Burn-out statt Barrikade

Wenn Arbeit krank macht. Psychische Erkrankungen auf neuem Höchststand

Entgrenzte Arbeit wird auch mal mit ins Bett genommen.
Entgrenzte Arbeit wird auch mal mit ins Bett genommen.

Im ersten Jahr der Pandemie wurden viele Erwerbstätige in Kurzarbeit geschickt. In manchen Wirtschaftszweigen wurde diese Regelung auch 2021 noch praktiziert. Theoretisch gab somit weniger Arbeit, praktisch aber wurden die Überstunden dadurch nicht weniger. In Deutschland sind es Milliarden. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung registrierte für das Jahr 2020 insgesamt 1,68 Milliarden Überstunden, davon 892 Millionen unbezahlt. Das ist weit mehr als die Hälfte. Geleistet eigentlich von wem und in welchen Branchen? Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gab eine repräsentative Umfrage unter abhängig Beschäftigten in Deutschland in Auftrag. Sie ergab, dass mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer:innen unter einer Arbeitsverdichtung leidet. Ihr Fazit: In der gleichen Zeit müsste mittlerweile mehr geleistet werden. Bezeichnungen wie »gehetzt und sehr gehetzt« fielen als Beschreibung für den Arbeitsalltag. Diese Angabe machten 48 Prozent der Beteiligten. Und 36 Prozent von ihnen gaben an, am Ende des Arbeitstages so erschöpft zu sein, dass für private Dinge einfach keine Kraft mehr da sei. Fast dieselbe Prozentzahl schaltet nach Feierabend kaum bis gar nicht mehr ab. Der Arbeitsstress wird somit in die Stunden des Tages hineingenommen, die eigentlich zur Erholung gedacht sind.

Dieser Trend von Überarbeitung zeigt sich auch im Homeoffice. Denn, so der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus: »Homeoffice ist in vielen Branchen zur Norm geworden, wobei die Grenzen zwischen Zuhause und Arbeit oft verschwimmen.« Wer jedoch viele Überstunden macht, generell unter Zeitdruck steht, geht auch häufiger krank zur Arbeit. Diese Beobachtung bestätigt eine Beschäftigungsstudie der Techniker Krankenkasse (TK). Veröffentlicht wurde sie Ende vergangenen Jahres. Demnach tut dies jede oder jeder zweite Beschäftigte. Einige manchmal, andere häufig oder sogar sehr häufig. Frauen öfter als Männer.

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Menschen, die trotz Krankheit weiterhin in den Job gehen, riskieren viel. Eine chronische Erschöpfung, Burn-out, Depressionen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Letzteres ist eng miteinander verknüpft, belegt der aktuelle DAK-Gesundheitsreport 2022. Gail Kinman, Psychologieprofessorin, analysierte bereits 2019 die Zusammenhänge von Arbeitsdruck und Krankheit. In der Fachwelt gibt es einen Namen dafür – Präsentismus. Wenn man trotz Erkrankung in den Job geht, selbst bei nur zwei Tagen hintereinander, spricht man davon. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Hohe Anforderungen, lange Arbeitszeiten, aber auch Zeitdruck und Schichtarbeit gehören dazu. Abhängig Beschäftigte beispielsweise, die nicht selbst entscheiden können, ob sie ihre Arbeit im Falle einer Krankschreibung weiterleiten dürfen, befürchten nach ihrer Genesung einen Berg an Nacharbeit. Den wollen sie vermeiden, es baut sich eine Hemmschwelle auf und sie gehen nicht zum Arzt. Ein anderer handfester Grund, krank weiterzuarbeiten, sind finanzielle Sorgen. Das trifft vor allem auf Selbstständige, Freelancer und projektgebundene Honorarkräfte zu. Bleiben sie ihrem Auftrag fern, gibt es kein Einkommen. Das Geld fließt nur und erst nach Auftragserledigung. Ein weiterer Grund, im Job erkrankt dranzubleiben, ist die Angst, ersetzbar zu sein.

Entgrenzte Arbeitszeiten, das funktioniert. Nicht selten sogar eine ganze lange Weile. Auf Dauer aber – so die Kinman-Studie – stellen sich Risiken und Langzeitfolgen ein: Herzerkrankungen, weil Krankheiten verschleppt wurden; ein geschwächtes Immunsystem wegen chronischer Erschöpfung; physische und psychische Erkrankungen. Gefährdet, aber noch gar nicht im Blick ist dabei die Generation der Start-ups. Die Gründer:innen sind jung, ihre Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen von Beginn an, die Privatisierung der Arbeitszeit ist Bestandteil ihres Alltags. Sie glauben, die Entscheidung in der Hand zu haben, nehmen die Selbstausbeutung ihrer Energie und Zeit in Kauf. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei ausschließlicher Telearbeit. Auch hier gibt es keine eindeutige Grenze zwischen Privatem und Beruflichem. Und doch sollten im Homeoffice dieselben Regeln wie am Arbeitsplatz gelten – krank vor dem Computer ist weniger gesund.

