Werbung

Auf der schwarzen Liste

Indigene im kolumbianischen Bezirk Cauca sind immer wieder Angriffen ausgesetzt

  • Von Knut Henkel, Tacueyò
  • Lesedauer: 7 Min.
Wandbild mit dem Konterfei des Farc-Gründers Manuel Marulanda im Cauca. Kolonnen der Guerilla sind in dem Bezirk südlich der Metropole Cali noch immer aktiv. Für Indigene stellen sie eine Gefahr dar.
Wandbild mit dem Konterfei des Farc-Gründers Manuel Marulanda im Cauca. Kolonnen der Guerilla sind in dem Bezirk südlich der Metropole Cali noch immer aktiv. Für Indigene stellen sie eine Gefahr dar.

Henry Chocué stützt sich auf den silberbeschlagenen Edelholzstock, der ihn als indigene Autorität ausweist. Der stämmige Mann von Anfang 50 ist in das kleine Dorf Tacueyò gekommen, um an einer Krisensitzung teilzunehmen. »Es geht um unsere Sicherheit. 15 Morde an indigenen Vertreter*innen seit Jahresbeginn sind mehr als ein Grund, um Alarm zu schlagen«, sagt Chocué und legt die Stirn in Falten. Chocué gehört den Nasa an, der mit knapp 200 000 Menschen zweitgrößten indigenen Ethnie Kolumbiens, und lebt in der Gemeinde Las Delicias, die nahe der umkämpften Kleinstadt Toribío im Norden des kolumbianischen Verwaltungsbezirks Cauca liegt.

Die Gegend gilt als Risikoregion, weil hier der Krieg zwischen Armee, dissidenten Kämpfern der demobilisierten Farc-Guerilla und Paramilitärs wieder aufgeflackert ist. Davon zeugen die Transparente mit dem Konterfei von Manuel Marulanda, dem Gründer und 2008 verstorbenen Comandante der Farc-Guerilla, auf dem Weg in das Dorf Tacueyò. »Columna Movil Dagoberto Ramos« steht unter dem Konterfei Marulandas, und die Einheit ist nicht die Einzige, die im Norden des Cauca aktiv ist. »Zwei Farc-Kolonnen, die ›Dagoberto Ramos‹ und die ›Jaime Martínez‹, sind hier aktiv. Etliche unserer Repräsentanten wurden von ihnen zum militärischen Ziel erklärt«, schildert Chocué mit sorgenvoller Mine und fährt fort: »Anders als früher werden indigene Repräsentanten, Frauen wie Männer, nicht nur zum militärischen Ziel deklariert. Nein, sie werden gezielt ermordet – von bewaffneten linken Akteuren, aber auch von rechten.«

Das letzte Opfer heißt José Miller Correa und war wie Chocué einer der Repräsentanten des Acin, eines Verbundes von 22 indigenen Territorien im Norden des Cauca. In der Nähe der Provinzhauptstadt Popayán wurde er von Killern erschossen und Mitte März beerdigt. Seitdem bewegen sich Henry Chocué und andere indigene Autoritäten noch vorsichtiger in der Region. Auch das Treffen in Tacueyò, wo es um Sicherheitskonzepte für Indigene geht, wurde minutiös vorbereitet.

Die Zentrale des Acin befindet sich in Santander de Quilichao, der quirligen Regionalstadt rund eine halbe Fahrtstunde südlich der Millionenmetropole Cali. Die Organisation hat einen vierstöckigen Bürobau an der 11. Straße im Stadtteil Bolivariano hochgezogen. Dort geht es zu wie in einem Bienenkorb; Dutzende Mopeds und Motorräder stehen auf dem Parkplatz, und in den Büros arbeiten rund 60 gut ausgebildete, oft junge Nasa. Milady Dicue Morales ist eine von ihnen. Die Rechtsanwältin leitet eine von sieben Abteilungen, in die der Acin strukturiert ist, und ist für Justiz zuständig. Sie zählt regelmäßig zu den Verhandlungsdelegationen der Organisation mit der Regierung.

Gegenüber ihres Schreibtischs in einem Großraumbüro befindet sich die Abteilung für die »Verteidigung des Lebens«, gegenüber die für »Frauen und Familie«. Ein Stockwerk höher ist »Gesundheit« angesiedelt, sowie die Presseabteilung mit drei modernen Radiostudios, wo Beiträge für mehrere lokale und regionale Radiostudios produziert werden. Auch jene zum Tod von José Miller Correa und der Welle von Gewalt gegen die indigenen Vertreter*innen. »Das ist nur ein Problem, das mit der Nichtumsetzung des Friedensabkommens mit der Farc durch die amtierende kolumbianische Regierung von Iván Duque einhergeht.

Zum Wiederaufflackern des Krieges im Cauca trug aber auch die Rekrutierung junger Männer in Corinto, Toribío, Yambalol und anderen Gemeinden bei. Teilweise gewaltsam«, kritisiert die 37-jährige Juristin. Sie lebt nahe der Kleinstadt Corinto, rund 30 Kilometer von Santander de Quilichao entfernt und ebenfalls in der Risikozone. Ihrem 13-jährigen Sohn wurde bereits Geld angeboten, um einer bewaffneten Gruppe beizutreten, erzählt sie mit sorgenvoller Mine.

Gegen die Rekrutierung Minderjähriger wehrt sich der Acin ebenso wie gegen das Anlegen von Koka- und Marihuana-Plantagen in indigenen Territorien und die Logik des Krieges an sich. Unterstützt wird er dabei von anderen indigenen Organisationen wie dem Rat der indigenen Völker des Cauca.

