer eigenen Vergangenheit vordefinieren und so auch eine einvernehmliche Erinnerung an den Holocaust, das Bewusstsein über seine Ausmaße als »Zivilisationsbruch« (Dan Diner) mitbestimmen. In der Rückschau der letzten 77 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellt sich dieses gesellschaftliche Erinnerungsvermögen in Europa als zerrissen und keineswegs selbstverständlich dar. Immerhin bedurfte es einer US-amerikanischen Fernsehsendung wie »Holocaust« (1978) von Marvin J. Chomsky, um eine breitere Öffentlichkeit und nicht zuletzt die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft für den Holocaust im Zentrum einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu interessieren.

Vernichtung ohne Namen

Und davor? Was war in jener Zeitspanne von 1945 bis in die späten 1960er Jahre, als der Holocaust »noch keinen Namen hatte« und die US-amerikanischen Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki vom Ende des Zweiten Weltkrieges unmittelbar überleiteten in den Kalten Krieg? Diese Hochphase des Ost-West-Konfliktes sehen die Herausgeber*innen von zwei gegenläufigen Polen in der gesellschaftlichen Zeitauffassung geprägt: Dem »Geschichtsoptimismus«, der sich am Wirtschaftsboom der 1950er Jahre im Verbund mit steigenden Löhnen, technischer Innovation und allgemeinem Wohlstand entfachen konnte und den Blick auf ein dralles Morgen richtete, stand gleichzeitig ein »Katastrophenbewusstsein« gegenüber. Denn die atomare Aufrüstung auf beiden Seiten des »Eisernen Vorhangs« unter dem Eindruck der schnellen Wechsel vom Koreakrieg, zur Suez- und nicht zuletzt zur Kubakrise machte eine Zukunft der Menschheit gänzlich zweifelhaft.

In jener eigentümlichen historischen Spannung zwischen äußerster Bedrohung und Fortschrittsgläubigkeit, so die Herausgeber*innen, war der Holocaust in die Latenz gesellschaftlicher Wahrnehmung gerutscht. In welchen subtilen Formen wirkte er dennoch als jüngste Vergangenheit der europäischen Nachkriegsstaaten in den 40er bis 60er Jahren nach? Und wie beeinflussten zeitgenössische Ereignisse wie der Algerienkrieg 1954–1962 oder der griechische Bürgerkrieg der späten 1940er Jahre damalige Bilder und Interpretationen vom Holocaust? Welche Bedeutung kam schließlich dem »Geschichtsoptimismus« und »Katastrophenbewusstsein« jener Gesellschaften der Blockkonfrontation für seine historische Deutung zu? Diesen Fragen geht der Sammelband in insgesamt zwanzig Beiträgen nach, die von mitunter namhaften Historiker*innen wie Dan Diner und Moishe Postone, aber auch jüngeren Nachwuchswissenschaftler*innen beigesteuert wurden.

Dabei geht es weniger etwa um die juristische Ahndung der Täter in den jeweiligen Ländern Ost- und Westeuropas oder allein staatliche Gedenkpolitiken in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Beiträge setzen einen je eigenen nationalen Schwerpunkt und werfen so auch Schlaglichter auf das gesellschaftliche Klima und vorherrschende Narrative zum Holocaust, auf das öffentliche Gedächtnis an den Nationalsozialismus als einer Zeit der (oft verleugneten) Kollaboration oder des Widerstands: von Österreich und Bulgarien über Frankreich und das mittlerweile geteilte Deutschland, über Spanien und Jugoslawien bis Ungarn und Italien – zuletzt sogar Israel und die USA, um nur einige zu nennen. Die Autor*innen konzentrieren sich allerdings vorrangig darauf, anhand von intellektuellen Persönlichkeiten der Linken und der nach 1945 »staatstragend gewordenen Arbeiter*innenbewegung« in Ost und West die verschiedenen Formen der Wahrnehmung und Nicht-Wahrnehmung des Holocaust nachzuzeichnen. Dadurch werden linke Erinnerungsfähigkeit, nationale Geschichtstradierung und das Zeitgeschehen des Kalten Krieges durch eine ideengeschichtliche Perspektive in Beziehung gesetzt. Hierbei untergliedern sich die Beiträge zusätzlich unter die drei Topoi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in denen eine linke Bezugnahme auf den Holocaust also mit dem historischen Erfahrungshintergrund der Akteur*innen, ihren Ansichten von der eigenen Gegenwart oder eben Zukunftsvorstellungen enggeführt wird.

Unwillkommene Erinnerung

Die Historikerin Margit Reiter erläutert in ihrem Beitrag, wie sich die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) nach 1945 als eine Partei des Widerstands gegen Austrofaschismus und Nationalsozialismus gleichermaßen inszenierte, obgleich sie die Rückkehr insbesondere jüdischer Parteimitglieder aus dem Exil zu verhindern suchte und Karl Renner als ihr bedeutendster Repräsentant und erster Bundespräsident der Zweiten Republik Österreichs den sogenannten »Anschluss« 1938 an das NS-Regime begrüßt hatte. Demgegenüber waren in der Kommunistischen Partei (KPÖ) viele jüdische Kommunist*innen vertreten, deren Remigration von der Partei bewusst gefördert worden war und die die Erinnerung an den Holocaust zumindest latent wachhielten.

Der Historiker David Kowalski führt die Leser*innen wiederum in das Polen der ’68-Bewegung und verfolgt die Spuren des »Klub der Widerspruchsuchenden«, einer Gruppe junger Studierender, die gegen die autoritäre Verengung des polnischen Staatssozialismus protestierte. Bedeutsam ist hierbei, dass die teils jüdischen Protestierenden erst im Zuge der nun einsetzenden antisemitischen Kampagne der Staatsführung von ihren Eltern erfuhren, welchen antisemitischen Verfolgungen durch die polnische Bevölkerung diese seit den 1920er Jahren ausgesetzt gewesen waren. Als Herausgeber ist Jan Gerber mit einem Beitrag über die fluchtartige Rückkehr der jüdischen Schriftsteller Louis Fürnberg und F. C. Weiskopf in den Osten Deutschlands vertreten, nachdem der Slánský-Prozess 1952 in der Tschechoslowakei als einer der größten antisemitischen Prozesse im Ostblock nach 1945 begonnen hatte. Anna Pollmann rekonstruiert ihrerseits den Einfluss der atomaren Bedrohung auf den Deutungszugang zum Holocaust in dem philosophischen Werk von Günther Anders, und Philipp Graf geht in seinem Beitrag der Frage nachgeht, warum in dem literarischen Schaffen der DDR-Schriftstellerin Anna Seghers dem Holocaust kaum Bedeutung zukommt.

Besonderes Interesse verdient schließlich der Artikel des Filmwissenschaftlers Christoph Hesse über »Die Unbeugsamen« von dem sowjetischen Regisseur Mark Donskoj aus dem Jahr 1945, dem ersten Spielfilm weltweit, der die Vernichtung der europäischen Juden ins Bild setzte. Dafür war Donskoj schon 1944 nach Babyn Jar gereist, kurz nach der Befreiung durch die Rote Armee, und drehte eine dreiminütige Sequenz über das Massaker an 30 000 Juden vom September 1941. Noch während seiner Dreharbeiten an der ukrainischen »Weiberschlucht« wurden nach wie vor Juden und Jüdinnen in den Vernichtungslagern Polens ermordet. Wie der Film in der Sowjetunion rezipiert und im Laufe der antisemitischen Welle der 1950er aus den Kinos wieder verbannt wurde, bevor er in den 1960er Jahren, um genau jene drei Minuten gekürzt, einem sowjetischen Publikum erneut vorgeführt werden konnte – anhand dieser beeindruckenden und gleichsam tragischen Filmgeschichte vollzieht Hesse die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der Sowjetunion nach 1945 nach.

Auch wenn es dem Sammelband an einer grundlegenden Differenzierung zwischen sozialer Bewegung, linker Intelligenzija und den Parteien der alten Arbeiter*innenbewegung nach 1945 mangelt, und die Herausgeber*innen viel auf die Unzulänglichkeiten jener Linken in ihrer Beschäftigung mit der Vernichtung der europäischen Juden abheben, ergibt sich in der Gesamtschau der Beiträge ein sehr vielschichtiger und interessanter Einblick in diese Phase des Kalten Krieges. Deutlich wird allemal, dass sich sowohl die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit und des Massenmordes an der jüdischen Bevölkerung als auch ein Verständnis von seiner historischen Beispiellosigkeit nach 1945 erst allmählich und gegen vielfältige Widerstände durchsetzen musste und lange nicht als selbstverständlich gelten konnte. Insofern leistet der Sammelband »Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewusstsein« auch einen wichtigen Beitrag zu den jüngsten Debatten um die Singularität des Holocausts und dessen vermeintlicher Hegemonie im deutschen wie europäischen Erinnerungsdiskurs seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Jan Gerber, Philipp Graf und Anna Pollmann (Hg.): Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewusstsein. Europa nach dem Holocaust. Vandenhoeck & Ruprecht, 535 S., br., 55 €.

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