Der DAK-Gesundheitsreport 2022 erschien Ende April dieses Jahres unter dem Titel »Risiko Psyche: Wie Depressionen, Ängste und Stress das Herz belasten«. In Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch die Todesursache Nummer eins. Daran sterben jährlich bundesweit rund 340.000 Menschen. Natürlich sind Rauchen, Übergewicht, zu wenig Bewegung und Diabetes Ursachen dafür. Zunehmend aber auch negativer Arbeitsstress, Depressionen und Angststörungen. Etwa ein Fünftel der Erwerbstätigen gibt das als Grundursache ihrer Herz-Kreislauf-Erkrankung an. Seit 2008 hat sich die Anzahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen übrigens mehr als verdoppelt. Das liegt zum einen daran, dass solche Erkrankungen heute schneller und besser erkannt werden, zum anderen daran, dass Betroffene sich nicht mehr für so eine Erkrankung schämen müssen. Trotzdem wirft es sie aus der Bahn, manchmal aus dem Leben. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzte, dass pro Jahr etwa 11 Millionen Krankheitstage durch depressive Erkrankungen anfallen. Zu mehr als 90 Prozent seien dafür Depressionen, Ängste, Zwangs- und Belastungsstörungen verantwortlich. Und die fallen nicht vom Himmel. Studien, auch die bereits zitierte des DGB, verweisen auf den enormen Einfluss der Arbeitsbedingungen, wenn es um das psychische Befinden der Beschäftigten geht. Jeder dritte Beschäftigte sagte, dass in den vergangenen zwölf Monaten »deutlich mehr Arbeit« zu bewältigen war als noch im Jahr davor. Das Gros der In-Lohn-und-Brot-Stehenden fühlt diese Mehrbelastung an Arbeit, kennt aber häufig die Ursachen nicht.

Der Philosoph Stephan Siemens und Eva Bockenheimer, promoviert und tätig in gewerkschaftlicher Bildungsarbeit, untersuchten dieses Mehr an Arbeit. Ihr Ausgangspunkt ist die in den 1990er Jahren noch sichtbare Präsenz des Arbeitgebers. Er steuerte direkt die Arbeitsprozesse, machte klare Ansagen, sagte, was zu tun sei und verlieh dem Ganzen durch Kontrolle noch Nachdruck. Mittlerweile, so die beiden Expert:innen, treten sie scheinbar zurück und überlassen den Teams die Entscheidungen zu den Abläufen und der Organisation der Arbeit. In der Managersprache steht dafür der Begriff »Coopetition«, eine Verknüpfung von Cooperation und Competition. Sie beleuchten dieses Arbeitsprinzip am Beispiel von Saturn und Media-Markt. Beide Märkte stehen sich in knallharter Konkurrenz gegenüber. Wer schafft die größte Kundenbindung, wer den meisten Verkauf, wer die Auslieferung in kürzester Zeit, egal in welchem Segment? Am Ende jedoch wirtschaften die Beschäftigten in ein- und dieselbe Tasche: Der Profit landet im Metro-Konzern.

Bewusst ist das den Mitarbeiter:innen eher weniger. Siemens und Bockenheimer beleuchten diese »indirekte Steuerung« folgendermaßen: »Das Management organisiert Anlässe, bei denen andere – KollegInnen, KundInnen oder LieferantInnen – die Beschäftigten in eine Situation bringen, für den gemeinsamen unternehmerischen Zweck etwas (mehr) zu tun […] Sie kommen in eine Doppelrolle: Sie sind abhängig Beschäftigte und nehmen zugleich gemeinsam Unternehmerfunktionen wahr.« Als Team, als »Wir« muss umgesetzt werden, was »gemeinsam« beschlossen wurde. Diese »Ich-Wir«-Struktur, der Einzelne und das Team, bleibt unbewusst. Sie treibt dazu an, länger zu arbeiten als tariflich erforderlich. Schließlich möchte keiner das Team hängen lassen, jeder trägt einzeln zum »Teamerfolg« bei. Und der ergibt sich dann folgendermaßen: Es werden straffe Terminzusagen gemacht. Ideelle Annahmen, fast immer unrealistisch in der Praxis. Was allerdings heißt, die Beteiligten planen von vornherein ihre Freizeit mit ein. »Der Unterschied zwischen den wirklichen Arbeitszeiten und den tariflich vereinbarten spiegelt also die Macht der – von der Unternehmensleitung organisierten und zur indirekten Steuerung genutzten – Gruppendynamik in den Teams.« Weiter heißt es: »Beispielsweise führt eine zu dünne Personaldecke immer wieder dazu, dass KollegInnen füreinander einspringen müssen.« Besser ist es, da mitzumachen, weil man vielleicht selbst einmal vertreten werden muss. Oder: Das Unternehmen spart sich die Einarbeitung neuer MitarbeiterInnen und setzt darauf, dass KollegInnen mit Erfahrungswissen dies »nebenbei« übernehmen.

Führungskräfte entlocken ihren Beschäftigten auf diese Weise wesentlich mehr Arbeitszeit als vertraglich vereinbart. Nicht selten sind es Zeiten, die weder erfasst noch vergütet werden. Aber die Verantwortung dafür »scheint nicht mehr beim Unternehmen zu liegen, sondern bei den Einzelnen«. Dorthin wandert der Schwarze Peter. »Nicht die Arbeitsorganisation ist das Problem, sondern die individuelle Unfähigkeit, der eigenen Arbeit Grenzen zu setzen.« Dieses System zu erkennen, ihm etwas entgegenzusetzen, vielleicht sogar zu entrinnen, ist eine Herkulesaufgabe, braucht viel Aufklärung und mutige Arbeitnehmervertretungen. Vielleicht sogar Streik.

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