Eine wichtige Einrichtung ist für sie die Guardia Indígena, die indigene Wache, die 2001 als permanente Einrichtung zur friedlichen Konfliktlösung im Norden des Cauca gegründet wurde. »Die Guardia ist ein Akteur für den Frieden, sie schützt das Leben und das Territorium. Sie wird aktiv, wenn bewaffnete Verbände in indigene Territorien eindringen, wenn Jugendliche rekrutiert werden, und hat auch schon Opfer von Entführungen befreit – durch Verhandlungen und ihre Präsenz«, erklärt Dicue Morales. Sie arbeitet eng mit dem Koordinator der Guardia Indígena, Oveimar Tenorio, zusammen, der gegenüber im Büro zur »Verteidigung des Lebens« seinen Schreibtisch stehen hat. Dort laufen alle Fäden zusammen, um ein Treffen aller lokalen indigenen Autoritäten wie in Tacueyò vorzubereiten.

Dutzende Männer, Frauen sowie Jugendliche mit den charakteristischen himmelblauen Westen, auf denen die Nasa-Worte »Kiwe Thegnas« für Guardia Indígena stehen, sind in Tacueyò im Einsatz. Sie haben Zugangsstraßen im Blick, sind aber auch rund um den Veranstaltungsort präsent, an dessen Rand Oveimar Tenorio bei einer kleinen Gruppe steht und ins Funkgerät spricht. Handy und Funkgerät, eine kurze Machete als Hilfsmittel in den von Dschungel bedeckten Bergen des nördlichen Cauca, die blaue Weste sowie seinen Bastón, der kurze silberbeschlagene Stock, gehören zu seiner Ausrüstung. Der klein gewachsene, drahtige Mann ist froh, dass es heute ruhig ist. Er koordiniert die 2600 Freiwilligen, von zehn Jahren bis ins Seniorenalter, darunter mehr als 1200 Frauen im Norden des Cauca. »Die Guardia ist vor allem eine Schule, in der Kinder, Frauen und Männer gemeinsam lernen, wo die eigenen Wurzeln liegen. Unsere Sprache Nasa Yuwe wird dort gefördert, die eigene Kultur gepflegt und unsere kosmopolitische Perspektive vermittelt«, erklärt er.

Tenorio ist in alle Abläufe involviert. Er leitet das zehnköpfige Koordinationsteam, das die Schulungen genauso wie Einsätze in Tacueyò oder jenen in Cali vor einem Jahr vorbereitet. Damals waren mehrere Hundert Guardia Indígena zur Unterstützung der Proteste im Rahmen des Paro Nacional, des landesweiten Streiks, im Einsatz. »Von den Demonstrierenden wurden wir jubelnd empfangen«, erinnert sich Oveimar Tenorio. Doch es fielen auch Schüsse auf die Guardia und die indigenen Anführer*innen – mehrere Menschen wurden verletzt. Das ist die bittere Kehrseite der Medaille, an der sich in den letzten Monaten nichts geändert hat.

»Sie haben uns ins Visier genommen, weil wir ein Eckpfeiler indigener Identität sind«, ist sich Oveimar Tenorio sicher. Er hat mehrere Anschläge überlebt und hofft, dass sich mit den Präsidentschaftswahlen, deren zweiter Wahlgang am 19. Juni ansteht, etwas ändern wird. Das ist weitgehend Konsens unter den indigenen Autoritäten, die unter einer nach allen Seiten offenen Holzkonstruktion, einer sogenannten Tulpa, diskutieren. »Im Kern geht es darum, wie wir mehr Sicherheit schaffen können«, erklärt Henry Chocué am Rande der Versammlung.

Dabei spiele die Guardia Indígena eine zentrale Rolle. »Sie steht nicht nur im Norden des Cauca, sondern auch in anderen Konfliktregionen den Banden im Weg, die wieder mehr Kokain und Marihuana produzieren. Deshalb werden sie immer häufiger gezielt angegriffen. Das ist eine direkte Folge der Nicht-Umsetzung des Friedensvertrages«, kritisiert er offen. Chocués Name steht genauso wie der von Oveimar Tenorio auf Todeslisten von dissidenten Farc-Kommandos, aber auch von Paramilitärs. Das sorgt für Unsicherheit und Angst, und das ist das Kalkül bei den Wahlen. Für die mobilisieren auch die indigenen Organisationen.

Tenorio ist ein Multiplikator innerhalb der Guardia Indígena. Er hofft, dass sein Kandidat, Gustavo Petro vom linken Pacto Histórico, im Cauca gewinnen wird und vertraut der Vizepräsidentschaftskandidatin Francia Márquez. »Sie kommt von unten, ist kriminalisiert, verfolgt und dann in die Politik gegangen. Sie ist ein Vorbild – für uns und andere«, meint Tenorio. Davon zeugen schon die Ergebnisse der Parlamentswahlen vom 13. März, die das Duo des Pacto Histórico im Cauca weit vorn sah. »Die Frage ist nur, ob das auch im Rest des Landes so sein wird«, sagt er mit einem nervösen Lachen.

Dann dreht er den Kopf zur Seite und verfolgt die ersten Wagen, die wieder abreisen. Die Krisensitzung der Autoritäten des Acin ist vorbei. Einige der Teilnehmenden unterhalten sich noch, andere gehen nach der Verabschiedung zu ihren Wagen. Alles unter den wachsamen Augen der Guardia Indígena. Oveimar Tenorio wird abwarten, bis alle unterwegs sind. Dann geht es zurück nach Santander de Quilichao. Dort steht noch ein Treffen an, wo die Beschlüsse zur Sicherheit ausgewertet sollen und dann alles Notwendige in die Wege geleitet, um sie umzusetzen. Klar ist, dass auf die Guardia Indígena viel Arbeit zukommen wird.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal