Vorbote für Europa?

Nach zwei Jahren Pandemie ist die Grippe in Australien mit voller Wucht zurückgekehrt

  • Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 3 Min.

Reisebeschränkungen, Abschottung, Masketragen und Hygienemaßnahmen haben die Grippe in den vergangenen zwei Jahren weltweit massiv eingedämmt. Doch Experten warnen seit Langem, dass die Viruserkrankung mit dem Einstellen dieser Maßnahmen verstärkt zurückkehren könnte. Auf der Südhalbkugel, wo jetzt der Winter beginnt, zeichnet sich dies nun tatsächlich ab: So meldete die australische Gesundheitsbehörde Ende Mai, dass grippeähnliche Erkrankungen seit März deutlich zugenommen hätten. Wurden seit Beginn des Jahres fast 39 000 Fälle gemeldet, waren es allein in den 14 Tagen vor Veröffentlichung des Reports über 26 000. Schon jetzt sind die Zahlen höher als der Fünfjahresdurchschnitt. Drei Menschen sind bereits an den Folgen der Erkrankung gestorben.

Nach zwei Jahren Abschottung während der Pandemie ist das Immunsystem vieler Menschen nicht mehr »trainiert«. Michael Baker, ein neuseeländischer Epidemiologe und Gesundheitsexperte, hatte dieses Phänomen im Interview mit dem »Guardian« mit einem Waldbrand verglichen: Je mehr Zeit ohne Feuer vergangen ist, umso mehr Brennstoff sammelt sich auf dem Boden, um die Flammen zu nähren. Entsteht dann ein Feuer, brennt es heftiger als normal. Ian Barr vom Peter-Doherty-Institut für Infektionen und Immunität in Melbourne bestätigte dies in einem Videotelefonat. Barr erklärte den Effekt mit der Kombination aus Isolation, Hygienemaßnahmen und Distanz zu anderen Menschen während der Pandemie. Australien und Neuseeland, die mehr vom Rest der Welt abgeschnitten waren als andere Länder, bekamen den Effekt besonders zu spüren. Während 2021 in Australien offiziell kein Grippetoter während der Grippesaison über die Wintermonate registriert wurde und nur ein Mensch wegen der Grippe ins Krankenhaus musste, befürchtete Barr schon damals, dass »die nächste Saison dafür deutlich schlimmer werden« könne. Diese Prophezeiung bewahrheitet sich nun: »Die Grippesaison in diesem Jahr ist deutlich gravierender und vergleichbar mit der Saison, die wir 2017 hatten«, sagte Annastacia Palaszczuk, die Regierungschefin des Bundesstaates Queensland, vor Kurzem vor Medienvertretern.

»Wir haben ungefähr 600 000 Kinder unter zwei Jahren, die noch nie der Grippe ausgesetzt waren«, sagte Sheena Sullivan, eine Epidemiologin am Peter-Doherty-Institut, gegenüber dem australischen Sender ABC. Das sei eine beträchtliche Anzahl an Kleinkindern, die völlig anfällig seien. Nick Wood, ein Kinderarzt aus Sydney berichtete, dass die australischen Krankenhäuser in diesem Jahr bereits einen Anstieg der Grippefälle bei kleinen Kindern verzeichnen würden. »Im pädiatrischen Bereich gibt es definitiv mehr Krankenhauseinweisungen bei unter Fünfjährigen als bei Covid-19«, sagte Wood. Weil die Grippe nicht im Umlauf gewesen sei, seien die Kinder den Viren noch nie zuvor ausgesetzt gewesen und seien »effektiv immunnaiv«, wie Wood es nannte.

Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Grippeinfektionen bereits zu, obwohl hierzulande anders als in Australien die Sommermonate anstehen. Doch erste Daten zeigen, dass sich inzwischen bereits mehr Menschen mit Influenza angesteckt haben als zur gleichen Jahreszeit vor der Corona-Pandemie. Vor allem bei Kindern hat die Grippe inzwischen die Covid-Infektionen überholt. Auch wenn das Robert Koch-Institut derzeit noch keinen Anlass zur Besorgnis sieht, so zeigen die Erfahrungen der Südhalbkugel, dass sich auch Europa in diesem Winter vermutlich vor einer Grippesaison wappnen muss, die nach zwei Jahren Entspannung mit voller Wucht zurückzukommen scheint.

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